Anzeige:
Die Box




Juni 2007
Christina Mohr
für satt.org

Pop-Protest


Move Against G8
Sampler
(Skycap 2007)

Move Against G8
   » amazon

Der bevorstehende G-8-Gipfel, der vom 6. - 8. Juni in Heiligendamm in Mecklenburg-Vorpommern stattfinden wird, erregt die deutschen Gemüter wie einstmals der Bau der Startbahn West, nur dass es nicht um ein Waldstück im Hessischen geht, sondern um Weltpolitik im beängstigend grossen Stil. Organisationen wie Attac oder DVG-VK rufen zu friedlichen Aktionen auf, aber die Angst vor gewaltbereiten Demonstranten führt dazu, dass das Gebiet rund um das Ostseebad Heiligendamm seit Monaten weiträumig abgesperrt ist und aussieht wie ein UFO-Forschungsgelände in den USA. Der Begriff “G8” wirkt längst wie ein Reizwort, ohne dass jeder, der sich echauffiert, auch genau wüsste, worum es beim Gipfel gehen wird. Reinhard Mohr schrieb im Spiegel vom “Fetischcharakter” dieser Buchstabe-Zahl-Kombination, der Sigmund Freud hellauf begeistert hätte. Die Aktionen rund um den G8 werden zum Event, noch bevor der Gipfel tatsächlich stattgefunden hat – die üblichen Gutmenschen fühlen sich auf den Plan berufen, Bob Geldof und Bono diskutieren mit Politikern, als wären sie selber welche. Aber auch die jüngere Popkultur mischt sich ein: das Label Skycap vertreibt einen Sampler, der über die Website move-against-G8.de und bei Demos und Anti-G-8-Konzerten verkauft wird. Auf der CD sind neue und bekannte Songs von Bands wie Kettcar, Wir sind Helden, Blumfeld und Tocotronic zu hören, aber auch viele Stücke aus dem bewährt protestaffinen Reggaesektor. satt.org bat Bernadette La Hengst, die mit ihrem subtil revolutionären Lied “Nie mehr vor Mittag aufstehen” auf “Move Against G8” verteten ist, zum Interview:



Bernadette La Hengst
Bernadette La Hengst
(Foto: Christiane Stephan)

CM: Du warst schon auf dem "I can't relax in Deutschland"-Sampler vertreten, engagierst dich auch sonst sehr stark - was kann/soll Popmusik erreichen?
BLH: Ich weiß nicht, was Popmusik erreichen kann, das wird die Zeit zeigen, ob etwas davon hängen bleibt oder zu einer Attitüde wird, deren Inhalt belanglos und austauschbar ist. Ich persönlich möchte mich gern einmischen, in Widerspruch treten mit den bestehenden Verhältnissen, aber auch in Widersprüchen mit meinen eigenen Vorstellungen und denen der Linken …

CM: Wie entstand der Sampler? Ging die Idee von einer bestimmten Band aus oder kam das Label auf dich/euch zu?
BLH: Das Label kam auf mich zu, das Projekt war allerdings von Anfang an eingebunden in einen politischen Diskurs, verschiedene politische Gruppen waren daran beteiligt, Entscheidungen wurden im Kollektiv getroffen, und nicht von einem Labelmacher/In. Ich selber stand dem Titel allerdings skeptisch gegenüber, auf der einen Seite sehe ich eine Notwendigkeit, sich nicht zu entspannen, wenn man nationalistische Tendenzen ansieht, aber diese “Unentspanntheit” der Linken geht mir grundsätzlich eher auf die Nerven, man könnte es auch Verkrampftheit und Dogmatismus nennen, und der Titel beschreibt das ganz gut, war also Absicht.

CM: Kürzlich lief auf 3Sat eine mehrteilige Reihe über Protestsongs, die zwar einen Schwerpunkt auf die sechziger Jahrelegte, mit Bands wie System of a Down, Public Enemy etc. auch in neuere Zeiten vordrang - glaubst du an eine Renaissance des Protestsongs?
BLH: Nein, aber ich glaube, daß es immer wieder ein Bedürfnis gibt nach Haltung versus Style. Wenn Jan Delay im Interview sagt, Haltung und Style müssen zusammen gehen, trifft das natürlich genau den Nerv der Zeit, auch wenn er dabei die gesamte Politik der RAF auf einen stylischen Charakter runter rockt, spricht er damit ein Bedürfnis aus, das diese junge Generation anscheinend hat, nämlich ein politisches, ökologisches Bewusstsein nicht als Verzicht und Jutetaschen-Bewegung zu verstehen, oder Feminismus nicht als lila Tuchträgerinnen zu transportieren, sondern mit Glamour und Style. Aber von einer Renaissance des Protestsongs hab ich noch nichts bemerkt.

