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Die Box




Dezember 2007
Uwe Staab
für satt.org

streetBEATS II

Verdinglichte Tonträger?

Natürlich ist auf jeder der nachfolgenden CDs auch Musik. Aber interessant für eine nähere Betrachtung sind sie, da sie ein Ziel außerhalb der Musik verfolgen. Was tun, wenn ein Konzept besser funktioniert als die Musik? Ein paar kleine Anregungen zum Nachdenken ...


Pure Doze: Dozewriter
(Hip Hop Vinyl)

Pure Doze, Dozewriter (Hip Hop Vinyl)

Da der Begriff des „Urgesteins“ ziemlich strapaziert ist, nennen wir Doze mal einen HipHop-Grundstein. Als Mitglied der Dortmunder Formation Too Strong stand bei ihm, genau wie bei seinem Bandkollegen „Der Lange“, der Hip Hop-Gedanke im Vordergrund. Beide waren und sind aktive Graffiti-Writer und spiegeln dies auch in ihren Texten wieder. Trotz einiger Anläufe hat es bei Too Strong mit der Major-Label-Karriere nie ganz geklappt. Ihren Bekanntheitsgrad verdienten sich Too Strong noch durch ihre Präsenz auf Jams und ein aktives HipHop-Leben. Ihre Alben „Greatest Hits“ (1994) und „Intercity Funk“ (1996) sind Klassiker.

Aus heutiger Sicht ist Too Strong „Old School“, und Doze ist es auch. Doch das verheimlicht er nicht. Vielmehr spielt sich das Album vor der Frage ab, warum Doze noch mal veröffentlicht. Es ist deutlich rauszuhören: weil er es will. Weil Rap sein Ding ist, von Herzen und schon immer. Die Platzierung des Albums ist dabei ein Statement, das man wohl als „real“ bezeichnen kann: die CD wird im Eigenvertrieb angeboten, die Beats sind meist von Doze selbst produziert, Features gibt’s unter anderem mit dem „Langen“ a.k.a. AtomOne, darüber hinaus hat sich Doze musikalische Verstärkung durch Dj CoachOne und Dj DSD geholt. Das bedeutet natürlich reichlich Plattenkratzen, was heutzutage so selten geworden ist, dass man sich zum Beispiel über die Elektrotracks „Pure Dozewriter“ und „Fame“, in denen zu Gunsten der Cuts gänzlich auf Text verzichtet wird, richtig freuen kann.

Das Gesamtkonzept: Doze schafft einen Gegenpol zum laufenden Rapbetrieb, indem er konsequent zu den Basics zurückkehrt. Und das funktioniert. Hat man das erstmal erkannt, kann einen das Rammstein-Cover „Ein Lied“ am Ende nicht mehr wirklich schockieren. Es ist ein passender Schluss für eine Platte, die als Kernbedeutung das Leben mit der Musik hat. Ständig demonstriert Doze, dass es auch anders geht: Konzept-Rap, Storytelling, persönliche Themen, Elektro-Tracks. Schade ist nur, dass Doze dabei klingt, als wäre die Zeit, aus der seine Raps stammen, schon eine Weile her. Das macht das Album etwas sperrig für kontinuierlichen Hörgenuss. „Old School“ lässt sich eben schwer verbergen. Prädikat: Kultur-Eisen mit Nostalgiecharakter. Definitiv eine HipHop-CD, kein Rap-Album.


» www.hhv.de



Tony D: Totalschaden
(Aggro Berlin)

