Anzeige:
Die Box




November 2007
Christina Mohr
für satt.org

Short Cuts-Logo
November 2007, zweite Hälfte:

Gleich drei Girl-Boy-Duos bevölkern die aktuellen Short Cuts und zwar die Raveonettes, The Brunettes und Er France. Aus dem Rahmen fallen Sigur Rós mit ihrem DVD-CD-Album "Hvarf/Heim", aber das tun sie ohnehin immer …


Sigur Rós:
Hvarf/Heim
(EMI)

Sigur Rós , Hvarf/Heim

Island dient vielen Menschen als geheimnisumwobene Projektionsfläche eigener Träume, siehe auch Wolfgang Müllers Buch „Neues von der Elfenfront. Die Wahrheit über Island“. Die grüne Vulkaninsel im Nordatlantik ist Heimat von Trollen, Elfen und Geysiren und brachte nicht zuletzt Björk hervor, die seit jeher als „Freak vom Dienst“ herhalten muß, wenn mal wieder keine passende Schublade für ihre Musik gefunden werden kann. Auch Sigur Rós entziehen sich seit ihrem ersten Album „Von“ und dem ungleich erfolgreicheren Nachfolger „gætis byrjun“ jeglicher Klassifizierung. Die sphärischen, epischen Klänge, Sänger Jón ?ór „Jónsi“ Birgissons entrücktes Falsett, die mit Cellobögen gespielten Gitarren, die unverständliche Sprache – ist das Pop? Doch Pop bedeutet zunächst mal „populär“ und das sind Sigur Rós zweifelsohne, ihrer rätselhafte Musik begeisterte bisher über zwei Millionen Plattenkäufer. Mit „Hvarf/Heim“ (isländisch für Hafen/Heimat) haben Sigur Rós ein opulentes CD-DVD-Paket veröffentlicht, das mit „Heima“ einen Film über die Band beinhaltet und die zurückhaltenden Musiker auf Tour und Backstage zeigt. Auf der CD befinden sich akustische Versionen älterer Tracks und einige neue Stücke, die im – für Sigur Rós-Verhältnisse – songorientierteren Gewand daherkommen. An einigen Stellen sind regelrecht rockige Gitarreneinsätze zu hören, „Hafsol“ steigert sich gegen Ende in lebhafte, wilde Dynamik, es ist ein Flirren und Klirren, dass es eine wahre Freude ist.


» www.sigur-ros.co.uk



The Brunettes:
Structure and Cosmetics
(lil' Chief Records/Sub Pop/Cargo)

The Brunettes, Structure and Cosmetics

Die neuseeländische Popmusikszene ist hauptsächlich Spezialisten bekannt (The Chills, The Verlaines) und nur selten – im Fall von Crowded House und ihrem Evergreen „Don't Dream it's over“ - punktuell und als exotische Ausnahme im Mainstream angekommen. The Brunettes stammen aus Auckland, treten als multiinstrumentales Duo auf (Heather Mansfield und Jonathan Bree) und lassen sich auf ihren Platten zusätzlich von Gastmusikern unterstützen. So auch auf „Structure and Cosmetics“, ihrem mittlerweile dritten Album, das zuckersüßen Pop mit vereinzelten düsteren Momenten bietet. Der Opener „Brunettes Against Bubblegum Youth“ mixt Synthiefanfaren mit Les-Humphries-Singers-mäßigen Chören und fröhlichen Handclaps, mit viel Hall auf dem Gesang geht der Track in „Stereo (Mono Mono)“ über, auf „Credit Card Mail Order“ beklagt Bree den sinnentleerten Tag einer jungen Hausfrau, den sie nur mit Kreditkartenshopping anzufüllen weiß. „Structure and Cosmetics“ ist eine kleine, feine Popplatte, die Neuseeland (und die Brunettes natürlich) hoffentlich ein wenig mehr ins Pop-Bewußtsein rückt.


