Anzeige:
Die Box




Februar 2008
Martin Jankowski
für satt.org

MILKWOOD:
Mein langsames Leben
(bedheim recordings 2008)

MILKWOOD, Mein langsames Leben

Ende Januar wurde in Weimar das siebte Album von Milkwood vorgestellt. Nach über dreijähriger Pause gibt es neue Lieder von Cornelius Kirfel und Freunden. Obwohl die Stücke dieses Mal mehr auf das einfache Songschreiben konzentriert sind, so dass etliche Lieder fast nur aus Gitarre und Gesang bestehen, bricht hier und da die gewohnte Melodienvielschichtigkeit hervor, bei der unweigerlich das Kopfkino anspringt... Milkwood etabliert einen eigenen Sound, klar und erdig, erfrischend naiv, der - jenseits einer Mischung aus The Notwist und Leonard Cohen, Tarwater und Adam Green oder anderen Musikhelden des Somnambulen - seinen eigenen Trampelpfad sucht und findet. Ähnlich wie beim legendären Smog (dem amerikanischen Singer-Songwriter Bill Callahan) oder The Notwist aus Weilheim entstehen die Alben in monatelanger Tüftelarbeit abseits der Szene in einem kleinen Studio - auf Schloss Bedheim in der südthüringischen Provinz. Und in der Tat: „Mein langsames Leben“ atmet die Ruhe und Verträumtheit des Lebens jenseits der großen Städte.

◊ ◊ ◊

Interview mit Cornelius Kirfel von MILKWOOD
zum soeben erschienene Album „Mein langsames Leben“:

satt.org: Du hast bislang schon mehrere, zum Teil recht unterschiedliche Alben veröffentlicht. Was unterscheidet „Mein langsames Leben“ von den vorherigen?

Milkwood: In erster Linie ist es besser produziert. Außerdem habe ich mich noch mehr auf das einfache Songschreiben und Gitarrenspiel konzentriert. Ich habe versucht, die vielen Melodieebenen zu reduzieren, die ich bei meinen vorherigen Alben gerne eingesetzt habe.

Du verbindest die klassischen Elemente des Folk mit elektronischen Sounds. Wo liegen Deine musikalischen Wurzeln und Vorlieben?

Musikalisch bin ich groß geworden mit den Beatles, den Schlafliedern meiner Mutter, auch mit klassischer Klavier- und Gitarrenmusik. Ich hab gerne Tschaikowskis Nussknacker gehört. Den Song „Das Model“ von Kraftwerk, der Anfang der 80er oft im Radio lief, fand ich auch super. Später kamen dann die Phasen Punk, Grunge, Elektronik. Meine Vorlieben sind weit gestreckt. Ich habe mir keine konkreten Grenzen gesetzt. Von Elektroakustik bis Blasmusik – zu allem würde und ist mir etwas eingefallen. Unbestritten aber ist mein Hang zu melancholischen Melodien.

Auf my space firmiert das musikalische Unternehmen Milkwood als melodramatic popular song/folk. Deine Texte sind poetisch, volksliedartig, aber meistens auf Englisch. Auch scheint Dein Songwriting eher von amerikanischen Vorbildern beeinflusst zu sein als von deutschen – wie kommt das?

