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April 2006
Robert Mießner
für satt.org


Nikki Sudden bei amazon

Die Unvernünftigen werden rar
Nikki Sudden
(1956 – 2006)


Nikki Sudden (2004)
Nikki Sudden (2004)
Foto © Tanja Krokos

In einem Interview Ende der neunziger Jahre hat er Johnny Thunders zitiert: „Ich hasse Leute, die sich selber Musiker nennen.“ Es fällt schwer, sich Nikki Sudden als Hassenden vorzustellen. Er liebte Rock ’n’ Roll. Die Musik, das Songschreiben, war ihm, wir müssen hier ein hoffnungslos antiquiertes Wort gebrauchen, Herzensangelegenheit. Und das Gegenteil von Handwerk.

1956 als Adrian Nicholas Godfrey in London geboren, sitzt der Fünfzehnjährige eines Tages offenen Mundes vor dem Radio. Aus den Boxen kommt Jeepster – Marc Bolan und T. Rex werden zum Initiationserlebnis. Begleiten Adrian und seinen drei Jahre jüngeren Bruder Kevin Paul durch die Jugend, genauso wie Can, The Rolling Stones, New York Dolls, David Bowie, Slade, King Crimson und Free. Es dauert nicht lange, und für die heute unvorstellbare Summe von sechs Pfund ist die erste Gitarre erstanden. 1974 dann die langersehnte erste Band – die Brüder nennen sie Swell Maps. Aus Adrian wird Nikki Sudden, Sänger und Gitarrist. Schlagzeuger und Keyboarder Kevin wählt das Pseudonym Epic Soundtracks. Ihr experimenteller Rock ’n’ Roll wird zur Blaupause für ein ganzes Genre. Sie helfem dem, was heute unter Punk, Independent und Alternative verbucht wird, mit auf die Beine. Und lernen ihr Vorbild Marc Bolan persönlich kennen. Der verspricht zu helfen – und fällt zwei Tage, nachdem sie ihre erste Single aufgenommen haben, einem Autounfall zum Opfer. In John Peel finden sie einen Fan und Förderer und Jahre später mit Sonic Youth, Pavement und Pussy Galore Bands, die sich ausdrücklich auf die Swell Maps, ihre beiden Alben A Trip To Marineville und Jane From Occupied Europe, berufen werden. Sudden diplomatisch: „Ganz ehrlich, ich mag keine der drei Bands besonders. Aber ich schätze ihren guten Geschmack.“

1981, Punk wird Kunst oder Disko (beziehungsweise beides), lösen sich die Swell Maps während einer Italientournee auf. Und Sudden entdeckt eine neue Vorliebe: An die Stelle hektischer Klangcollagen treten Balladen und Blues. Ein nur scheinbarer Widerspruch – wie bei seiner ersten Band, so geht es Sudden auch in seinen Nachfolgeprojekten The Jacobites und The Last Bandits, in Zusammenarbeiten mit Rowland S. Howard, Peter Buck, Phil Shoenfelt, The Flaming Stars und Hugo Race, in erster Linie um Ausdruck und nicht um Klangkunst. Zu hören auf Alben wie Robespierre's Velvet Basement (1985), The Ragged School (1986), Texas (1986), Kiss You Kidnapped Charabanc (1987), Dead Men Tell No Tales (1988), The Jewel Thief (1991), God Save Us Poor Sinners (1998), Liquor, Guns and Ammo (2000) und Treasure Island (2004) – das letzte gemeinsam mit Ian McLagan von den Small Faces und Ex-Rolling Stone Mick Taylor. Sudden, der It’s Only Rock ’n’ Roll sein Lieblingsalbum nennt, beginnt, ein Buch über Ronnie Wood zu schreiben.

Ein Arbeitsleben unter Hochdruck zwischen England und Berlin. Rückschläge und Enttäuschungen gehören dazu. Wie auch zermürbende Tourneen und nicht gezahlte Vorschüsse. Am 5. November 1997 kommt es dann zur Katastrophe. Epic Soundtracks – beide Brüder sind auch nach dem Ende der gemeinsamen Band eng verbunden geblieben – wird tot in seinem Londoner Apartment gefunden. Drogen, meint die Fachpresse. Ein gebrochenes Herz, meint Sudden noch am 23. März 2006, als sein Bruder 47 Jahre alt geworden wäre. Drei Tage darauf sollte er ihm folgen. In den Morgenstunden des 26. März ist er nach einem Konzert in der Knitting Factory, New York gestorben. Am 19. Juli hätte Nikki Sudden seinen 50. Geburtstag feiern können.