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Die Box




Februar 2008
Christina Mohr
für satt.org

Kleine Bücherschau

Die Leipziger Buchmesse wirft ihre Schatten voraus: ab Mitte März werden wir über Neuerscheinungen aus dem weiten Feld des Musikbuchgenres berichten. Vorab - aber viel mehr als nur Zwischenprogramm - eine Aus- und Nachlese bereits erschienener Titel von Dietmar Dath/Daniela Burger, Evelin, John Niven, Charlotte Roche, Richard Williams, Legs McNeil/Gillian McCain und ein Sonderband zur Musikphilosophie aus der Reihe text + kritik.


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Daniela Burger,
Dietmar Dath:
The Shramps

Verbrecher Verlag
48 Seiten, € 9,-
Daniela Burger, Dietmar Dath: The Shramps

„The Shramps... den Namen hab' ich schon mal gehört, die machen doch Psychobilly, oder?“ Der fiktive Bandname auf dem Buchcover klingt so vertraut, so sehr schon-mal-gehört, dass es ein leichtes ist, im Popuniversum nicht ganz sattelfeste Leute damit aufs Glatteis zu führen. Was Schriftsteller Dietmar Dath und Grafikerin Daniela Burger in ihrem Buch/Heft „The Shramps“ tun, ist Meta-Pop, respektive Meta-Popjournalismus. „The Shramps“ ist ein Fake von vorne bis hinten (abgesehen von einem langen Text über Luigi Nono, der in der Mitte der Buchseiten „mitläuft“), macht aus seinem Fake-Dasein allerdings auch kein Geheimnis. Auf der Buch-Website steht: In »The Shramps« sind Plattencover, die es nicht gibt, zu Platten, die es auch nicht gibt, von Musikern, die es teils gibt und teils nicht (...)

Kann also niemand behaupten, er/sie hätte nichts gewußt. Die Idee hinter „The Shramps“ ist so vermessen wie lustig und großartig: Daniela Burger designt Plattencover zu Platten, die es nicht gibt. Dietmar Dath bespricht, verreißt oder belobhudelt diese nichtexistenten Platten in ihren fiktiven Covern. Darunter sind – um die Verwirrung komplett zu machen – auch fiktive Platten von realexistierenden KünstlerInnen wie Billy Bragg, Helge Schneider, Nina Hagen oder Brian Eno & David Bowie. Alle Texte sind so überzeugend/täuschend, dass man Mühe hat, die wirklichen (aber was heißt in diesem Kontext schon „wirklich“) Fakes auszumachen: Das Album „Poodle“ der Hardrockband Noodle dürfte ein solches sein, ebenso „Gretchen“ von der Neonazi-Frauenband Sturmfotze. Besonders als selbst im Popschreibertum dilettierende Person fühlt man sich von Daths pointiert klischeehafter Rezensionslingo entlarvt, vorgeführt, der eigenen Nutzlosigkeit angeklagt. Zur ausgedachten Platte „Métronome Ahoi“ der ausgedachten Künstlerin Simone schreibt Dath: „Das Ganze ist ein multikultureller, pfiffiger, zeitgenössisch-hipper, cleverer Kopfschmerzkrempel und sollte von Nervenkranken weiträumig umfahren werden, weil ihnen sonst das Blech wegfliegt. Alle anderen aber werden gewiß zugeben, daß es etwas ähnlich Belebendes in der internationalen Krawallkultur seit Boozoo Chavis, Nobi Bolpenwolch und Usama Bin Schubsi nicht mehr gegeben hat.“

Das sitzt. Genauso schreibt der/die PopjournalistIn und fühlt sich cool dabei. Das weiß Dath noch sehr gut aus seiner Zeit als Spex-Chefredakteur und von heute, wenn er der FAZ mal wieder unter dem Rubrik Feuilleton/Pop obskure Heavy-Metal-Bands unterjubelt. Mehr als einmal wünscht man sich, es gäbe Daths erfundenes Zeug wirklich (schon wieder „wirklich“), wie zum Beispiel das Trio Henry Rollins – Terre Thaemlitz – Lorena Bobbitt oder den Tribute-Sampler für Stephen King. Aber wer weiß, vielleicht gibt es diese Platten längst. Und The Shramps spielen nächste Woche im White Trash Fast Food in Berlin, hab' ich gehört.


