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Die Box




Juli 2007
Christina Mohr
und Maria Sonnek
für satt.org

Short Cuts-Logo
Short Cuts Juli 07, zweite Hälfte

Hallo, hat jemand das Sommerloch gesehen? Bei den Plattenlabels scheint es sich jedenfalls nicht aufgetan zu haben, im Gegenteil, eine spannende Veröffentlichung nach der anderen wird rausgehauen. Deshalb folgt hier ein etwas atemloser Ritt durch sieben unverzichtbare Neuerscheinungen …


Tocotronic: Kapitulation
(Vertigo/Universal)

Tocotronic, Kapitulation

Deutschlands Innenstädte sind derzeit mit Banderolen tapeziert, auf denen zu lesen ist: “Kapitulation. VÖ 6.7.2007” Tocotronics neues Label Universal läßt sich nicht lumpen und promotet eine der ungewöhnlichsten Pop-Kampagnen seit langem. “Kapitulation”, laut Dirk von Lowtzow das “schönste deutsche Wort”, ist nicht unbedingt das, was man von einer Rockband erwartet. “Kapitulation” klingt nach Schwäche und Scheitern und ist ein Begriff, auf dem man gerade in Deutschland mit langen Zähnen herumkaut. Tocotronic hingegen propagieren hingebungsvoll die Absage an Ruhm, Ehre und Endsieg. Elf Jahre nachdem Tocotronic “gekommen sind, um sich zu beschweren” feiern sie ein Fest der Verweigerung, des Nein-Sagens und Dagegenseins und bilden eine bohemistische Opposition zu den Durchhalte- und Jubelpatrioten. Dabei bleiben sie 12 Songs hindurch konsequent ambivalent und werden gerade dadurch sehr konkret. Zu teils melancholischem, teils lebhaftem Indie-Gitarrenrock, der längst nicht mehr der Hamburger- , sondern einer sehr internationalen Schule verpflichtet ist, erklingen poetische Anti-Rock-Lyrics, die als regelrechte Lyrik bezeichnet werden können. Tocotronic führen die dunkelromantische Mystik des letzten Albums “Pure Vernunft darf niemals siegen” weiter, verwenden Worte wie “zerstäubt”, “Festung” oder “nachtumweht” und verlassen damit selbstbewusst-romantisch den rockistischen Sektor. Die Texte propagieren das Scheitern und Disfunktionalität, in “Luft” heißt es: “Ja, ich habe heute nichts gemacht / ja, meine Arbeit ist vollbracht ( …) das Nutzlose wird siegen.” von Lowtzow treibt sein Spiel mit der Sprache auf dialektische Spitzen, im Opener “Mein Ruin” bezeichnet er sich als “nicht einer von euch ( …), nur einer von euch ( ….), einer unter euch” und pendelt manisch-depressiv zwischen Erlöser- und Versagerfigur hin und her. Der Titeltrack verspricht mit brüchiger Singalong-Melodie die Kapitulation aller auf ganzer Linie – ob Tiere oder Tyrannen, was bleibt, ist vollständige Aufgabe und doch klingt gerade dieser Song besonders hoffnungsvoll. Das Kunstlied “Harmonie ist eine Strategie” kontrastiert den aufrührerisch-punkrockigen Track “Sag alles ab” und mit “Verschwör' Dich gegen Dich” gelingt Tocotronic nicht nur ein griffiger T-Shirt-Spruch, sondern einer ihrer besten Songs überhaupt: “Verschwör' dich gegen dich und Ähnlich wie Blumfeld erweitern Tocotronic den Rock- oder Popkontext und lassen ihn an den Rändern ausfransen – so hält Wilhelm Reichs Orgon-Energie-Theorie genauso Einzug ins Toco-Universum wie geheimnisvolle Sphinxen und Elstern. “Kapitulation” ist Meta-Pop, eine metaphysische Revolution.


