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Die Box




November 2007
Christina Mohr
für satt.org

Die Ärzte: Jazz ist anders

Die Ärzte gibt es seit 25 Jahren – schlimm an dieser Tatsache ist erstmal gar nichts, höchstens dass sich die Rezensentin noch sehr genau an „damals“ erinnnert, öhem :-)

Mein Erstkontakt mit den Ärzten fand mit dem legendären Deutschpunk-Sampler „20 Schäumende Stimmungshits – Ein Vollrausch in Stereo“ statt, auf dem neben Bands wie Frau Suurbier, der Panzerknacker AG und den Tangobrüdern die damals noch sehr jungen Ärzte mit „Zum Bäcker“, „Zitroneneis“ und „Vollmilch“ zu hören waren. Ich hatte eine neue Lieblingsband gefunden; Farin, Bela und Sahnie, später Hagen (Rod stieß ja, wie wir alle wissen, erst zur Reunion zu den Ärzten) brachten mich mit dem Album „Debil“ und Hits wie „Zu Spät“, „El Cattivo“ und „Mädchen“ sicher durch Pubertät, Schulzeit und Abitur und lösten sich genau dann auf, als ich sie nicht mehr brauchte, nämlich 1989, als ich schon groß war und studieren ging. Der Hit „Westerland“ war mir damals schon viiiiel zu kommerziell, der lief ja sogar im Radio, pfui!

Bela Farin Rod

BelaFarinRod (Fotocredit: die ärzte assistiert von Jörg Steinmetz)

Als sie sich 1993 wieder zusammenfanden – ja, jetzt mit Rod! - freute ich mich durchaus, aber mein Hysteriepegel war deutlich abgesunken, ich konnte mir nicht mehr vorstellen, angesichts der drei Doktoren in wildes Gekreische auszubrechen wie nur wenige Jahre zuvor. Mein „erwachsenes“ Verhältnis zu den Ärzten sah jetzt so aus, dass ich meinen 13-jährigen Bruder und dessen Schulfreund zu einem Konzert begleitete, mir das Getobe von den hinteren Reihen aus ansah und nach Konzertende die beiden mir anvertrauten Buben bei ihren Erziehungsberechtigten ablieferte. Eine neue Ära war angebrochen, der Fan-Nachwuchs trug andere T-Shirts als die Ärzte-Fans der ersten Generation*, die Musik wurde hardrockiger, ich verabschiedete mich aus dem inner circle, nahm aber dennoch jede neue Veröffentlichung der „Ärrrrzte aus Berrrrlin!!“, wie sie sich bis heute live selbst ankündigen, interessiert zur Kenntnis. Ich kaufte jedes Album, hörte jedes nur einmal und fand kaum etwas mit anarchisch-augenzwinkerndem Potential wie zum Beispiel „Geschwisterliebe“ - offensichtlich war ich dem Ärzte-Kosmos entwachsen, denn die Ärzte wurden nach der Reunion so erfolgreich wie kaum eine andere deutsche Band (ok, Pur oder vielleicht auch die Toten Hosen können sich über ein ähnlich großes und enthusiastisches Publikum freuen). Hits wie „Männer sind Schweine“ wurden von allen Dächern gepfiffen und sorgten dafür, dass die Ärzte zumindest verkaufszahlenmäßig in der Oberklasse des Mainstream angekommen waren.

* Apropos Generation: würde man die Erinnerungen aller Ärzte-Fans aller Generationen aufschreiben und sammeln, hätte man bald ein deutsches Post-Punk-Echolot. Am besten fangen wir hier und jetzt an: wer mir seine eigene, selbst erlebte Ärzte-Story schickt, kommt in das zu gegebener Zeit zu veröffentlichende Ärzte-Echolot.

» mohr@satt.org

Ich mache mal den Anfang: 1992 brachte mich mein Gwendolyn-Shirt in die Bredouille. Ich arbeitete in einer Punkrockkneipe und trug besagtes Shirt sehr gern und oft. An einem Abend teilte ich meine „Schicht“ mit einer sehr frauenbewegten Kollegin, die sich weigerte, mit mir zusammen zu arbeiten, wenn ich das Shirt mit der gefesselten und geknebelten Gwendo anbehalten würde. Ich war ratlos: als Feministin verstand ich mich durchaus, als Ärzte-Fänin aber auch. Was tun? Ich behielt das Shirt an, meine Kollegin verachtete mich seit diesem Tag wahrscheinlich sehr.