» www.verbrecherei.de
» www.the-shramps.de


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John Niven:
Kill Your Friends

Übersetzt von
Stephan Glietsch
Heyne Hardcore
380 Seiten, € 12,-
John Niven, Kill Your Friends

Evelin:
Still not Famous I

Ventil Verlag
128 Seiten, € 24,90
Evelin, Still not Famous I

Charlotte Roche:
Feuchtgebiete

Dumont
220 Seiten, € 14,90
Charlotte Roche, Feuchtgebiete

Kontrastprogramm: Wem Dath und Burgers Abgesang auf die Authentizität zu subtil und durch-die-Hintertür daher kommt, wird an John Nivens Kriminalroman „Kill Your Friends“ seine Freude haben. Niven bilanziert mit drastischen Mitteln den Untergang der Musikindustrie, wie wir sie kennen – das eigentlich spannende und amüsante Thema leidet jedoch unter der sehr gewollt gegen den Strich gebürsteten Sprache. (Anti-)Held Steven Stelfox, A&R-Manager einer großen Plattenfirma, wird als unsympathisches Monster-Arschloch dargestellt, verwendet ad nauseam unkorrekte Begriffe wie Schwuler, Nigger oder Fotze, erreicht aber nie das (offensichtlich angestrebte) subtil-diabolische Niveau des „American Psycho“ Patrick Bateman.

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„Still Not Famous I“, die bei Ventil erschienene Werkschau der Malerin Evelin Höhne passt auf den ersten Blick nicht wirklich in einen Musikbuchartikel, auf den zweiten aber umso besser. Denn Evelin betreibt nicht nur ein eigenes Label (Fucky Laibel – darauf erschienen bisher Minitchév, Art of Kissing, Monsieur Mo Rio und Neoangin/Jim Avignon), ihre kulleräugigen, an Schneider-Buch-Illustrationen erinnernden Figuren zierten bereits Plattencover von Bum Khun Cha Youth und anderen. Das Evelin-Personal besteht aus Kindern, die eine Melange aus Hanni und Nanni, Mangas und Playmobil zu sein scheinen. Doch Evelins Kinder zeichnen sich durch ihre melancholisch gebrochene Niedlichkeit aus, eine Form des verzweifelten Aufbegehrens, die man eigentlich erst dann erreicht, wenn einem das Leben schon mehrere Balken zwischen die Beine geworfen hat. Auf vielen Evelin-Bildern befinden sich Slogans, Parolen oder Songtitel, die fast jedes Gemälde zum potentiellen Albumcover machen. In Schülerinnenschönschrift steht neben einem kleinen schwarzhaarigen Mädchen (das wohl nicht zufällig ihrer Produzentin ein wenig ähnelt) geschrieben: „Keiner zu klein, Fan zu sein“ oder „My records are better than your records.“ Ein anderes Mädchen mit gezwirbelter Schneckenfrisur hebt die Hand zum Gruß „to all the young vinyl fans“, Aerobic-Girls wirbeln Lautsprecherboxen durch die Luft, Katzen bekommen eine Sonnenbrille aufgesetzt und heißen „Disco whopper“. Ein Peanuts-Lucy-Lookalike sagt „Disco is fundament, don't discuss it“ - keine Widerrede! Dagegen wirkt der kleine Junge ein paar Seiten weiter unsagbar traurig, „here I am another beaten man“ steht neben seinem Bild. Der Evelin-Kosmos ist süß und bunt und verzweifelt und deprimiert und wütend und kämpferisch – wie das richtige Leben.