» www.tocotronic.de



Mahogany: Connectivity
(Vital Dist./Rough Trade)

Magic Bullets:
A Child But in Life yet a Doctor in Love
(Words on Music)

Mahogany, Connectivity

Mahogany aus Brooklyn und Magic Bullets aus San Francisco gelten als Vertreter einer sich sachte bemerkbar machenden Retrowelle, die wir an dieser Stelle “Shoegazing 2.0” nennen wollen. Kurzer Blick zurück: Wir befinden uns in den späten achtziger bis frühen neunziger Jahren. Wir imaginieren Jungs und Mädchen mit langen Ponyfransen und geringelten T-Shirts, die zur Musik von Ride, Lush und Galaxie 500 tanzen und dabei fasziniert auf ihre Sneaker schauen – shoegazing eben. “Dreampop” wurde diese schwerelose Stilrichtung auch genannt, die die trüben Nineties erleuchtete und etwas später von Stereolab, The Concretes oder Belle & Sebastian weitergeführt werden sollte. In Zeiten von Aggro-Rap mag man Musik wie diese als entrückt und weltfern empfinden, aber wer ein Herz hat, wird mit den Honigtöpfen, die Mahogany und Magic Bullets öffnen, sehr glücklich werden. Mahogany veröffentlichten bereits 1999 ihren ersten Longplayer, “The Dream of a Modern Day.” 2005 erschien “Memory Column”, eine Compilation bestehend aus dem ersten Album und einigen Singles und EPs, “Connectivity” ist erst das zweite reguläre Album der siebenköpfigen Band. Die 11 Songs oszillieren zwischen perlender Lebensfreude und verträumter Melancholie, dynamische Gitarrensounds werden übereinander geschichtet, dazu erklingen Keyboardloops und schwebende Vocals, die zum Teil von Lucy Belle Guthrie stammen, Tochter von Robin und Elizabeth Fraser, ehemalige Cocteau Twins. Ein trocken gezupfter Bass und straighte Drums sorgen für die notwendige Erdung, damit die fluffigen, sphärischen Songs den Boden nicht komplett verlassen. “Supervitesse” zum Beispiel ist so tanzbar geraten, dass man dabei eher himmelwärts als auf seine Schuhe blicken wird.

Magic Bullets, A Child But in Life yet a Doctor in Love

„Magic Bullets“, „Zauberkugeln“ nannte man Anfang des 20. Jahrhunderts die Pillen, mit denen Paul Ehrlich Krankheiten wie Syphilis bekämpfen wollte. Beim Googeln stösst man ausserdem auf ein Küchengerät namens Magic Bullet, das laut Herstelleraussage „alle anderen Küchenwerkzeuge ersetzt“. Die amerikanische Band Magic Bullets wird weder Syphilis heilen noch Truthähne zubereiten, aber ihr Album „A Child but in Life yet a Doctor in Love“ wärmt die Seelen und läßt trübe Augen wieder leuchten, was auch viel wert ist. Die zehn Songs des Debüts zitieren Post-Punk britischer Prägung à la Gang of Four, Orange Juice und Wedding Present, die Gitarren perlen wie bei New Order und den Smiths, dazu ertönt die moderat-hysterische Stimme des charismatischen Sängers Philip Benson, die ständig kurz vorm Umkippen scheint und doch immer wieder die Kurve kriegt. Stücke wie „Yesterday's Seen Better Days“, „Lay Low“ oder „Heat Stroke“ sind allerschönster Indiepop zwischen Durchdrehen-vor-Glück und tiefster Verzweiflung, zu dem man tanzen, küssen und freihändig radfahren kann. Und „Will Scarlett“ ist einer der schönsten Songs, den Morrissey nie geschrieben hat.