CM: Bob Geldof hat gerade eine Menge Leute aus Politik und Gesellschaft versammelt und eine "revolution of thinking" gefordert - hältst du ihn und seine Auftritte für glaubwürdig?
BLH: Ich finde, er taktiert die ganze Zeit, ist sich immer bewusst, daß er mit Politikern verhandeln will anstatt sie zu seinen Feinden zu machen, so daß er zum Beispiel Angela Merkel als Mensch lobt, um damit auf ihr Verantwortungsbewusstsein gegenüber Afrika hinzuweisen. Diese psychologische Taktik ist durchschaubar, und angesichts der minimalen Umsetzung (0,5 %) der Schuldenerlass-Forderung von Gleneagles, ist mir diese Schleimerei nicht sympathisch. Da ich mich noch nie als Realpolitikerin gesehen habe, kann ich mir besonders als Künstlerin auch erlauben, radikalere Forderungen zu stellen, wie beispielsweise die Auflösung des G8 als solches, um ihre undemokratische Politik zu aufzudecken. Diese Forderung stelle ich übrigens auch zusammen mit meiner Puppentheatergruppe “Die engagierten Finger”, mit denen ich den Mobilisierungsfilm “Kasperle Gib 8” gedreht habe. Zu sehen auf Youtube.

Kasperle Gib 8 - Teil 1


Kasperle Gib 8 - Teil 2


CM: Auf dem "Move Against G8"-Sampler sind jede Menge namhafte deutsche Bands versammelt, aber man vermisst durchaus die eine oder andere - findest du, dass sich viele Künstler zu sehr ins Private zurückziehen? Haben Künstler/Musiker sowas wie einen "gesellschaftlichen Auftrag"?
BLH: Erstmal sollten ursprünglich noch viel mehr Bands auf dem Sampler vertreten sein, aber die Organisatoren haben sich dann anstatt einer Doppel-CD für eine CD und eine DVD mit informativen Filmen entschieden, was ich grundsätzlich gut finde. Das heißt, daß sich zur Zeit anscheinend sehr viele Musiker auf den G8 Protest einigen können, was bei mir schon wieder Zweifel weckt, denn eine breite Einigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner schliesst auch immer Platitüden mit ein und eine Art Selbstgerechtigkeit, die mit dem realen Leben oft nicht viel zu tun hat. Es muss sich nicht jeder Künstler gleichzeitig als Politaktivist verstehen, aber ich finde, daß sich Kunst und Politik nicht ausschliessen, Kunst kommt von Kommunikation und nicht von Kommerz, und da darf ein Bewusstsein über politische Zusammenhänge nicht fehlen. Wie das dann künstlerisch umgesetzt wird, ist eine andere Frage und im ständigen Wandel. Bei einigen Musikern ist ein politisches Engagement auch eine populistische Image-Aufwertung, gleichzeitig finde ich es aber wichtig, daß viele Menschen über die Auswirkungen unseres Lebens und der Politik der G8 Staaten auf die gesamte Welt aufklären.

CM: Der G8-Gipfel wird in Meck-Pomm/Heiligendamm jede Menge verbrannte Erde hinterlassen - warum muss der unbedingt dort stattfinden?
BLH: Keine Ahnung, wahrscheinlich, weil es so abgeschieden von größeren Städten liegt, und daher besser bewacht werden kann.

CM: Wirst du auch beim MoveAgainst-Festival auftreten?
BLH: Ich bin gefragt worden, ob ich nach der Großkundgebung am 2. Juni in Rostock auftreten will, und ich habe mich dagegen entschieden, weil ich keine Lust habe, mich mit den Mitteln der Popmusik auf dieser Demo zu zeigen. Das mache ich ja sonst schon genug, ich werde wahrscheinlich mit meinem Agit-Prop-Straßenmusik-Kollektiv Schwabinggrad Ballett auf der Straße verstörende Marschmusik spielen und mich an anderen Aktionen beteiligen.

CM: Machst du dir über politische/gesellschaftliche Dinge mehr Gedanken, seit du ein Kind hast? Die Grünen werben wieder mit ihrem alten Slogan "Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geborgt" - kommen einem solche Gedanken, wenn man selbst Mutter/Vater/Eltern ist? Und: sind Jugendliche heute politisch gleichgültiger als "wir" früher? (Au weia, hier begebe ich mich selbst auf dünnes Eis: ich besass in den frühen Achtzigern zwar einen Startbahn-nein-danke-Bleistift, viel weiter ging mein Engagement aber nicht. Mal abgesehen von engagiertem Mülltrennen)