Milkwood

Cornelius Kirfel ist Milkwood
Foto: Alex Lembke

Englisch fügt sich lautmalerisch gut in die Musik ein. Ich habe immer dreimal so viel Lieder wie Texte und bin froh über jedes Wort, das ich irgendwie zu fassen kriege. Und meistens ist es Englisch, weil ich die Gesangsmelodie in Fantasieenglisch daher singe. Man kann sich auch hinter dieser nichtalltäglichen Sprache verstecken, es klingt geheimnisvoller. Ich würde gerne mehr deutsche Texte schreiben, wenn mir mehr einfielen. Auf dem Album „Hin&Weg“ gibt es ein paar Lieder, die wirklich keinen Text haben. Ich singe da einfach irgendwas auf Fantasieenglisch. Ist das schon jemandem aufgefallen?
Das amerikanische Songwriting hat ja seine Wurzeln unter anderem im Europäischen. Mit meinen Vorbildern bin ich noch weiter zurückgegangen. Es gibt eine Schallplatte von Hannes Wader „Volkssänger“, auf der er deutsche Volkslieder spielt. Die habe ich auch als Kind oft gehört und vor etwa zehn Jahren wieder entdeckt. Gleichzeitig war ich auf elektronische Musik gestoßen und dachte mir, dass müsste man irgendwie zusammenbringen. Was mich an den amerikanischen, aber auch englischen und skandinavischen Songwritern beeindruckt, ist die Art und Weise der Produktion, der Klang/Sound der Aufnahmen. Die klingen einfach super. Und das will ich auch hinbekommen

Wie kam es zu dem Titel „Mein langsames Leben“? Gab es ein spezielles Konzept für dieses Album?

Den Titel habe ich von dem Film „Mein Langsames Leben“ von Angela Schanelec. Die Freundin eines Freundes hat da mitgespielt. Im Sommer 2006 hab ich ein Lied gemacht, das ich so nannte. Ich brauch oft lange für manche Dinge, aber am Ende geht dann doch alles ganz schnell. Ein spezielles Konzept gab es nicht, außer dass ich ein Album machen wollte, das ich auch live spielen kann. Ansonsten produziere ich meine Alben spontan, wie sie eben kommen. Das einzig richtige Konzeptalbum, das ich gemacht habe war mit den Cointel Allstars, eine Band von Freunden, bei der ich Bass spiele.

Der Name Deines musikalischen Projekts, Milkwood, erinnert an Dylan Thomas’ berühmtes Buch „Unter dem Milchwald“, nach dessen Lektüre sich vor fast einem halben Jahrhundert bereits ein gewisser Robert Zimmermann den Namen Bob Dylan gab. Was hat es für Dich mit dem Milchwald auf sich?

Den Namen hat mein jüngster Bruder (der belesener ist als ich) mal fallen lassen. Milkwood klang einfach gut und so hab ich ihn genommen. Das war im Herbst 1997. Der Sinn stellt sich ja oft erst hinterher heraus. Milkwood steht für die Vielseitigkeit meiner Musik. Es ist für mich nicht als Künstlername gedacht, sondern so heißt meine Musik. Denn als ich den Namen nahm, habe ich noch rein instrumentale Elektromusik gemacht. Die Songs kamen erst später (waren aber schon vorher da). Milkwood ist für mich wie ein Wald in dem alles passieren und wachsen kann. Es kann dort angenehme Stille herrschen, aber auch unerträglicher Lärm. Das Buch von Dylan Thomas hab ich erst viele Jahre später gelesen.

Als Absolvent der legendären Weimarer Bauhausuniversität in Mediengestaltung beschäftigst Du Dich nicht nur intensiv mit Musik, sondern auch mit der gesamten Produktion drum herum: Auf Deiner website finden sich zum Beispiel wunderbare kleine Filme wie etwa „Landunter“ oder „hin & weg“, in denen Du Deine Musik mit somnambulen Bildern zu wunderbaren kleinen Filmkunstwerken verbindest. Betrachtest Du Deine Arbeit als „Gesamtkunstwerk“ oder bist Du ein Musiker, der hin und wieder auch gerne mal das Artwork macht?

Es gab mal eine Zeit, da wollte ich Fotograf werden. Mein Interesse an allen künstlerischen und lebendigen Dingen ist sehr groß. Die Musik aber zieht sich durch mein Leben seit meiner frühesten Kindheit. Mit ihr komme ich am höchsten und am tiefsten. Man könnte es als Gesamtkunstwerk ansehen. Die Gestaltung der CDs mache ich beispielsweise auch selbst. Das Cover zu „Mein Langsames Leben“ ist komplett von mir ausgedruckt, geschnitten und verarbeitet. Doch ich wäre manchmal schon froh, einige Aufgaben abzugeben. Fragt sich nur an wen und wer das bezahlen soll...

