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Die Box




November 2007
Robert Mießner
für satt.org

Halbwelt, Unterwelt, Warenwelt
Gallon Drunk "The Rotten Mile"

Gallon Drunk
V.l.n.r.: Simon Wring, James Johnston, Terry Edwards und Ian White.
Foto: Justin Westover

Gallon Drunk: The Rotten Mile

Auf dieser gewalttätig-schönen Platte befindet sich ein Weihnachtslied, ein schlicht Christmas betiteltes Instrumental. Allein, Gemütlichkeit will sich nicht so recht einstellen. Eher denkt man beim Hören an Allen Baron’s Film-Noir-Meisterwerk Blast Of Silence – Explosion des Schweigens (1961). An den erstickten Schrei Frankie Bonos, Auftragskiller, einsamer Wolf, traumatisiertes Kind, begleitet von einem allwissend-grausamen Off-Kommentar durch das weihnächtliche New York treibend, auf der Suche nach Nähe und Erlösung und dabei nur ein schmutziges und brutales Ende findend. Eines, das von Anfang an feststeht, sich mit der Unerbittlichkeit einer griechischen Tragödie vollzieht. Gallon Drunk kennen sich mit guten Krimis aus. Auf ihren Nachttischen dürfen James Ellroy und Ross Macdonald vermutet werden, zwei, bei denen mit der Entlarvung von Tätern, der Entschleierung von Motiven die Probleme gerade erst beginnen, Schlachtfelder der Seele betreten werden. Ganz sicher Briten wie Ted Lewis, G.B.H. – Schwere Körperverletzung (1980). Und selbstverständlich Derek Raymond, I Was Dora Suarez – Ich war Dora Suarez (1990), das bestürzende Porträt einer Gesellschaft, die noch ihren Zerfall konsumiert. Gallon Drunk haben mit Raymond, der sein Material als Fahrer von Nachttaxis in London fand, auf der Bühne gestanden und 1993 eine musikalische Interpretation des Dora-Suarez-Stoffs aufgenommen.

Fans des Noir-Genres wissen: Dazu gehört auch die passende Musik. Jene spezielle Art von Jazz, jener Klang zwischen Eisblumen und Sumpfblüten. In einem Moment cool, im nächsten hot, ganz so, wie es die Dramaturgie verlangt. Elegant und verwegen, das ist der Sound, den Gallon Drunk, einst noch mit Max Décharné, Mike Delanian und Joe Byfield Vorband Morrisseys und bekennende Fans von Charles Mingus, Johnny Cash und Frank Sinatra, lieben. Und seit 1988 auch selber spielen. Auf einer Handvoll Singles und sieben Alben, darunter das großartige From The Heart Of Town (1993), das erste mit Saxofonist und Multiinstrumentalist Terry Edwards und Stereolabs Lætitia Sadier als Gastsängerin, das fast schon hitverdächtige In The Long Still Night (1996), der kongeniale Soundtrack zu Nikos Triantafillidis’ Black Milk (2000) und Fire Music (2002), eines, das leider nie die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient (und sich nicht umsonst seinen Titel mit Archie Shepp teilt).

Sieben Alben in fast zwanzig Jahren, das ist nicht gerade viel. Wobei der Grund für die längeren Pausen eher nicht im zweiten Teil des Bandnamens verborgen liegt, sondern in den zahlreichen anderen Verpflichtungen der Mitglieder: James Johnston, Gesang, Gitarre und dreidimensionale Orgel, war seit 1994 gelegentlich Gast bei Nick Caves Bad Seeds, ist seit 2004 ihr festes Mitglied und betreibt noch mit Frau Geraldine Swayne und Steve Gullick das Avant-Projekt …Bender. Terry Edwards tritt gemeinsam mit Lydia Lunch auf, hat, um nur wenige zu nennen, mit den Boo Radleys, Billy Bragg, den Creatures, PJ Harvey, Jesus & The Mary Chain, Madness, Spiritualized und den Tindersticks musiziert. Nebenbemerkung für Fans von Foyer des Arts: Auf ihrer Peel-Session von 1986 ist ein junger Mr. Edwards an Saxofon und Tasten zu hören. Für Gallon Drunk muss die Woche acht Tage haben. Dann freilich gibt es noch die Nächte. Von ihnen, und sie sind lang und dunkel, erzählt, in seiner Intensität streckenweise an ihr Debüt You, The Night …And The Music (1992) erinnernd, The Rotten Mile. Ein Album, auf dem James Johnston Obsessionen erforscht, in zwielichtige Kneipen einlädt und daran erinnert, dass die Gegend des heutigen London einst Heimstatt für "Sandbänke, Sümpfe, Wälder, Wilde" (Joseph Conrad, Heart Of Darkness - Herz der Finsternis) war. Auffallend oft ist die Rede von Wasser, Meer und Hafen. Gallon Drunk sind vergnügte Freibeuter, nehmen sich aus Rockabilly, Punk, Jazz und Bossa Nova, was ihnen passt. Formen daraus schillernden Klang, ein Biest mit scharfen Krallen und spitzen Zähnen. Zum Schluss, wenn James Johnston den von Shirley Bassey und Tony Bennett berühmt gemachten Standard The Shadow Of Your Smile intoniert, zeigt es gar sein weiches Fell. Aber Vorsicht, die Hitze auf The Rotten Mile, sie wärmt nicht, sie verbrennt. Eine Platte für alle, die bei Weihnachtsdekorationen im Herbst Gewaltfantasien bekommen. Wir werden immer mehr.