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Die Box




Januar 2008
Ronald Klein
für satt.org

„Die Band ist so echt
wie van Gogh auf Absinth“

– Im Gespräch mit Sandow –

Sandow: Kiong – Gefährten der Liebe

Sandow, eine der originellsten deutschen Bands, kehrte aus der Diaspora zurück und nahm mit „Kiong – Gefährten der Liebe“ nach neun Jahren wieder ein Album auf. Die „Fab Four aus der Lausitz“ erhielten Zuwachs: Elektronik-Tüftler ZAP weilt als festes Mitglied an Bord. Ronald Klein sprach mit Sandow-Mastermind Kai-Uwe Kohlschmidt.

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RK: Sandow anno 2007/08 klingen vollkommen anders als zur Zeit der letzten Platte "Stachelhaut" (1998). Wurde die Entscheidung, wieder Songs mit Strophe und Refrain aufzunehmen noch im alten Jahrtausend gefällt oder kam das mit der Reunion?

Kai-Uwe Kohlschmidt: In der Tat gab es bereits 1999 kurz vor dem Achsbruch den Versuch, es unter veränderten Laborbedingungen mit vertrauten Strukturen zu versuchen, auch um einmal durchzuatmen von den Konzeptmegalomien der drei Vorgängeralben. Durch die Jahre der Pause gab es dann aber vor allem elektronische Impulse bei mir. Ich arbeitete viel mit Sequenzern. Das schlug sich dann bei der Reunion als erstes durch.

Mit ZAP als festes Sandow-Mitglied zaubert ihr ein Akustik-As aus dem Ärmel und habt ein fünftes Mitglied. ZAP produzierte in der Vergangenheit eure zwei letzten Alben.

Ehrlich gesagt gab es in der Mitte des Studioprozesses zwei Möglichkeiten. Entweder wir bezahlen ZAP für seinen von uns gewollten Beitrag im elektronischen Bereich oder wir verheiraten uns. Die Braut war Gottseidank willig, denn der Bräutigam war längst pleite. Das gab dem Bandgefüge insgesamt neue Gewichte und ich sage nur: Personalpolitik ist das A und O...

Apropos Personalpolitik. Die Gigs spielt ihr ohne Vorband. Was motiviert diese Entscheidung? Passt keine Band zu Sandow?

Wir mögen keine Umbauten. Vielleicht würden wir für Laibach umbauen. Oder für andere Idole wie Amy Winehouse. Aber da sollten wohl eher wir die Vorband sein. Im Prinzip haben wir einen Film im Vorprogramm. "Flüstern und Schreien 2". Der ist ein gutes Setting im Moment.

Sandow strahlt einerseits Autarkie aus, andererseits gibt es Künstler-Freundschaften, die euch seit Jahren begleiten. Autor und Regisseur Kai Grehn beispielsweise oder der Maler Hans Scheuerecker. Auf der neuen Platte befindet sich ein Duett mit Angie Reed. Gibt es weitere Künstler, mit denen aufgrund ihrer Ästhetik eine Kollaboration denkbar wäre?

Sandow (Foto: sandow.de)

Wir würden sehr gern mit Björk und Laibach arbeiten. Ich habe ein Konzept entwickelt. Die Seven Summits acts. Es entstammt unseren Erfahrungen spezielle, belastete Orte zu bespielen, wie die Bunker der Normadieküste. Das Projekt Seven Summits acts möchte sieben Orte der Welt bereisen, die für die jüngere Entwicklung der Menschheit maßgeblich bedeutend sein könnten. Zu jedem dieser Orte in Europa, Nordamerika, Südamerika, Asien, Australien/Ozeanien, Afrika und der Antarktis wird ein Künstler oder eine Band eingeladen, sich an die Kraftfelder dieser Orte anzukoppeln und diese audio-visuell für uns neu erlebbar zu machen. Diese Orte können erheblich historisch belastet sein, politische Brennpunkte bilden oder für eine Geisteshaltung stehen. Allein von Bedeutung ist die Kraft oder der Geist, der in ihnen wohnt. Die Konzerte oder Aktionen sollten unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschehen, allein ein Filmteam zeichnet den jeweiligen Act auf und vereint die Seven Summits acts zu einem Kinofilm. Das ganze ist auf jeden Fall ein Mammutprojekt über drei oder vier Jahre. Aber wir haben jetzt damit angefangen und ziehen das durch.

Die Presse reagierte bisher äußerst verhalten auf euer Comeback...

Die Musikpresse reagiert überhaupt nicht. Alles was überregional ist, hängt ohnehin am Tropf der Industrie. Sie reagieren im Wesentlichen auf drei Dinge. Geld, Hype und Quote. Ein Kartell der Belanglosigkeit. Im Grunde habe ich aufgehört darüber nachzudenken. Wir sind Underground, Underground, tiefer deutscher Underground und das hält die Denke frisch.

Wie sieht das Feedback von den Fans aus? Schließlich hat sich der Sound verändert. Eins zieht ihr schließlich konsequent durch: Keine Chance der Nostalgie.

Das Feedback ist enorm und bestätigt unsere Hartnäckigkeit. Wir sind schließlich nicht auf Erden, um uns zu veralbern. Wir haben hier in dieser Welt etwas klarzustellen. Wir formen Energie. Diese Band ist so echt wie van Gogh auf Absinth und das goutiert unser Publikum. Wir haben Zuwachs und dieser Zuwachs ist nicht gekauft.

