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Die Box




Oktober 2006
Christina Mohr
für satt.org


The Lemonheads
Vagrant 2006

The lemonheads
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The Lemonheads

Einer meiner Schulfreunde aus grauer Urzeit fand es schick, Bands wie die Violent Femmes, die Pixies, Phillip Boa & the Voodooclub und die Lemonheads abschätzig als „Zwölftklässlerinnenmusik“ zu bezeichnen. Bereits damals, erst recht heute in der Rückschau erscheint mir diese Titulierung wie ein Qualitätssiegel, gemäß dem immerwährenden Sinnspruch „ … but the little girls understand.“

Musiker auf Auto

Deswegen ist es mir eine große Freude, an dieser Stelle zu verkünden, dass die neue Lemonheads-Platte, mit der niemand rechnen konnte, nichts weniger als eine kleine Sensation ist. Ungefähr so, als stünde nach 10 Jahren der Exfreund wieder vor der Tür. Aber was die Rückkehr der Lemonheads von üblichen Begegnungen mit Exfreunden unterscheidet, ist, a) Evan Dando sieht heute noch genauso fantastisch aus wie damals, b) er hat was wirklich Schönes mitgebracht (das neue Album) und keinen Sack voll schmerzlicher Erinnerungen. In allen Zeitungen kann man derzeit ausführlich die Geschichte der Lemonheads nachlesen, deshalb sollen hier ein paar Stichpunkte genügen: 1986 gründete Evan Dando in Boston die Lemonheads. Dandos Lieblingsband waren The Descendents, ähnlich wie sie und die Buzzcocks sollten die Lemonheads klingen. Nach der Debüt-EP „Laughing All the Way to the Cleaners“ landete Dandos Band schnell bei Taang! Records, dort erschienen die drei LPs „Hate Your Friends“ (1987), „Creator“ (1988) und „Lick“ (1989). Collegeradiostationen spielten die Alben rauf und runter, bis Atlantic Records auf die Lemonheads aufmerksam wurde und ihnen einen Vertrag anbot: ab diesem Zeitpunkt ging es dann richtig los; die vierte LP „Lovey“ läutete die Erfolgsphase ein. Mit „It's A Shame About Ray“, „Come on, Feel The Lemonheads“ und Hits wie der Coverversion von Simon and Garfunkels „Mrs Robinson“ werden die Lemonheads groß und berühmt. Von Anfang an dreht sich das Personenkarussell der Lemonheads rasant: insgesamt spielten mehr als 40 Leute in Dandos Band, so dass es legitim ist, von Evan Dando zu sprechen, wenn man die Lemonheads meint (oder umgekehrt). Zustände wie bei The Fall – doch es fällt schwer, sich Dando als grantelnden Diktator à la Mark E. Smith vorzustellen. Vielmehr umgibt ihn die Aura einer gewissen Schlunzig- und Ambitionslosigkeit, man glaubt ihm sofort, wenn er heute sagt, er habe sich nie wirklich angestrengt. Dass er dennoch früher und heute die schönsten Gitarrenpopsongs einfach so aus dem Ärmel schüttelt, verleiht ihm den Nimbus des schlampigen Genies, der Klassenbester sein könnte, wenn er nur wollte, aber diese Anstrengung ist ihm viel zu lästig. Die Mädchen stehen sowieso auf ihn. Das Talent für eingängige, große Melodien mit punkrockigem Gerüst plus Dandos personifiziertes Slackertum lassen die Lemonheads zur Definition von Indiepop werden.


