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Die Box




Januar 2008
Christina Mohr
für satt.org

– Geschmeidig bleiben –
Slut: Still No. 1

Slut: Still No. 1

Die fünfköpfige Band Slut aus Ingolstadt lässt sich nur schwer in Schubladen stecken: seit 1995 experimentieren Slut mit verschiedensten Spielarten gitarrenorientierter Alternative-Music zwischen College-Indiepop und Rock, und überraschen immer wieder mit ambitionierten Exkursen wie zum Beispiel ihrer Interpretation von Songs aus der Dreigroschenoper im Jahr 2005. Im selben Jahr traten Slut auch bei Stefan Raabs „Bundesvisionsongcontest“ mit ihrem Song „Why Pourqoui“ für Bayern an – kein Widerspruch für die Band, die einen sehr liberales Popverständnis pflegt. Das neue Album Still No. 1, das mit Produzent Oliver Zülch in Berlin aufgenommen wurde, ist dementsprechend derart facettenreich, dass es schwerfällt, musikpressenkompatible Klassifizierungen vorzunehmen. Die Single „If I Had A Heart“ besticht durch den eingängigen Refrain, der dem Song schon viele Radioeinsätze beschert hat, auch „Better Living“ ist ein leichtfüßiger Singalong-Track, zu dem die ersten Krokusse zu blühen beginnen. Stücke wie „Failed on You“ und der letzte Song „Say Yes to Everything“ arbeiten mit sphärischen Soundkaskaden, wie man sie von Sigur Rós kennt. „Tomorrow Will be Mine“ basiert gar auf einem knackigen Rockabilly-Beat – dennoch klingt Still No.1 nie unentschlossen oder zerfasert. Slut machen Pop zum Spielfeld, zum Versuchslabor, gewinnen Homogenität durch Variabilität. Und Christian Neuburgers helle und gleichzeitig kräftige Stimme setzt den Songs den charakteristischen Stempel auf, der den Slut-Sound so unverwechselbar macht. Lest hier ein Interview mit Christian:

CM: Was hat sich in den letzten drei, vier Jahren bei Slut getan?

Slut: Dreigroschenoper aufführen, Kinder kriegen, Dreigroschenoper in Hamburg aufnehmen, neue Platte machen, neue Platte in Berlin aufnehmen. Prima Dinge also, und viele davon.

CM: Eure Erfahrungen am Theater/Dreigroschenoper: wie war das für Euch als Rockband? Würdet Ihr so etwas wieder machen? Was bedeutet die Musik von Kurt Weill für Euch?

Slut: Inzwischen lässt sich resümieren, dass die Dreigroschenoper für uns zweierlei war: eine beeindruckende Lehre und ein großes Vergnügen. Ein völlig neuer Kosmos voller wundersamer Dinge, die StillNo.1 erst möglich gemacht haben - dramaturgisch, instrumental und perspektivisch. Man stand musikalisch vor einem erstmal unbezwingbaren Berg, der seine Geheimnisse nach und nach preisgab und mit ungewohntem Handwerkszeug bezwungen werden wollte: neue Instrumente, neue Denkwege. Gerne wieder, falls ein ähnlich reizvolles Projekt in Aussicht stünde.

CM: Apropos Erfahrungen: hat sich Eure Teilnahme bei Stefan Raabs Bundesvisioncontest (positiv) auf Eure Popularität ausgeiwirkt? Würdet Ihr wieder daran teilnehmen?

Slut live:
27.02.2008 A-Innsbruck, Weekender
28.02.2008 A-Graz, PPC
29.02.2008 A-Aigen, Kikas
09.03.2008 Erlangen, E-Werk
10.03.2008 Frankfurt, Mousonturm
11.03.2008 Essen, Zeche Carl
12.03.2008 Hannover, Musikzentrum
13.03.2008 Dresden, Beatpol
14.03.2008 Regensburg, Kulturspeicher
15.03.2008 Bielefeld, Forum
17.03.2008 Saarbrücken, Roxy
18.03.2008 Stuttgart, Röhre
19.03.2008 München, Backstage Werk

Slut: Einmal sollte reichen. Obwohl es ziemlich lustig war – vielleicht, gerade weil wir so deplatziert waren. Ob es der Popularität zuträglich war, ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich schon.

