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März 2007
Robert Mießner
für satt.org

The Shape of Beauty to Come
Roswell Rudd / Mark Dresser “Airwalkers”
Russ Lossing / Mat Maneri / Mark Dresser “Metal Rat”

Fans! Wie ihr gesehen habt, wird satt.org zur Gratulationsseite. Vorige Woche schickten wir Geburtstagsgrüße über den Ärmelkanal, heute haben sie einen etwas weiteren Weg vor sich. Ornette Coleman ist am Freitag 77 Jahre jung geworden – wir gratulieren!* Danke, Mr. Coleman – für At the Golden Circle und Science Fiction, für Dancing in your Head und Sound Grammar. Wer letzteres, ein ganz und gar unglaubliches Alterswerk, noch nicht sein eigen nennt, sollte sich schnellstens zum Plattenhändler begeben und lieber den Rest des Monats Tütenwein trinken. Wenn ihr vorm Regal steht, nehmt euch gleich noch John Zorns Spy vs. Spy - The Music of Ornette Coleman mit. Ein ganz und gar unglaubliches Tributalbum mit Mark Dresser am Bass. Der Mann in seinen Fünfzigern ist seit kurzem auf zwei – sage mir, welches Wort wer am meisten benutzt, und ich sage dir, wovon wer besessen bist – ganz und gar unglaublichen Alben zu hören. Die wollen dann auch noch gehört werden. Tütenwein gibt’s übrigens schon ab 75 ct.

Cover
Mark Dresser

Mark Dresser
Foto: Andrea Zanoletti

Im Ernst: Noch immer geistert das böse Vorurteil durch die Blätter, Free Jazz, Jazz improvisierter Natur, sei völlig unhörbar, humorlos und nur von verbiesterten Experten zu goutieren. Wer’s glaubt, wird nimmer frei. Airwalkers, die erste der beiden zu feiernden Platten, ist ein Duoalbum, aufgenommen mit Archie Shepps langjährigen Posaunisten Roswell Rudd. Ein Treffen der Extraklasse also, und es erfüllt die hohen Erwartungen, die naturgemäß geweckt werden. “Du weißt niemals genug” lautet das Arbeits- und Lebensmotto Rudds, eines über Siebzigjährigen, der sich hörbar Neugierde und Geschmack am Abenteuer bewahrt hat. Dabei sei alles Dressers Schuld, betont er in den Liner Notes. Der wiederum schildert, wie er seit Jahren von Rudds Musik fasziniert gewesen sei, von seinem gleichermaßen harmonischen wie expressiven Ton, seinem Gespür dafür, dass Jazz in erster Linie immer eine Geschichte erzähle. Man glaubt es kaum, aber gerade zwei dieser Erzählungen, Roz MD und der Titelsong, sind vor den Aufnahmen ausformuliert worden, der Rest ist spontan im Studio entstanden. Keine geschichtslose Avantgarde ist es, die hier geboten wird. Rudd und Dresser verneigen sich mit Don’t blame me vor Dorothy Fields, Jimmy McHugh und natürlich Monk, widmen Duality Steve Lacy, der genauso wusste, dass auch die Vergangenheit Zukunft ist. Bewusst angelehnt an konventionelle Formen wie Walzer, Swing, Rag und Ballade, ist beiden gelungen, was sich am besten ein Experiment in Subtilität nennen ließe. Dennoch werden die Liebhaber des zornigen Lärms genauso auf die Kosten kommen und bei Burst die Repeat-Taste betätigen. Dresser entlockt seinem Bass Töne, über die Charles Mingus, weilte er noch hier, in Verzückung geraten könnte. Wer Rudd an der Posaune gehört hat, denkt noch mal über Bob Brookmeyers Satz nach, wonach es die Saxofonisten sind, die die Frauen kriegen, Trompeter das Geld scheffeln und Posaunisten, nun ja, ein Innenleben entwickeln.

Cover

Metal Rat kommt als Trio daher. Russ Lossing am Piano, Dresser am Bass und Mat Maneri an der Viola. Ungewöhnliche Besetzung, vielleicht, aber was ist bei dieser Musik, der Ornette Coleman den Namen gab, eigentlich ungewöhnlich? Aufgenommen an einem kalten Winternachmittag in Brooklyn, ist es das geworden, was sich Lossing für dieses Album gewünscht hat: eine Atmosphäre ohne großes Nachdenken, mysteriös, nicht analysierbar. Alle Beteiligten sind sowohl mit Jazz als mit Klassik vertraut, Dresser hat darüber hinaus Musik für Shakespeares Henry VI., Dalis und Bunuels Der andalusische Hund wie Robert Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari geschrieben. Werft ihn an, den Film, der durch die Ohren kommt und im Kopf spielt. Bei Metal Rat, dem Namensgeber dieser kühnen Platte, in dem Lossing das Klavierinnere mit den Fingern, mit Hämmern, Drumsticks und Besen zum Klingen bringt. Bei Dressers gestrichenem, suggestivem Bass in Is Thick With und Maneris elegischer und fordernder Viola in Coming to Meet. Gedenkt der Tücken des Alltags, wenn Turn erklingt. Lossing über den Song: “In den letzten Jahren habe ich eine Reihe von Kompositionen geschrieben, die ich Alternate Side Parking Music nannte. Jeder Autofahrer in New York kennt das Problem der Parkregeln und –verbote im Zusammenhang mit der Stadtreinigung. Eine komplizierte Angelegenheit, aber um mir die Wartezeit zu verkürzen, habe ich begonnen, im Auto zu komponieren.” Wer hat gesagt, diese Musik spiele im Elfenbeinturm? Eine völlig diesseitige Schönheit lebt auf beiden Platten und will entdeckt werden. Viel Spaß!

*Es herrscht einige Verwirrung über das korrekte Geburtsdatum Ornette Colemans. Oft ist vom 19. März 1930 die Rede. Wir verlassen uns auf die gewöhnlich gut informierten Enthusiasten bei All About Jazz und Destination: OUT, die beide vom 09. März sprechen. Destination: OUT hat übrigens ein lesens- und hörenswertes Geburtstagsspezial zusammengestellt. Check it out.


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