» www.evelin.de
» www.ventil-verlag.de



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Kontrastprogramm: Überhaupt nicht niedlich geht es in Charlotte Roches Debütroman „Feuchtgebiete“ zu. »Hygiene wird bei mir klein geschrieben«, sagt die Autorin und demontiert gemeinsam mit ihrer Heldin Helen jegliche frauenzeitschriftenpropagierte Konventionen. „Feuchtgebiete“ beginnt mit einer genüßlich ausgekosteten Beschreibung von Hämorrhoiden bei gleichzeitiger Vorliebe der Ich-Erzählerin für Analsex. Wer diesen Einstieg geschafft hat, kann sich auf Splatter-Duktus gleichbleibender Couleur einstellen – doch hinter all dem Schock, Ekel, Schmerz und Grauen offenbart sich die Geschichte eines Mädchens auf der Suche nach Liebe. Mutiges Buch, das LeserIn und Autorin alles abverlangt.

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Kurz und bedeutend:

Richard Williams, Bob Marley & The Wailers, Exodus - Exil 1977

Richard Williams, Bob Marley & The Wailers: Exodus - Exil 1977

Zum 30. Jahrestag der Veröffentlichung von Bob Marleys epochalem Album „Exodus“ erscheint bei Hannibal ein von Richard Williams herausgegebener Prachtband inklusive des Original-Albums auf der beigehefteten CD. Im Buch wird die Entstehungsgeschichte der Platte rekonstruiert (von Lloyd Bradley), Artikel von Zeitgenossen wie Chris Blackwell (Gründer von Island Records), Vivien Goldman, Linton Kwesi Johnson und Robert Christgau erklären die Faszination von Marley und seiner Musik und den Einfluss des Reggae auf andere Genres wie Punk.

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Legs McNeal, Gillian McCain, Please Kill Me! Die unzensierte Geschichte des Punk

Legs McNeal, Gillian McCain: Please Kill Me! Die unzensierte Geschichte des Punk

Angesichts des Erfolgs von Simon Reynolds' „Rip it up and Start Again“ (Titel der deutschen Ausgabe: „Schmeiss es weg und fang neu an“) ist es schön zu sehen, dass auch andere Bücher, die sich mit Punk und seinen Ausläufern beschäftigen, vom momentanen Interesse profitieren. Legs McNeils und Gillian McCains 500-seitiger Interviewband „Please Kill Me“ erscheint bei Hannibal in mittlerweile dritter Auflage (das amerikanische Original ist immerhin schon zwölf Jahre alt) und versammelt O-Töne meist US-amerikanischer Punkrockhelden wie Iggy Pop, Wayne Kramer, Dee Dee Ramone und Patti Smith, dazu kommen Gesprächsauszüge mit Malcolm McLaren, Nancy Spungen (!) und vielen anderen. „Please Kill Me!“ ist nichts weniger als die Bibel des amerikanischen Punk. Punkt.

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Ulrich Tadday (Hg.) Text & Kritik, Musikphilosophie

Ulrich Tadday (Hg.) Text & Kritik, Musikphilosophie

Achtung, Wissenschaft! Seit Theodor Wiesengrund Adorno hat sich die (akademische) Philosophie kaum noch mit Musik beschäftigt – offenbar schien alles gesagt und erörtert. Vor Adorno gehörte die Philosophie der Musik ganz selbstverständlich zum geisteswissenschaftlichen Kanon; von der Antike bis zur Aufklärung änderte sich die wissenschaftliche Rezeption zwar fundamental, war aber immerhin Thema. Der in der Edition text + kritik erschienene Sonderband „Musikphilosophie“ trägt dem neu erwachten Interesse moderner Philosophen an grundsätzlichen Fragen zur Musik Rechnung: Gunnar Hindrichs erforscht den musikalischen Raum, Rainer Cadenbach fragt „Was ist Musik?“, Piero Giordanetti erläutert Kants Musikbegriff. Kein leichter Stoff zum Nebenbeilesen, aber essentiell.