Warum schreibe ich das alles? Weil die Ärzte, auch im 25. Jahr ihres Bestehens, eben nicht irgendwo angekommen sind, weil sie ihre Seelen nicht an die Industrie verhökert haben, weil sie nienienie zu versteinerten Ikonen des Gutmenschentums mutiert sind wie die Hosen, weil sie immer noch den Geist der Anarchie ein- und ausatmen und weil sie immer noch die besten Ideen haben – wer verpackt sein neues Album in einen Pizzakarton? Wer sorgt dafür, dass der Preis der Konzerttickets nicht über einen bestimmten Betrag hinausgeht? Wer läßt auf diese Tickets drucken, dass Nazis (und Leute in Böhse-Onkelz-Shirts) draußen bleiben müssen? Wer läßt die Konzerte mittels Ökostrom über die Bühne gehen? Sind es etwa die Toten Hosen? Nein, es sind die Ärzte, die ohne viel Aufhebens als ehern betrachtete Gesetze des „Business“ über Bord werfen und ihre eigenen durchsetzen. Die wegen ihres Erfolgs nicht durchdrehen, sondern andere daran teilhaben lassen. So. Das mußte mal gesagt werden.

Die Ärzte: Jazz ist anders

Das neue Album „Jazz ist anders“ ist aber nicht nur wegen Ökostrom, Pizza-Kartonverpackung und der als Pizzen gestalteten CD (+ Bonus-Mini-CD) interessant: nach dem vor vier Jahren erschienen letzten Album „Geräusch“ war bei den Ärzten so ziemlich die Luft raus, Bela, Farin und Rod hatten keine rechte Lust mehr an der Musik und schon gar nicht am Zusammenspielen, jeder ging seiner Wege und kümmerte sich um eigene Projekte. Farin Urlaub zog es wieder in die Welt, seine Eindrücke seiner Bhutan- und Indienreise kann man in einem opulenten Fotoband bewundern, Bela B. las 24 Hörbuch-CDs ein (Peter Guralnicks Elvis-Biografie), Rod produzierte die junge Band Panda. Nach einiger Zeit wurde den Ärzten allerdings klar, dass die Welt sehr gut eine neue Platte von ihnen gebrauchen kann: „Jazz ist anders“ heisst das Produkt, dass die Ärzte in kompletter Eigenregie aufgenommen haben – keine Gastmusiker, keine externen Producer, sogar die Bookletfotos wurden mit Selbstauslöser geknipst. Die Ärzte als autonom-autarkes System funktionieren sehr gut, der noch bis vor kurzem deutlich hör- und spürbare Originalitätswahn ist einer – soll man es wirklich so nennen? - weisen, gereiften Haltung des älteren Arztes gewichen.

Natürlich gibt es noch immer den ununterdrückbaren Hang zum Kalauer, der sich vor allem im süßlich übersteigerten „Niedlichen Liebeslied“ Bahn bricht, oder in „Breit“, wo es heißt „Jetzt bin ich schon fast dreißig / und lebe noch immer / Bin auch noch immer der Coolste hier in diesem Zimmer / Ich sabbere ein bisschen und rieche streng …“. Die Hitsingle „Junge“ spielt mit einem immer wieder auftauchenden Ärzte-Thema: Jugendliche versus ihre Eltern („und wie du wieder aussiehst – Löcher in der Nase und immer dieser Lärm“), die Ärzte geben freimütig zu, dass ihnen die Lebenswelt eines 16-jährigen näher und vertrauter ist als die eines „normalen“ Mittvierzigers, mit dem sie ausser dem Geburtsjahr wenig gemeinsam haben. Was dazu führt, dass die Ärzte mit Leichtigkeit ständig neue jugendliche Fans rekrutieren – auch heute, 2007, ist das Ärzte-Logo Zeichen für freundliche Anarchie und hemmungsloses Schuleschwänzen. Auch Belas Alter Ego, der Vampir, hat einen kurzen Auftritt in „Licht am Ende des Sarges“, in dem er allerdings eine Trendwende ankündigt: „Will fühlen, was andere fühlen / Ins Schwimmbad gehen und Fußball spielen / Dracula wohnt nicht mehr hier / Hier gibts nur noch den lustigen Vampir.“ Musikalisch ist „Jazz ist anders“ sehr kompakt, rau und punkrockig – mit eingestreuten Jimi-Hendrix- und Kiss-Zitaten, Funk- und Skarhythmen, mit denen sie älteren Hörern freundliche Brücken bauen. Der letzte Track heißt „Vorbei ist vorbei“ und darf ganz unironisch als freundlich-weiser Ratschlag an die Jüngeren verstanden werden: „Du hast nur dies eine Leben / Wenn's vorbei ist, ists vorbei / Nimms nicht so schwer – das Wichtigste ist doch: Du hattest eine schöne Zeit – eine herrliche Zeit.“


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