Sampler Playlist:
Kettcar Alles vorstellen (Keine Guillotine weit und breit)
Nosliw Es hat sich nix geändert
Bernadette la Hengst Nie mehr vor Mittag
Sillywalks Movement feat. Taffari Leaders
Blumfeld Diktatur der Angepassten
Tomte Norden der Welt
Madsen Du schreibst Geschichte live@fritz
Afrob feat. Lisi Müde
Irie Révoltés Morale
Jan Delay Söhne Stammheims
Fermin muguruza Plastic Turkey
Rainer von Vielen Tanz deine Revolution
Die Toten Hosen Pushed again live@rock am ring
La phaze colère noir
Gentleman feat. barrington levy & daddy ringscaan hold us down
Tocotronic Aber hier Leben nein danke bierbebenrmx
Mad Maxamom Absage Nr.1
Finkenauer Hand in Hand acc. Version
Wir sind Helden Wir sind gekommen um zu bleiben

BLH: Ich finde den Satz immer noch richtig, auch wenn er wie eine Parodie klingt (Rocko Schamoni hat ihn ja mal in einem sehr lustigen Lied benutzt: “Wir haben keine zweite Welt im Kofferraum …”), aber gleichzeitig denke ich auch “wir sind das Echo unserer Eltern”, also wir machen alles im Nachklang der Generation davor, auch wenn wir meinen, wir tun das Gegenteil, und darin liegt die Gefahr, auch in den politischen Forderungen, es ist sehr schwierig, sich im Denken und im Handeln von den “Eltern” zu befreien, denn unsere eigene Bequemlichkeit steht uns immer im Weg. Als ich neulich eine Schülerdemo in Berlin gesehen habe, wo 16- bis 20-jährige dieselben Parolen skandierten wie 50-jährige Altkommunisten, dachte ich, das geht so nicht, das muss jetzt mal gebrochen und neu formuliert werden. Um auf deine nächste Frage zu kommen, ich glaube nicht, daß Jugendliche heute gleichgültiger sind, und die Frage ist ja immer, worum es bei Protest geht, um die Rebellion gegen die Eltern, gegen Arbeitslosigkeit, Prekarisierung? (wobei ich ja Schwierigkeiten habe mit diesem neuen politischen Modewort, denn Prekarität ist ja mein Lebensmotto). Neulich hab ich im Radio gehört, daß versucht werden soll, mehr Studenten Auslandsstipendien zu ermöglichen, damit Deutschland mehr international erfahrene Menschen auf den globalisierten Arbeitsmarkt schicken kann. Wenn man mal die wirtschaftliche Nützlichkeit aus der Debatte herausnimmt, ist das auf jeden Fall ein Weg, politisch bewusste junge Menschen zu fördern, genauso natürlich wie man Migranten auch ohne Hochschul-Ausbildung nach Deutschland holen sollte.

CM: Glaubst du, der G8-Gipfel-Protest kann die (jugendlichen) Massen so mobilisieren wie einstmals die Startbahn-West-Demos oder ähnliches?
BLH: Dadurch, daß sich jetzt (auch) so viele Künstler und Musiker an dem G8 Protest beteiligen, bekommt das ganze natürlich eine Art Festivalcharakter, das dann hoffentlich genug junge Leute mobilisiert, die sich dadurch mit dem Thema auseinander setzen. Eigentlich dachte man ja, die große Zeit der Anti-Globalisierungs-Bewegung sei schon vorbei, aber vielleicht fängt die Auseinandersetzung vor allem durch so populistische Themen wie den Klimawandel noch einmal von vorne an.

CM: Am 1. Mai kracht es üblicherweise in Kreuzberg, so auch in diesem Jahr (wenn auch nicht ganz so dolle) - kann man die Berliner Zündler ernst nehmen oder sind das Showkrawalle (also hohl und sinnlos)?
BLH: Ich hab am 1. Mai in Kreuzberg als Auftakt zum Euromayday gespielt, dem Versuch einer (Eigenbeschreibung der Veranstalter) “1. Mai Demo ohne Gewerkschafts-Bratwurst-Mief und weitgehend sinnfreier Mackermilitanz”. Da ging es um Prekarisierung, Migrationspolitik, etc., inhaltlich gehaltvoller also als der Rest der Multi-Kulti-Kreuzberg Großveranstaltung, die mittlerweile als Volksfest dient und nebenbei immer noch ein paar Steinewerfer animiert, ihre Muskeln zu zeigen. Ich fand es als Gesichts- und Geschichts-Studien ganz interessant, als politisches Ereignis völlig belanglos und ärgerlich. Die meisten Reden waren dermassen uncharmant, rhethorisch schlecht und zu inhaltslosen Platitüden verkommen, daß mir die Ohren weh taten. Es war trotzdem eine interessante Erfahrung, dort zu spielen, auch wenn ich nicht als neue Sprecherin/Sängerin der Anti-Prekarisierungsdebatte herhalten möchte.



» move-against-g8.de
» www.lahengst.com