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Die Box




Februar 2007
Christina Mohr
für satt.org

Kaiser Chiefs:
Yours Truly, Angry Mob
(Polydor/Universal)

Kaiser Chiefs: Yours Truly, Angry Mob

Die allgemeine Sehnsucht nach einer “Supergroup” scheint derzeit so gross, dass auch die nicht gerade vom Ruch des Genialen umwehten Kaiser Chiefs als solche gehandelt werden. (Siehe auch das Kaiser-Chiefs-Spiel, das sich die Plattenfirma ausgedacht hat …) Seit dem Erscheinen ihres Debütalbums vor anderthalb Jahren wurde die Band aus Leeds häufig mit Maximo Park oder Franz Ferdinand verglichen, aber die “Chiefs” lieferten mit ihrer ersten LP “Employment” eher derbe Hausmannskost als ein raffiniertes Lad-Menü ab.

Kaiser Chiefs

“Employment” enthielt grandiose stante-pede-Klassiker wie “I Predict A Riot”, “Everyday I Love You Less and Less” und “Oh My God”, die nicht nach “Schampus mit Lachsfisch” klangen, sondern nach mehreren Paletten Karlsquell. Leider ging der Band um Ricky Wilson in der Zwischenzeit das Talent für solche prollig-charmanten Mitgrölhymnen flöten, denn “Yours Truly, Angry Mob” klingt kein bisschen angry, sondern irgendwie erschöpft und schwachbrüstig. Produzent Stephen Street, der auch schon bei “Employment” an den Reglern sass, hat dieses Mal keine hörbaren Spuren hinterlassen. Die Single “Ruby” klaut die prägnante Gitarrenfigur von Blurs “Country Life” und verplätschert dann relativ belanglos; “The Angry Mob”besitzt zwar eine vielversprechende Melodie, aber allein, der Zorn fehlt. Chorus und Schluss von “Angry Mob” sind klar auf eine enthemmte Livesituation hin gebastelt, man kann das Publikum schon jetzt deutlich hören, wie es aus tausend Kehlen skandiert: “We are the angry mob we read the papers every day / We like who we like, we hate who we hate / But we're also easily swayed.” Der dritte Song, “Heat Dies Down” sorgt für einen der wenigen Höhepunkte der Platte: eine flirrende Gitarre untermalt die strassenköterige Sehnsucht in Wilsons Stimme und man bekommt einen Eindruck, wie das Album hätte werden können, wenn … ja, wenn was? Mehr Inspiration von den Bäumen in Leeds gefallen wäre, als es über weite Strecken der Fall war: Songs wie “Highroyds”, “Everything is Average Nowadays” und “Thank you very much” sind schlicht ärgerlich, weil sie Hysterie und Punkrock vortäuschen, aber über einen hingestampften Rhythmus und hardrockiges Gitarrengegniedel nicht hinauskommen. Die Ballade zum Luftholen - auch hier wurde wieder an die Konzertsituation gedacht – heisst “Love's Not A Competition (But I'm Winning) und wird ausgeblendet, noch nicht mal ein passender Schluss wollte den Kaiser Chiefs einfallen. “My Kind of Guy” kann eventuell als Scherz verstanden werden, oder was sonst möchten die Chiefs mit folgenden Zeilen ausdrücken: “ … I like your style / And you sound as horrible as me”? Mit einem knackigen Drum-Intro, das man bei Adam & the Ants schon mal gehört hat, beginnt “Learnt My Lesson Well”, aber die Antmusic-Tribes schaffen es nicht weit, der altbekannte Marschrhythmus bricht sich Bahn. “Try Your Best” klingt nach gegenseitigem auf-die-Schulter-klopfen unter Männerfreunden im Pub und im letzten Song legen die Kaiser Chiefs ihre Erschöpfung deutlich offen: “I must go out on a high / And not to answer to why / I want to retire” - sollte der Weg von “Employment” zu “Retirement” so kurz gewesen sein?

Vorschlag zur Güte: Wenn Robbie W. aus der Klinik kommt, sollten er und die Kaiser Chiefs zusammen eine Platte aufnehmen. Aus den gemeinsamen Interessen wie Fussball, Bier und Abhängen könnten neue kreative Energien entstehen, die Chiefs gäben mit ihrer handfesten Art die bitter nötige Stütze für den labilen Robbie ab und Mr. Williams kann der Band das fehlende Charisma verleihen – klare Win-Win-Situation!


» www.kaiserchiefs.co.uk



Alex Kapranos:
Sound Bites. Essen auf Tour
mit Franz Ferdinand
(KiWi 2007)

Um das Motiv der Hausmannskost von oben wieder aufzunehmen: Nahrhafter als “Yours Truly …” ist “Sound Bites”, das Buch von Alex Kapranos, Sänger und Gitarrist von Franz Ferdinand. Kapranos isst nicht nur gern, er ist auch gelernter Koch – es erscheint also nur konsequent, dass er ein Buch über seine Lehrzeit und das Essen auf Tour verfasst hat. Damit keine Missverständnisse entstehen: Alex Kapranos tritt nicht in Jamie Olivers Fussstapfen, in “Sound Bites” finden sich keine Rezepte, sondern Anekdoten rund ums Essen. Kapranos kann anschaulich und spannend schreiben, ausserdem kennt er sich gut aus: seine Ausführungen über das Ausnehmen von Hühnern und Hummern sind purer Rock'n'Roll. Er schont weder sich noch die Leser, im Eingangskapitel beschreibt er sehr plastisch, wie er als Einjähriger seiner Mama aufs Kleid kotzt - der kleine Alex hat eine Erdnussallergie, die sich offenbart, nachdem er sich über die Knabbereien im Wohnzimmer hergemacht hat. In kurzen Kapiteln (“Sound Bites”) reist man mit Kapranos und Franz Ferdinand um die Welt: in Seattle gibt es Tintenfisch, wir erfahren, dass Schlagzeuger Paul eine Burger-Rangliste führt (Bewertungskriterien: Aussehen, Konsistenz, Zutaten, Präsentation und Neuartigkeit), die man leicht für eigene Reisen übernehmen kann. In Singapur wird Kapranos aus dem Hotel geworfen, weil er in der Lobby eine Kokosnuss ausschlürft, er verrät, wo man in Glasgow das beste Curry bekommt und warum der Bratapfelverkäufer auf dem Münchner Weihnachtsmarkt so glücklich aussieht. Kapranos nimmt Fans und Leser mit nach Rio de Janeiro, überlebt den Verzehr von Kugelfisch (Fugu) in Osaka und berichtet, dass Franz Ferdinand in Zagreb wegen ihres Namens für Opernstars gehalten wurden. Eine Adressenliste mit empfehlenswerten Restaurants weltweit (!) rundet das Büchlein ab, das sich als Geschenk für Fans von Franz Ferdinand, gutem Essen und Städtereisen eignet. Grosse Zielgruppe also!

Kapranos auf Lesereise:
12. 3.: Berlin, Deutsches Theater
13.3.: Hamburg, Machtclub im Schauspielhaus
14.3.: München, Muffathalle


» www.kiwi-koeln.de