CM: Was haltet Ihr - auch wenn es nicht direkt vergleichbar ist mit dem Bundesvisioncontest - von den momentan verbreiteten Jägermeister-Contests u.ä.? Nutzt das den teilnehmenden jungen Bands überhaupt? Wie nahe sollen/dürfen sich Pop und Firmensponsoring kommen?

Slut: Soll jeder selbst entscheiden, was er mit seiner Musik macht. Für junge Bands bedeutet derlei sicher eine Chance und Starthilfe. In unserem Fall: Bäh.

CM: Der atmosphärische Indiegitarrensound auf dem neuen Album wird Euch bestimmt Vergleiche mit den Editors, Interpol und anderen einbringen - findet Ihr das okay? Sind Vergleiche gut oder hinderlich?

Slut: Angesichts einer Myriade von drolligen Beispielen (es vergeht kein Interview, bei dem Interpol nicht auf Joy Division angesprochen werden): Vergleiche sind, da Journalisten gelegentlich wenig Zeit haben, vor allem eines - natürlich. Wer in unserem Fall von Interpol oder Editors spricht, sollte die Platte vielleicht ein zweites Mal anhören oder den HNO-Spezialisten seines Vertrauens konsultieren. Vergleiche gehen völlig in Ordnung, sind manchmal sogar hilfreich – zumindest, solange die richtigen Bands assoziiert werden.

CM: Der Albumtitel: wen oder was meint Ihr? Euch selbst?

Slut: Es gibt verschiedene Wege, den Titel zu deuten, und das finden wir überaus dufte. Die Eigentliche erschließt sich beim Hören. Anspieltipp: „Still No1“, das zentrale Lied auf dem Album.

CM: Auf Eurer Website nennt Chris Thomas Manns Dr. Faustus als wichtigstes Buch für ihn im letzten Jahr - wie wichtig ist Literatur überhaupt für Slut/Slut-Texte?

Slut: Weil es viele Bücher gibt und manche davon sehr gut sind: schon wichtig. Wie Filme, Musik und Kunst generell immer eine Inspirationsquelle bedeuten. Dass jemand von uns ein Buch in die Hand nimmt, ist zumindest keine Seltenheit.

CM: Slut klangen noch nie wie eine "typisch deutsche" Band – haben Unterscheidungen in deutschen und internationalen Pop überhaupt Sinn? Und warum habt Ihr Euch für eine eher internationale Ausrichtung (Name, englische Texte) entschieden?

Slut: Sehr richtig - Musik in nationale Kategorien einzuteilen ist höchst absurd. Englisch wegen popkultureller Tradition und Attitüdenfreiheit.

CM: Wie sehen Eure Arbeitsprozesse aus - was kommt zuerst: Text oder Musik?

Slut: Variiert. Manchmal formt ein Textfetzen das Lied, manchmal bestimmt die Stimmung eines Liedes den Inhalt. Meistens aber geht beides in Hand in Hand.

CM: Wer und was beeinflußt Euch? Welche Platte ist für Euch lebenswichtig?

Slut/Chris: Eine umfassende Recherche ist aus praktischen Gründen augenblicklich leider nicht möglich. Ich persönlich meine, dass man ziemlich von allem beeinflusst wird. Von Büchern, Bildern, Geschichten, Städten, Menschen, Holz und Höhlen. Eine Platte, auf die ich eher ungern verzichten würde, wäre „Bug“ von Dinosaur Jr. Oder „Swordfishtrombones“ von Tom Waits. Oder „Surfer Rosa“ von den Pixies.

CM: Für welchen Künstler (tot oder lebendig) würdet Ihr gerne einen Song schreiben?

Slut: Um ehrlich zu sein: augenblicklich keine Ambitionen.

CM: Wie sehen Eure Pläne für das noch junge Jahr 08 aus?

Slut: Spielen, spielen und die neue Platte beginnen. Und: geschmeidig bleiben.



» www.slut-music.de
» myspace.com/slut