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März 2008
Ronald Klein
für satt.org

streetBEATS III

Joe Rilla:
Auferstanden aus Ruinen
(Aggro Berlin)

Joe Rilla: Auferstanden aus Ruinen

Zugegeben, Joe Rilla würde niemand als Narr bezeichnen wollen. Der 33-jährige aus einem Ostberliner Plattenbau-Viertel stellt in „Der Osten rollt“ auch gleich klar: „Du willst mich ficken? / Ist interessant, du Punk / Hier liegen 120 Kilo auf der Hantelbank“. Die 120 Kilo Lebendgewicht stecken in einer martialischen Bomberjacke, aus der ein rasierter Schädel herausguckt: „Ich steh für Ostberliner Hooligans / Ihr spielt in der Oberliga / Ich in der dritten Halbzeit“. Das passende Video klickten über 150 000 Menschen bei Youtube an. Es erfüllt alle Klischees, die zu Berlin-Marzahn oder Leipzig-Grünau passen: vom Plattenbau bis zum Kampfhund. Die deutschen Tageszeitungen – gewöhnlich wenig rap-affin – wagten das Album des ungewöhnlichen Berliners zu rezensieren. Das Urteil fiel einhellig und vernichtend aus. Der Tenor, der Rilla auf eben dieses Video reduziert, ist entlarvend: Denn das Denken in Klischees, das die Rezensenten dem Marzahner vorhalten, findet eben in den (nicht-rasierten) Schädeln der schreibenden Zunft statt, wenn Herkunft des Künstlers und das Hören eines Songs reichen, um ein Album zu zerreißen. Und in diesem, wirklich nur in diesem Punkt, funktioniert Rilla als Narr, der den vermeintlichen Gutmenschen den Spiegel vorhält. –Wer sich hingegen auf die 18 Songs einlässt, entdeckt nicht nur ein sauber produziertes Album mit gelungenen und fetten Beats, sondern auch textliche Zwischentöne, die im deutschen HipHop eine Seltenheit darstellten. Rilla lässt sich weder auf die Battlerap-Schiene ein, die den Hauptstadt-HipHop bekannt machte, noch verfällt er in das Blödelrap-Schema, das vor allem die Neunziger dominierte. Bereits der Eröffnungstrack „Auferstanden aus Ruinen“ ist ein Brett. Eine wahre Wucht. Die Textzeile, die auch die DDR-Nationalhymne enthielt, symbolisiert augenzwinkernd die Herkunft Rillas, besitzt aber ebenso einen ernsten Hintergrund: Vor kurzem verlor Rilla seinen Sohn. Diese persönliche, hoch tragische Disposition zieht sich wie ein roter Faden durch mehrere Songs und mündet schließlich in dem souligen, letzten Lied „Vater und Sohn“. „Auferstanden aus Ruinen“ steht somit für persönlichen Kampf. Für das Nicht-Aufstecken. Der Mittdreißiger verzichtet komplett auf das interne Rekurrieren der HipHop-Szene. Statt dessen steht das Storytelling im Vordergrund. „Meer aus Beton“ erzählt das Aufwachsen in Marzahn. Die ersten Konfrontationen mit Gewalt, mit den berüchtigten Nazi-Skins, die in den Satelliten-Städten ihr Unwesen trieben und noch immer treiben. Rilla konterkariert ebenfalls das trojanische Pferd, das er mit „Der Osten rollt“ in die deutschen Charts schob: „Es ist egal, woher du kommst“. So erscheint es kaum verwunderlich, dass Rilla in den 90ern mit Joy Denalane quer durch Europa tourte, anschließend unter anderem mit dem HipHop-Intellektuellen Curse kooperierte und die Beats für Gold-Alben von „Westlern“ wie Sido produzierte. Rilla dekonstruiert zwar keine Pop-Musik, sondern macht in erster Linie HipHop. Den aber perfekt. Und dem Gewalt-, Intoleranz- und Ausgrenzfilm der jungen Rapper setzt er eine fast penetrant positive, aber komplett sympathische Attitüde entgegen: „Sie können Mauern bau’n, sie können hier Zäune ziehen, Du weißt – was ich mein – komm wir reißen sie ein!“





» Interview mit Joe Rilla
» www.joe-rilla.com
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