The Lemonheads Live
27.10. Köln, Stollwerck
28.10. Hamburg, Markthalle
4.11. München, Elserhalle
5.11. Berlin, Postbahnhof

Doch Dando wird in Musiker- und Kritikerkreisen nie wirklich akzeptiert – er ist einfach zu hübsch, das macht ihn suspekt. Dazu kommt eine unheilvolle Neigung zu Drogen aller Art, die Dando zu oft die Kontrolle verlieren läßt. Tiefpunkt (oder größter Moment, je nach Sichtweise) ist ein verstrahlter Auftritt in Glastonbury 1995: Dando läßt die Fans stundenlang warten, weil er sich in seinem Hotelzimmer mit Drogen und Groupies vergnügt. Als es ihm doch noch einfällt, in Frauenkleidern und mit Zöpfchen auf die Bühne zu wanken, wartet das Publikum bereits auf Portishead. Deren Fans beschimpft er fröhlich als „blöde Hippies“ und irgendwie wird klar, dass es das jetzt war mit den Lemonheads. 1996 erscheint noch das Album „Car Button Cloth“ und Dando verkündet beim Reading-Festival 1997 das Ende der Lemonheads. Laaaange Pause. 2003 erscheint Dandos Soloalbum „Baby, I'm Bored“, das überraschend positiv aufgenommen wird, die dazugehörige Tour ist ein voller Erfolg. Seine Abkehr von harten Drogen führt er auf zwei Umstände zurück: den 11. September 2001 (er lebte damals in Manhattan, nur zwei Blocks von Ground Zero entfernt), und die Heirat mit dem Model Elisabeth Moses. Der Tod und die Liebe brachten ihn zur Umkehr, auch wenn er bis heute sagt, dass Drogen für ihn immer funktioniert haben. Nur muß man irgendwann damit aufhören – nie aufgehört hat er mit der Musik und jetzt fühlten sich die fertig komponierten Songs „einfach wie eine Lemonheads-Platte an“. Da Dando auf keine Bandkollegen zurückgreifen konnte, mußte er sich für dieses Album neue Mitstreiter suchen – herausgekommen ist sowas wie eine Indie-All-Star-Band: am Schlagzeug sitzt Bill Stevenson von Black Flag, Karl Alvarez von den verehrten Descendents spielt Bass. Und die eine Gitarre, die bei einigen Songs auftaucht, kommt dem geneigten Indiefan ebenfalls sehr bekannt vor: J Mascis gibt sich die Ehre und bringt den typischen Dinosaur Jr-Sound ganz lässig auch bei den Lemonheads unter.

Dando selbst hat nichts verlernt, schon nach den ersten Tönen fühlt man sich wieder total wohl mit ihm und den Lemonheads. Es ist wie früher, aber es fühlt sich genau richtig an, mitten in 2006. Die Sonne scheint durch die Gitarrenläufe, wie es Indiebands aus England oder Deutschland nie gelingt und Evan Dandos Stimme klingt noch immer irgendwie abwesend-indifferent und trotzdem präsent und intensiv. Die Platte ist durchgehend schneller, härter, schwungvoller als frühere Lemonheads-Alben. Dazu gibt es einige faszinierende ruhige Momente, die Dando selbst als „psychedelic country“ bezeichnet, nachzuprüfen bei „Become the Enemy“ oder „Steve's Boy“. Die perlenden poprockigen Songs, „Black Gown“, „Rule of Three“, , „No Backbone“, oder „December“ sind herzzerreissend, eingängig, wirbelnd, man fühlt sich wie im Video zu „Mrs. Robinson“. Die Gitarren klingen manchmal ein bisschen wie einst Johnny Marr („Let's Just Laugh“) oder fasern trippig aus wie in „Baby's Home“. Die Lyrics geben viel von Dandos Lebenshaltung preis, im wunderbaren „Pittsburgh“ singt er:

„With a little bit of common sense / You can lose a lot of innocence in this world“. Ebenso aufschlussreich heißt es im nächsten Song „Let's just laugh / We can never do anything / about anything anyway“ - Lebenshilfe à la Dando.

Songs wie „No Backbone“ oder „Baby's Home“ drücken ein Generation-X-ennui aus (und Dando gehört noch zur „echten“ GX!); „Steve's Boy“ zeigt den fast 40jährigen Musiker als ewigen Sohn und Nicht-Erwachsenen: „Hello it's me / Your son again / I'll let myself in / Back to save your life / Back to ruin your day / I can't make you well / I can't make you love me / But I'm not leaving here without you“. Die letzten Worte auf der Platte lauten „I beg your pardon“ - you're welcome, Evan Dando!