Dafür habt ihr "Born in the GDR" wieder im Live-Programm. Müsst ihr noch immer erklären, dass es sich um keinen Ostalgie-Song, sondern um ein Spott-Lied handelt oder haben das inzwischen auch die Letzten begriffen?

Das Amüsante ist, dass im Saal kein Hahn mehr nach dem Stück kräht und dass wir es als Tanzversion wieder an Bord haben. Auch als Spiegel unser Wandelfähigkeit. Wie eine Kirche, die nicht abgerissen werden darf. Mal wird der Altar verrückt oder ein Priester wird gehäutet, mal regiert der Denkmalschutz, später wird diese Kirche für einige als Altenheim dienen.

Das Stichwort Kirche stellt eine gute Überleitung dar. Das Stück "Bastard" fällt durch die sarkastisch-zornige Sprache auf. Man kann den Text im „Kiong“-Kontext lesen oder Camus zitieren, der ja einst bemerkte, dass Gott entweder allmächtig und böse oder hilflos und gut wäre.

Die Geschichte bei „Bastard“ beginnt bei Ausschwitz, mit der recht einfältigen Frage, "wo zum Teufel war Gott da". Ich hatte eine Müllersche Antwort. Er war doch da. Das genau war Gott. Er langweilte sich und hat eine Schippe draufgelegt. Also neige ich zur "allmächtig und böse"-Variante, obwohl mir schon klar ist, dass jede Gottesvorstellung ein Spiegel unserer Befindlichkeit ist. Doch der evangelische Gott ist mir zutiefst zuwider, genau wie Kant und alles was daraus folgte. Ich bin eben Nietzscheaner. Ich bejahe, indem ich auslösche, auch Gott.

Viele Künstler entdecken ja irgendwann Spiritualität..."Bastard" hingegen ist ein lyrischer Frontalangriff. Wenn ich nun die Gretchenfrage stelle...

Die Gottesfrage steht etwas außerhalb der „Kiong“-Grundgeschichte, sie wird erst möglich durch die Todesfrage nach "Lizzard". Spiritualität entdecke ich vielmehr auf LSD im Spreewald, als im Castaneda-Seminar oder auf einer Tibetreise. Der ganze erbärmliche Westen ist unfähig seine Leere ein paar Jahrzehnte durchzustehen und je mehr Künstler ich kenne, desto mehr weiß ich, was die Therapeuten, die schlimmsten aller Pfaffen, heutzutage verdienen. Die besten Leute, die wir heute haben, versuchen sich eine bisschen Schmerzfreiheit zu erkaufen. Sie ernten für ihren Canossagang unglaubliche Ergebnisse. Weichei-Temperament, gefühlsduselige Nettigkeit, Schlappschwänzigkeit, das ganze schauderhafte Programm. Von der Couch der Welt erhebt sich eine zahnlose Minka, die mein Mitleid nicht findet. Ganz Hollywood lässt inzwischen sogar ihre Kinder therapieren.

Wie bei all euren Alben seit „Fatalia“ zieht sich auch bei "Kiong" ein roter Faden durch die einzelnen Songs. Die Geschichte von Freundschaft, Liebe und Verrat. Die Texte sprechen eine deutlichere Sprache. Vor zehn Jahren hast Du mal bemerkt, dass der Osten die Dichter erzogen hat, in Metaphern zu denken. Auf der neuen Platte entdeckt man weniger Metaphern, mehr Allegorien. Hat das etwas mit dem Lösen von der eigenen Vergangenheit zu tun?

Gütiger, ich weiß immer noch nicht den wirklichen Unterschied zwischen Metaphern und Allegorien. Also für mich kommen die Bilder zu mir hereingegaunert, nisten sich ein, spielen mit mir. Ich bevorzuge eher Labyrinthe, denn gerader Alleen. Oder ich pfusche mal mit dem Listen-Cutup-Modell drauf los. Eigentlich ist es wie immer. Ich kann nicht schreiben, ohne beeindruckt zu sein. Allenfalls kann ich mich in Zustände trinken, wo ich dem Anus der Welt besser auf seinen trüben Grund blicken kann.

"Rausch" heißt ja nicht nur einer eurer Songs vom "13.Ton"...Du nanntest früher eure Touren "Ein Herrentag auf Reisen". Trifft das noch immer zu?

Ja, es stimmt schon, wir feiern mehr als früher. Auch wenn der Preis inzwischen höher ist. Ich vermute, daß das der Hauptgrund der Reunion war, wieder anständig; mit Stil und Beifall zu feiern.

Seht ihr Sandow derzeit als euer Hauptprojekt oder ist es ein essentielles Hobby, ohne das das Leben nur halb so schön wäre...Du komponierst schließlich Film- und Hörspielmusik, Chris ist bildender Künstler, Tilman spielt mit einem Orchester, Lars auch in anderen Bands und ZAP ist gefragter Produzent.

SANDOW ist das mentale Hauptprojekt, für das wir immer noch verhungern müssten. Doch die anderen Baustellen helfen uns nicht nur finanziell. Zwei von uns sind Mitglieder der Nadja Auermann-Band. Ich habe eine Regiearbeit für den Hessischen Rundfunk über die heißen Sandow-Tage von 1988-1992 vor mir. Es gibt Remixangebote für Lars aus der ersten internationalen Liga. Das alles kann uns nur recht sein. Wir sind wieder da und dies sehr lebendig, uns fegt hier nichts mehr von der Startgeraden.

Herzlichen Dank für das Gespräch!


» www.sandow.de