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Die Box




Dezember 2007
Christina Mohr
für satt.org

Jolly Goods: Her.barium
(Louisville Records)

Jolly Goods: Her.barium

Tanja Pippi und Angy sind Schwestern, 16 und 19 Jahre alt, gerade aus ihrem Heimatkaff Rimbach im Odenwald nach Berlin geflohen und nichts weniger als die upgedatete Reinkarnation von Riot Grrrlism. Ihr energetischer, ruppiger Garagenpunk entsteht durch den Einsatz von Schlagzeug, Gitarre und Tanja Pippis voluminöser Stimme – da Jolly Goods ein Duo sind, liegen Vergleiche mit The White Stripes nahe. Aber Jolly Goods sind zwei Mädchen, und zwar sehr wütende, gelangweilte, also tendenziell gefährliche. Sie brauchen auf ihrem Album „her.barium“ nicht länger als eine gute halbe Stunde, auf 13 Songs verteilt, um allen wütenden, gelangweilten, tendenziell gefährlichen Mädchen (und anderen Menschen) den Glauben an die Kraft des Krachmachens zurückzugeben. „her.barium“ beginnt mit ihrer Version des Jesus & Mary Chain-Songs „Crackin' up“, damit ist schon mal die Richtung vorgegeben. Die anderen 12 Songs heißen „Girl Move Away From Here“, „You Look Like Shit“, „Tomboy“ oder „Too Dumb to Love“ und sind hart, laut, schnell, auf den Punkt, und viel weniger „trashig“, als was man die Musik der Jolly Goods gern vorschnell bezeichnet. Vielmehr sind Jolly Goods die würdigen Töchter von Hole, Bratmobile, Babes in Toyland und L7, mit Wut im Bauch und Leidenschaft im Herzen. Anfang des kommenden Jahres live in Eurer Gegend – don't miss.

Hier ein paar Fragen an Tanja Pippi:

Was nervt Euch mehr: Fragen nach Eurem Alter, Eurer Herkunft/Odenwald oder nach Euren Vorbildern?

Tanja Pippi: Ich weiß nicht. Entweder nervt uns noch nichts oder alles nervt uns gleich stark. Fragen sind Fragen. Eigentlich nerven uns einfach all diese konkreten Frage-Antwort-Fragen. Wir mögen ganz normale Gespräche, die Fragen beinhalten. Bei einem Interview wird so sehr nicht auf beide Konversationspartner geachtet...da fühle ich mich automatisch immer komisch.


Jolly Goods live:
  • 01. Dez. 2007 20:00 bavarian open münchen
  • 10. Jan. 2008 20:00 roter salon berlin
  • 11. Jan. 2008 20:00 uebel & gefaehrlich hamburg
  • 13. Jan. 2008 20:00 el lokal zuerich
  • 14. Jan. 2008 20:00 schocken stuttgart
  • 15. Jan. 2008 20:00 silbergold frankfurt
  • 16. Jan. 2008 20:00 rote sonne muenchen
  • 17. Jan. 2008 20:00 kiff arau, CH
  • 18. Jan. 2008 20:00 e-bar im e-werk freiburg
  • 19. Jan. 2008 20:00 bad bonn düdingen, CH
  • 20. Jan. 2008 20:00 oetinger villa darmstadt

Findet Ihr es okay, wenn man Euch mit Bands wie den White Stripes vergleicht oder sind Vergleiche nutzlos?

TP: Vergleiche sind ein einfaches Mittel für faule Jounalisten, Musik zu beschreiben. Ich habe da nicht so sehr etwas dagegen. In der Anfangphase einer Band kann das nützlich sein, um die richtigen Leute aufmerksam zu machen. Solange die Vergleiche genannt werden, die wir persönlich mögen.

Ihr covert „Crackin' up“ von Jesus & Mary Chain - warum diesen Song, diese Band?

TP: 'cause we absolutley like it and love to play it. Wir mögen, wie ihre Platten aufgenommen sind, wie ihre Platten klingen. Wir mögen ihre Anti-alles-attitüde.

Ihr wart Support von Adam Green - wie war das? Wie seid Ihr zusammengekommen?