» www.mahogany.nu
» myspace.com/mahoganyinthecity
» www.mbullets.com
» myspace.com/magicbullets



Olivier Libaux presente Imbécile
(Discograph)

Olivier Libaux presente Imbécile

Zwei befreundete französische Liebespaare verbringen einen lauen Sommerabend in einem Haus am Meer. Ein gemeinsames Dinner wird gegeben, dazu fließen Pastis und Rotwein, man kommt ins Palavern über die Liebe und das Leben. Diese Szenerie hatte Olivier Libaux von Nouvelle Vague im Kopf, als er sein Chanson-Musical-Konzeptalbum “Imbécile” erdachte. Dass dieses Unterfangen nicht ins Kitschige abdriftete, hat verschiedene Ursachen: zunächst Imprésario Libaux selbst, der mit seinem Projekt Nouvelle Vague seit Jahren für geschmackvolle Coverversionen bekannter Pophits steht. Dazu kommen die Interpreten, die er sich für “Imbécile” aussuchte: Multitalent Philippe Katérine, der im vergangenen Jahr mit seinem Album “Robots après tout” begeisterte, dessen Gattin Héléna Noguerra, ein ehemaliges Topmodel, die sich mittlerweile als Sängerin und Buchautorin einen Namen gemacht hat; die Chansonsängerin Barbara Carlotti und der legendäre französische Rock'n'Roller JP Nataf. Die vier leihen den fiktiven Paaren ihre Stimmen und singen über Hoffnung, Schmerz, Freundschaft, Eifersucht, Glück und Melancholie. Die Texte sind zum Teil witzig-absurd, “Mon verre d'eau” thematisiert Hélénes Angst, im Wasserglas des eigenen Lebens zu ertrinken. “Mes belles années” ist das bittere Resümée einer Frau, die ihre schönsten Jahre vertrödelt hat. Dass die typisch französischen Chansons eindeutigen Pop-Appeal erhalten, liegt dabei nicht nur an Olivier Libaux, sondern auch am Produzenten “Alf” Briat, der bereits Bands wie Phoenix und Air im Studio zur Seite stand. Sparsam instrumentiert – ein zarter Kontrabaß hier, zurückhaltende Percussion dort, dazu ein bisschen Klaviergeplinker – entwickeln sich Melodien, die man nach kurzer Zeit und ein, zwei Pastis locker mitpfeifen kann.


Gogol Bordello: Super Taranta
(Side One Dummy/Cargo)

Gogol Bordello, Super Taranta

Spätestens seit dem 7.7.07, dem Tag, als das Weltklima von Al Gore und einem Haufen mehr oder weniger abgehalfterter Popmusiker gerettet wurde, benötigt die ukrainisch-newyorkische Rasselbande Gogol Bordello keinerlei Promotion mehr: Madonna herself holte sich Frontmann Eugene Hutz und Geiger Sergey Rjabtzev als Unterstützung auf die Bühne und performte mit ihnen „La Isla Bonita.“ Zwei Milliarden Fernsehzuschauer wurden Zeugen davon, wie Hutz und Rjabtzev aus Mama Madonnas mit Abstand lahmstem und langweiligstem Song ever einen überschäumenden Gypsy-Flamenco machten, der sogar die alterslose Hochleistungssportlerin Popikone ausser Puste brachte. Gogol Bordellos neues Album „Super Taranta“ klingt genauso wie der kurze Auftritt, den die ganze Welt sah: 14 wirbelnde, atemlos machende Balkanbeat-Kracher, die vergleichbare Vorläufer wie die Pogues altersschwach und krank aussehen lassen. Thematisch angesiedelt zwischen Bucovina Club und CBGB's, Metal, Punk, Rap, Reggae, Dub und Zigeunerfiedelei schubsen einen die Bordellbetreiber so heftig durch die Gegend, dass man nur noch von einem Zahnputzbecher voller Wodka Linderung erhoffen kann. Eugene Hutz schnarrt mit hartem Akzent fröhliche Sauereien und gesellschaftskritische Parolen, die Resultate seiner eigenen Geschichte sind: Hutz verließ die Ukraine 1986, direkt nach der Tschernobyl-Katastrophe. Bevor er sein Ziel Amerika erreichte, verbrachte er sieben Jahre in verschiedensten Flüchtlingslagern – während dieser Odyssee begegnete er Menschen und Musiken aus aller Herren Länder und verarbeitet all diese Einflüsse seit 1999 im Bandprojekt Gogol Bordello, das, wie gesagt, seit dem 7.7.07 keine Promotion mehr benötigt …


» www.gogolbordello.com



Prince: Planet Earth
(SonyBMG)

