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Die Box




Februar 2008
Robert Mießner
für satt.org

Zäh geblieben

Jim Jones (1950 - 2008) hätte es noch hören sollen:
Pere Ubu im alten, nebelverhangenen Westberlin

Jim Jones
Jim Jones (1950 - 2008)
Foto: Pere Ubu

Er starb im Clubsessel. Jim Jones, in den späten Siebzigern Mitglied der Pere-Ubu-Roadcrew, Mitstreiter bei David Thomas And The Pedestrians (»Variations on a theme«, 1984) und The Wooden Birds, von 1987 bis 1996 fest bei Pere Ubu, hatte sich vor über zehn Jahren mit Rücksicht auf seine angegriffene Gesundheit aus dem Tourleben verabschiedet. Auf Pere Ubus »Pennsylvania« (1998) ist er noch zu hören. Frührentner war er nicht. Jones koordinierte seit 1990 die US-Aktivitäten von Ubutique, dem Versandshop der Band, der mit dem schönen Slogan »It’s not Merchandise. We call it Music« wirbt. Jones hatte sein Berufsleben selber als Plattenhändler begonnen, fünfzehn Jahre als Angestellter und drei Jahre als sein eigener Chef gearbeitet. Der Beatlesfan begeisterte sich, angeregt von George Harrison, für indische Musik, Klassik, Sergei Prokofjew, Erik Satie, Experimentelles, Fünfziger- und Sechzigerjahre-Pop. Sein Enthusiasmus konnte ansteckend sein, sagen die, die ihn kannten. Er griff früh selber zur Gitarre, brachte sich das Instrument bei und sorgte als Solokünstler, als Gitarrist, Keyboarder und Produzent bei den Mirrors, Electric Eels, The Styrenes, Foreign Bodies, Easter Monkeys, Home and Garden, Speaker/Cranker und King NXN dafür, dass Cleveland am Eriesee nicht nur für Bankrott und NASA, sondern auch für Underground steht. Ausgerechnet am 18. Februar 2008, als Pere Ubu sich auf Deutschlandtour befanden, erlag er einem Herzanfall. In einer idealeren Welt hätte er am Tag darauf das Konzert im Westberliner Quasimodo noch hören sollen.


Pere Ubu
v.l.n.r. Steve Mehlman, Michele Temple, Keith Moliné, David Thomas, Robert Wheeler, Foto: Lex Van Rossen.
  Pere Ubu: Why I Hate Women

Die Gegend um den Kurfürstendamm verwandelt sich im abendlichen Berliner Spätwinter in eine der Geisterstädte, von denen David Thomas seit 1975 unermüdlich bei Pere Ubu singt. Nebel verhüllt die Ruine der Gedächtniskirche, drängt sich vor auf Beate Uhses Erotikmuseum, daneben der freundliche Schnellimbiss, der Bier in kleinen, handlichen Flaschen serviert. Der Weg zum Club führt treppabwärts. Pere Ubu, laut David Thomas eine Garantie für kommerzielles Desaster, fangen, das ist löblich und selten, pünktlich an. Mit »Texas Serenade«, zu finden auf »Why I hate Women«, ihrem großen und scharfkantigen Album von 2006, das an diesem Abend ausgiebig gespielt wird. Man muss es schon vorher sehr oft gehört haben, will man den Song in dieser halb geflüsterten, halb alarmierenden Version wiedererkennen. Pere Ubu spielen Rockmusik und nehmen sie dabei beherzt auseinander. David Thomas, ein Mann von der Statur Orson Welles’, ist mehr Dramaturg als einfach nur Sänger. Er greift sich einen altertümlichen Telefonhörer, der zum Mikrofon umfunktioniert wurde, und erzählt von den Fallen und Fällen unseres Bewusstseins. Seinen langen schwarzen Mantel wird er den ganzen Abend über nicht ablegen. Setzt sich, er ist Jahrgang 1953, zwischen den Songs auf einen auf der Bühne eigens abgestellten Stuhl. Thom Yorke und Sting werden mit Verbalinjurien bedacht. Bevor Thomas für einige Minuten hinter der Bühne verschwindet, um eine Zigarette zu rauchen, erinnert er das Publikum daran, was seit 01. Januar neu ist: »Deutsche, wir haben auf euch gezählt. Aber auch ihr habt kapituliert.« Der Zugabenteil bringt »Final Solution« (1976), die Hymne auf den fröhlichen Nihilismus aus Cleveland, der Stadt, die Jim Jones als Beispiel für nicht nachlassende Zähigkeit gesehen werden wollte. Am 09. März wird seiner dort im Beachland Ballroom gedacht.



» www.ubuprojex.net



Die auf Fontana erschienenen Alben mit Jim Jones
sind kürzlich wiederveröffentlicht worden.