TP: Wir haben Adam Green persönlich vor ein paar Jahren eine absolut schrecklich aufgenommene Demo gegeben. Ihm hat das gefallen, so dass wir ein Jahr später Vorband in Darmstadt für ihn waren. Es war interessant, plötzlich vor 1000 Leuten zu spielen...

Was treibt Euch an? Liebe? Zorn? Langeweile?

TP: Stillstand, Ignoranz, Einsamkeit, Langeweile. Alles ist so verdammt unzureichend. Ich habe stets das Gefühl, dass sich absolut nichts tut.

Seht Ihr Euch in der Nachfolge von Riot Grrrl-Bands wie L7, Bratmobile, Hole und anderen?

TP: Vielleicht. Wir haben auch Vaginas. Ich bin sehr interessiert an Feminismus ich empfehle jeder Frau und jedem Mann, ein paar Bücher darüber gelesen zu haben. Es tut gut, öffnet Gedanken und ist postmodern.

Gibt es eine bestimmte Platte, die Euch zum Selber-Musikmachen gebracht hat?

TP: The White Stripes und Black Rebel Motorcycle Club live zu sehen hat mir klar gemacht, dass ich entweder sofort und für immer Musik mache oder mich umbringe vor Bedeutungs- und Sinnlosigkeit.

Wie habt Ihr angefangen? Einfach punkrockmäßig draufgehauen und los?

TP: Ja, kann man so sagen. Kein Unterricht und so. Kann jede und jeder. Ich hätte nie gedacht "singen" zu können....ich habe nie gedacht, Gitarre spielen zu können....ich hätte nie gedacht: alles - aber ich habe es zum Glück einfach getan. Ich konnte nicht anders.

Was macht Ihr zuerst - einen Text schreiben oder erst die Musik?

TP: Meist kommt zuerst der Text.

Würdet Ihr Euch als Feministinnen bezeichnen? Gerade viele junge Frauen haben Probleme mit diesem Wort, weil es ihnen verstaubt vorkommt. Wie seht Ihr das?

TP: Ich bin Feministin. Ich finde das Wort absolut fabelhaft und kann daran nichts negatives entdecken. Wenn man etwas über die Geschichte der Frau und der Gegenwart der Frau weiss, kann man doch nicht ernsthaft etwas gegen diesen Begriff haben.

Ist es Euch jemals passiert, dass Typen im Publikum sagen "für ne Frauenband nicht schlecht" oder sowas ähnliches? Was macht Ihr in so einer Situation?

TP: Uns fällt bei zum Beispiel bei manchen Soundchecks deutlich auf, dass wir anders behandelt werden. Das ist meist in Clubs, in denen nur Männer arbeiten beziehungsweise sehr wenige Frauen involviert sind. Frauen, gründet Bands und schafft Räume, fuck Patriarchat!

Jolly Goods - Girl Move Away From Here

Der Song "Girl move away from here" - bezieht der sich auf Euren Wohnort? Wie lebt es sich in Rimbach? Seid Ihr dort die Freaks oder fühlt Ihr Euch im Odenwald wohl?

TP: In Rimbach kennt mich niemand. Ich hatte dort nie viele Freunde und bin froh, dort wegzusein. Seit Juli wohne ich in Berlin. Ich finde nichts daran, an einem Ort zu wohnen, in dem man seine Zukunftsmöglichkeiten an einer Hand abzählen kann. Es ist alles unglaublich doof dort.

Falls Ihr noch bei Euren Eltern lebt - unterstützen sie Euch in dem, was Ihr tut oder gibt es Konflikte? Kommt Ihr aus einem Rock'n'Roll-Haushalt?

TP: Keine musikalische Familie. Unser Vater fuhr uns immer zu unseren Konzerten. Und sie ertrugen den Krach, den wir in unserem Proberaum - dem Hauskeller – machten. "Musik kann man als Hobby machen, aber doch nicht Vollzeit, macht eine Ausbildung, irgendwas!..." Ganz typisch. Oberflächlich, eingefahren, Realismus als Krankheit.

Was würdet Ihr ohne Musik tun?

TP: Ich schätze mal, Musik erfinden. Die Welt ist ohne Musik gar nicht möglich. Vielleicht würden wir Vogelgesänge aufnehmen und diese von morgens bis abends hören.



Jolly Goods: Her.barium
(Louisville Records)
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