Prince, Planet Earth

Um nochmal auf “Live Earth” zurückzukommen: nicht nur Al Gore sorgt sich um die Erde und das dazugehörige Klima, auch Roger Nelson Prince liegen die Geschicke unseres Heimatplaneten am Herzen. Das aufwändige Hologrammcover seines neuen Albums zeigt den bekennenden Zeugen Jehovas als Quasi-Schöpfer des Projekts “Planet Earth”, im Innencover zeigt sich Prince glücklicherweise wie gewohnt als ageless Beauty mit Augenaufschlag und freier Sicht aufs Brusthaar. Die Platte selbst ist sicherlich kein Meisterwerk des mittlerweile 49-jährigen Funkgottes aus Minneapolis, aber insgesamt überwiegt die Freude, seine Stimme wieder zu hören und die slicke Produktion zu goutieren. Prince hat sich für die Aufnahmen zu “Planet Earth” gute alte FreundInnen eingeladen, Wendy, Lisa und Sheila E. sind mit an Bord, Gastauftritte von Maceo Parker, Renato Neto und vielen anderen veredeln die Platte zusätzlich. Die Songs (deren Titel übrigens nicht im Booklet abgedruckt sind, deshalb weiter unten die Tracklist) sind vollmundig und satt abgemischt und voller feinsinniger Details. Die erste Singleauskopplung “Guitar” ist eine etwas alberne, aber lustige und mitreißende Liebeserklärung an, äh, eine Gitarre: “You know I love you Baby, but not I like I love my guitar” heißt es im Text, dazu jault und kreischt die Angebetete in den höchsten Tönen. “Somewhere Here on Earth” ist eine schwüle Barschnulze mit nostalgischem Arrangement inklusive Plattenknistern am Ende, dazu erklingt des Meisters androgyne Stimme, die sich by the way in absoluter Höchstform befindet. “The One U Wanna C” erinnert an den Happysound der Achtziger, marschiert zwar extrem gutgelaunt aus den Lautsprechern, ist aber ein wenig flach geraten. “Future Baby Mama” bringt den sexy Prince zurück aufs Bettlaken, Opulenz aus samtenen Streichern, plüschigem Setting und vor allem die Falsett-Vocals lassen kein Auge (sic!) trocken, “Mr. Goodnight”, ein Song über einen Escortboy, ist hochglänzender R'n'B wie aus dem Lehrbuch, hier zeigt Prince, wie man dieses Genre richtig anfasst und was man damit machen kann. Prince's softer Rap klingt fast wie Snoop Dog, nur eleganter. Höhepunkt des Albums ist der Funkstomper “Chelsea Rodgers”, der mit Studio-54-Feeling, Handclaps, wildgewordenen Trompeten, knochentrocken gezupftem Bass und einer beiläufig eingestreuten Rocky-Fanfare strictly zum Dancefloor führt. Auf “Planet Earth” zeigt Prince, dass er selbst in schwächeren Momenten der Konkurrenz noch immer meilenweit voraus ist.


» www.3121.com



Two Gallants:
The Scenery of farewell
(Saddle Creek)

Anderthalb Jahre nach Erscheinen ihres Zweitlings beglücken uns die beiden Kavaliere mit einer fünf Songs starken EP. Stark im Sinne von mächtig, wundervoll, grandios – nicht neu, nicht anders, aber trotzdem nicht weniger einnehmend als frühere Veröffentlichungen. Wer die Vorgänger kennt, weiß, worauf es bei Two Gallants ankommt: Ihre Stärken sind Songs in Songwriter-Manier mit Folkeinschlägen, die Gitarre immer richtig gestimmt und angeschlagen, die Stimmen rauh, aber gänsehautverdächtig. Wenn Adam Stevens (Gitarre) und Tyson Vogel (Drums) in einer Fußgängerzone stehen und ihre Songs den vorbeieilenden Massen entgegenträllern würden, niemand würde sich wundern. Sie verfolgen weiter, was man von ihnen gewohnt ist und spielen vielleicht bei dem ein oder anderem Festival die ein oder andere Einsamkeitsbeschwörung. (Maria Sonnek)