Streetbeats presents: Ja, schon oder Die zwei Seiten einer Medaille ... äh... CD

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Der Eine: Ja, Toni D oder was?
Der Andere: Ja, schon. Kennste?
Der Eine: Des is doch so’n Aggro-Typ,oder ?
Der Andere: Ja, schon. Die Musik ist auch en bisschen Aggro. Kennst Du hier, Dings... Tai Jason?
Der Eine: Ja, schon, den kenn ich. So'n Produzent oder? Der hat ja schon öfter was mit Aggro zu tun gehabt, aber auch so mit K.I.Z. oder so. Ist des nicht en Münchner?
Der Andere: Ja, doch. Und der macht halt unter Umständen mal echt cool Dirty South Beats. Deswegen sagen doch jetzt alle das der aus’m Dirty South kommt, weil München halt.
Der Eine: Ah, schon. Ah, ja. Krass. Und... gut?
Der Andere: Ich weiß nicht genau... Weißte, „Totalschaden“ geht schon jeden Fall ab und so, und des mit dem Rockvideo find ich schon witzig... Passt halt voll. Aber sonst, ey ich kann mir das Album halt nicht wirklich oft anhörn’, du verstehst?
Der Eine: Ja hä, was’n sonst noch gut?
Der Andere: (ins Erzählen vertieft) ja aber ey, du darfst es jetzt halt auch nicht falsch verstehen! Ey, der Beat..... Ey, von Totalschaden, der Beat....! Ey, da rast ich so aus!! Und wenn der dann die ganze Zeit noch so aggro ins Mic stampft, ey, da kannste nicht mehr anders! Da brennts, Mann.... Ich würd beim Liveauftritt schon mal die Deckung hochnehmen, wenn die Party losgeht. Also auch wenn’s gar nicht mal Stress gibt, des is schon auf jeden Fall Party hart.
Der Eine: Hä, is doch geil. Außerdem sind da doch eh immer auch Kids mit ihren Eltern.
Der Andere: Ja, schon.
Der Eine: Ja, also findest du es Album nicht gut?
Der Andere: Naja, „Hurensohn“ is schon ach öfter mal dabei. Um nicht zu sagen: sehr oft.
Der Eine: Ja wenn’s dir nicht gefällt warum interessierste dich denn dafür?
Der A...: Naja, in Sachen „crunk“ ist das schon ein ganz gelungenes Projekt. Ich weiß nicht genau, welchen Maßstab man da anlegen kann. Technisch sind die Beats gut, die Raps erreichen das nicht. Die Features kommen dabei viel besser weg als Tony selbst. Gleichzeitig scheint das Ganze, inkl. CD-Cover, dem Rock-Video und allem drum und dran, ein einziges Party-Projekt zu sein. Und davon kommt schon was rüber, wenn man die CD hört. Da ist nicht viel mit Reinversenken, dafür schmeißt man dann aber fast die Möbel aus’m Fenster. Aber wie bewertet man eine CD, die im Detail etwas fraglich, im größeren Ganzen aber ein interessantes Projekt darstellt?
Ich sag mal: Auf alle Fälle „Feuer frei“ für Fans. Aber ansonsten bitte nur, wer sich auch wirklich traut!


» www.aggroberlin.de



Amar: Cho! Hier habt
ihr euer Mixtape

(Optik Records/Groove Attack)

Amar, Cho! Hier habt ihr euer Mixtape

Warum Optik-Record-Schützling Amar sein neuestes Werk „Mixtape“ genannt hat, kann ich eigentlich nicht verstehen. Der neu geschaffene Begriff des „Streetalbums“ passt hier doch wesentlich besser, dann was hier in ganzen 27 Tracks passiert, schmeckt eindeutig nach Straße: kühle Beats, mal sparsam in der Ausgestaltung, mal melodiös, bieten den Rahmen für Amars Tagebuch. Die Raps sind flüssig und technikorientiert, gleichzeitig zwischen eher schlichten Zeilen immer wieder mit gut funktionierenden Lines gespickt. Durch die hohe Anzahl an Tracks bietet das Mixtape genügend Raum für Amar, um sich ausgiebig vorzustellen. Auf ganzen 14 Songs gibt es ein Feature aus Amars Umfeld, zwei davon mit seinem Labelkollegen Caput und ganze drei mit Optik-King Kool Savas.

Was „CHO!“ zum Tip macht, ist neben dem Preis-Leistungsverhältnis (27 Tracks für circa zwölf Euro), der erzählende Charakter der Platte. Amars flüssiger Stil ist gut hörbar und auch die Strophen der Gäste wirken sehr bildlich-schildernd. Ähnliche Musik hörte man vor nicht allzu langer Zeit noch aus Frankfurt am Main (zum Beispiel Azads Album „Leben“). Es ist tatsächlich eher Zuhör- als Partymusik, auch die aggressiveren Tracks lassen Persönlichkeit durchscheinen.

Fazit: Definitv nicht einfach nur „ein Mixtape“. Die Savas-Features oder das kleine Optik-Zeichen auf der Platte haben damit gar nichts zu tun. Amar bildet sich selbst ab, Profile-Style. Für den Anfang schon mal gut.


» www.optikrecords.de