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Die Box




März 2008
Martin Jankowski
für satt.org

Johnny Clash gibt nicht auf
Billy Bragg: Mr. Love and Justice

Billy Bragg: Mr. Love and Justice

Bragg? Billy Bragg? War das nicht der Mann, der in den Achtzigern ganz allein mit seiner E-Gitarre ganze Hallen zum Toben brachte? War das nicht der Typ, der sich sogar regelmäßig von der Ostberliner FDJ zum „Festival des politischen Liedes“ in den Palast der Republik einladen ließ, um uns Brüdern und Schwestern hinter der Mauer ein wenig offenherzige Gesellschaftskritik und britische Soundextase in den tristen Alltag zu zaubern? Ganz recht, es gibt ihn noch, den Mann, der bei seinen Live-Konzerten die Massen im Alleingang in Entzücken versetzte. Im Dezember 2007 feierte er mit einem Konzert in der Londoner Queen Elisabeth Hall seinen fünfzigsten Geburtstag. Und sechs Jahre nach seinem letzten Lebenszeichen, dem Album „England, Half English“ meldet sich der rührige Singer-Songwriter von der Insel nun mit einem neuen Album zurück. Und wie eh und je ist Bragg ein Mann mit Botschaft, ein politischer Sänger des Engagements, ob er nun unter dem Künstlernamen Johnny Clash Instrumente für Gefängnisinsassen besorgt, einen englischen Text für Beethovens Musik zu Schillers „Ode an die Freude“ kreiert (im Oktober 2007 vom London Symphony Orchestra für die Queen aufgeführt), ein großes Bob-Dylan-Tribute-Konzert organisiert (London September 2007) oder eben neue Songs schreibt – immer geht es um Freiheit, Gerechtigkeit und Liebe oder öfter noch um die traurige Abwesenheit all dessen.

Nachdem Billy Bragg in den letzten Jahren in Großbritannien gewissermaßen seine Kanonisierung erlebte – man verlieh ihm den Classic Songwriter Award und veröffentliche CD- und DVD-Boxen mit all seinen Hits, Raritäten und Konzertmitschnitten – beginnt er mit dem Album „Mr. Love and Justice“ nun gewissermaßen in die zweite Hälfte seiner Karriere. Bragg, der in den Siebzigern in einer Punkband startete, wurde in den eisernen Achtzigern der politische Rockbarde Englands (mit einigen Top Ten Hits) schlechthin, in den Neunzigern spielte er sich dann mit etlichen amerikanischen Folkrockern durch die klassische amerikanische Songliteratur, um nun, in den „Nullerjahren“ des neuen Jahrhunderts, mit einem glasklaren Folkalbum klassischen Stils wiederzukehren. Liebevoll arrangiert und von der routinierten Begleitband The Blokes unaufgeregt inszeniert, reihen sich zwölf eingängige Songs wie Perlen auf die Schnur. Schon die Startnummer „I keep faith“ zeigt, dass Bragg die Sache nun etwas ruhiger angeht. Fast könnte man meinen, er wolle Slowhand Clapton Konkurrenz machen, aber auch die Mitwirkung von Gastsänger Robert Wyatt (Softmachine etc.) macht aus dem Song, dessen simple Melodie sich schon beim ersten Hören quasi ins Ohr sägt, keinen Reißer. Weiter geht es mit gefällig arrangiertem Folkrock, aus dem höchstens das lässige „M for Me“, das wiederum an Eric Clapton erinnernde „Sing their souls back home“ oder „O Freedom“ herausragen (in dem dann endlich für ein paar kurze Takte die alte Leidenschaft in Braggs Stimme aufscheint). Der Titelsongs „Mr. Love and Justice“ versorgt uns mit der Erkenntnis, dass Politiker verlogen sind und nichts für immer ist. Auch in den anderen Songs geht es vor allem um die Ungerechtigkeit in der Welt. Nun ja. Ich habe mich beim Hören dieses Albums heftig nach den alten Live-Aufnahmen gesehnt, in denen Bragg in den Achtzigern die Massen mit Stimme, Gitarre und heißem Herzen mitriss. Das hier ist nicht schlecht, braver Folkrock eben, gut gemacht und perfekt produziert, wie wir ihn in den letzten zwanzig Jahren zwischen Berlin und San Francisco vielfach, und auch schon besser gehört haben. Den Bragg-Fans wird es dennoch gefallen. Und vielleicht kommt BB ja demnächst mal wieder in meine Stadt (obwohl der Palast der Republik inzwischen fehlt) und vielleicht lässt er ja seine Band zuhause, deren Sound ihn auf dem Album so gefällig einhüllt, dass seine Stimme all ihre Farbe und Lebendigkeit verliert... Gut möglich, dass mich die Songs dieses Albums doch noch begeistern, wenn sie der Meister mit Verve auf einer Bühne und vor echten Menschen (und nicht in der Sterilität eines bequemem Londoner Studios) zum Leben erweckt.



» www.billybragg.co.uk