Im Studio spielst Du viele Instrumente selbst ein und lädst Gastmusiker ein, um die Arrangements umzusetzen. Wie werden Deine künstlerischen Ideen in den Live-Konzerten auf die Bühne gebracht?

Leider erstmal so gar nicht. Mit der Organisation einer Band wäre ich überfordert. Fehlendes vom Band oder Rechner abzuspielen ist mir zu unspontan. Deswegen habe ich daran gearbeitet, nur mit Gitarre und Gesang auftreten zu können. Mit meinen früheren Alben (bisher sechs) habe ich nie Livekonzerte gegeben. Ich stehe also, während ich im Studio schon viel Erfahrung habe, mit meiner Bühnenkarriere ganz am Anfang.

Du bist wie gesagt Mediengestalter und auch gelernter Tontechniker und produzierst auf Deinem Label bedheim recording auch andere Künstler. Ist das eher ein Broterwerb oder entsteht da eine künstlerische Familie von Gleichgesinnten?

Vom Broterwerb bin ich da noch weit entfernt. Es sind Freunde, die ich unterstütze. Der Begriff Familie wäre vielleicht schon zu eng. Aber hier entsteht was. Was genau das ist, kann ich noch nicht sagen. Der Sinn des Ganzen stellt sich ja, wie gesagt, oft erst viel später heraus. Obwohl wir gerade versuchen, einen Namen für das Kind zu finden...

Du bist in Westdeutschland geboren und aufgewachsen und nach der Wende in die ostdeutsche Provinz gekommen. Wie empfandest Du diesen Wechsel und wie kam es, dass Du nach Deinem Studium in Weimar geblieben bist? Wie ist Dein Eindruck von der Musikszene in der Thüringischen Provinz?

Der Wechsel war auf der einen Seite schlimm und auf der anderen interessant. Schlimm war, dass ich länger bleiben musste als geplant und ich meine Freundin zurück ließ. Gut war, dass ich dadurch eine Band gründete und Freunde fand. Trotzdem wollte ich weg zu den alten Freunden und bin nach der Schule zurück nach Aachen. Aber dort wurde nichts aus einer neuen Band und so hab ich mir einen 4-Spurrecorder gekauft und angefangen selbst rumzubasteln. Mein ältester Bruder fing damals an, in Weimar Architektur zu studieren. Etwas später wurde dort der Studiengang Mediengestaltung aus der Taufe gehoben. Mein Bruder meinte, dass das was für mich sein könnte. Also hab ich mich beworben und wurde abgelehnt. Erst beim dritten Mal hat es geklappt. Ich habe mich in Weimar sofort wohl gefühlt. Anfangs gab es in hier noch keine besondere Musikszene. Aber in den letzten Jahren haben sich hier Künstler entwickelt, die sehr gute und schöne Musik machen. Es ist tatsächlich eine ernst zu nehmende Szene entstanden, die nur darauf wartet entdeckt zu werden. Da wären z. B. Peter Folk, Maria Schween, Christian Rottler, Alin Coen, Jan Frisch, Pentatones, The New Telepathics, um nur einige zu nennen.

Wo kann man Dich mit „Mein langsames Leben“ hören und was sind Deine nächsten Projekte?

Eine Tour muss ich selbst planen, deswegen kann alles etwas dauern. Ich versuch in Berlin einige Konzerte zu geben und in Hamburg, vielleicht auch in meiner alten Heimat Aachen. Über weitere Einladungen freue ich mich natürlich. Die nächsten Projekte wären, zu jedem Song von meinem Album ein kleines Video zu drehen (auf myspace gibt es schon einige zu sehen); dann Maria Schweens neue CD im Sommer auf Schloss Bedheim aufzunehmen, an ein paar geheimen Nebenprojekten zu arbeiten und irgendwann natürlich eine nächste Platte aufzunehmen. Songs hab ich genug, allein mir fehlen die Worte.

Vielen Dank, Cornelius Kirfel!



» /www.milkwood.de
» myspace.com/milchwald
» www.bedheim-recordings.de