» myspace.com/thebrunettes
» lilchiefrecords.com/brunettes



The Raveonettes:
Lust Lust Lust
(Fierce Panda/Cargo)

The Raveonettes, Lust Lust Lust

Das dänische Duo The Raveonettes (Sune Rose Wagner: Gesang, Gitarre und Sharin Foo: Bass, Gesang) liebte schon immer die Verbindung von fuzzigen Fendergitarren, 60's-Teen-Operas und Psychedelic. Ihr letztes Album „Pretty in Black“ huldigte ausgiebig dem Phil Spector-beeinflußten Girlgroupsounds und war vielen, nun ja, nicht „black“ genug, sondern viel zu sweet. Das neue Raveonettes-Album ist ein Statement: Für „Lust Lust Lust“ verließen sie den Major Sony und wechselten zum kleinen Indielabel Fierce Panda, wo auch Shit Disco und You Say Party! We Say Die! erscheinen.


The Raveonettes live:
  • 28.11.07 Koeln, Gebäude 9
  • 01.12.07 Berlin, Lido
  • 02.12.07 Dresden, Star Club
  • 03.12.07 München, Atomic Café

„Lust Lust Lust“ beginnt mit „Aly, Walk With Me“, einem düster gefärbten, hypnotischen Track mit verschlepptem Beat und hallenden Vocals und schon ist man mittendrin im Raveonettes-Schwarzweiß-Film. Vor dem inneren Auge erscheinen lederbejackte Motorradgangs, sehnsuchtsvolle Pärchen, Großstädte bei Nacht – Foo und Wagner zeigen auf „Lust Lust Lust“ wieder unverbrämt ihre Liebe zu Bands wie Suicide und Jesus and Mary Chain, Rock'n'Rollern wie Buddy Holly und der twangenden Surfgitarre. Wann immer es zu süßlich werden könnte, zerstören Rückkopplungen und schneidende Gitarrenriffs die scheinbare Harmonie (besonders eindrucksvoll bei „Hallucinations“), lediglich bei „You Want the Candy“ kann unbeschwert gehüpft und getanzt werden. „Lust Lust Lust“ bringt die Atmosphäre der sechziger und achtziger Jahre zusammen und nur unverbesserliche Miesepeter halten das für „retro“.


» www.theraveonettes.com
» myspace.com/theraveonettes



Er France: Ex Saint
(lolila/Broken Silence)

Er France, Ex Saint

Aufgabe: Schreibe einen Text über eine Band, in der sich mindestens ein französischstämmiges Mitglied befindet, ohne den Begriff „charmant“ zu verwenden.
Das ist im Falle Er France tatsächlich nicht ganz leicht, denn „charmant“ sind die Songs ihres zweiten Albums „Ex Saint“ allemal. Sängerin Isabelle Frommer (Französin! aus Lyon!) und Gitarrist André Tebbe (kommt aus Düsseldorf, wo die beiden auch wohnen) machen unter dem Namen Er France schon seit einigen Jahren zusammen Musik und sind mit ihrem Song „Fais le Pari“ auf dem aktuellen What's so Funny About-Labelsampler vertreten. Frommer und Tebbe lieben schrammelige Gitarren, low-fi-Garagenbeat und poppige Melodien, schon der Opener „Spiel mir deine Musik“ (ja, Frommer singt auch deutsch! Mit französischem Akzent – sehr charmant!) zeigt, wo es mit Er France hingeht: Phillip Boa, Stereo Total und die im letzten Jahr wieder auferstandenen Les Rita Mitsouko dürfen als Referenzen für Er France dienen. Aber Frommer und Tebbe drehen ein sehr eigenständiges Ding, so ist ein Song wie „Your Faustian Side“ wesentlich punkrockiger als die oben genannten Bands und der seduktive Trash'n'Roll-Track „Every Pigeon“ dürfte erklären, weshalb sich die Detroit Cobras Er France kürzlich als Vorband aussuchten. Ok, fassen wir zusammen: Er France sind sehr wohl charmant (also Eingangsaufgabe nicht erfüllt), haben aber genügend Ecken und Kanten, um nicht in der Nouvelle-Vague-Schublade zu landen.


» myspace.com/erfrance