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November 2005
Christina Mohr
für satt.org


Francoise Cactus & Wolfgang Müller:
Wollita – Vom Wollknäuel zum Superstar!

Martin Schmitz Verlag 2005

Voverabbildung

80 S., incl. CD
14,50 Euro
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Francoise Cactus
& Wolfgang Müller:

Wollita
Vom Wollknäuel zum Superstar!

Wollita, Wollita
Außer Kontrolle
Brust, Haut und Haar –
Alles aus Wolle

Ich spitze die Lippen
Und singe ins Herz,
Ins Herz aller Menschen
Von Liebe, Wolle und Schmerz

(Wollita mit Stereo Total)

Im Frühjahr 2004 wurde im Künstlerhaus Bethanien in Berlin-Kreuzberg die Ausstellung „When Love Turns To Poison“ gezeigt, die – dank der „aufklärerischen“ Berichterstattung der Bild-Zeitung und der B.Z. – sehr schnell in Verdacht geriet, Kinderpornographie und Pädophilie zu verharmlosen. Die Skandalpresse-Headlines blendeten die eigentliche Zielsetzung der Künstler und Kuratoren wohlweislich aus: Anlaß der Ausstellung war, zu zeigen, wie schnell die Grenzen verschwimmen zwischen Sex und Gewalt, Liebe und Ausbeutung, Hingabe und Macht. Auf www.bethanien.de kann man Fotos und Berichte zu „When Love Turns To Poison“ anschauen.




Francoise Cactus und Wollita,
Gagarin Label Nacht im HAU2, 18.2.2005
(Foto: Eva Bruhns)

Auch Francoise Cactus steuerte ein Kunstwerk zur Ausstellung bei: Angeregt durch den Text einer Kontaktanzeige (bezeichnenderweise aus der B.Z.) „Scharfe Wollmaus (18) erfüllt all Deine Wünsche.“ häkelte sie aus fleischfarbener Wolle im Wert von über 300 Euro Wollita, 174 cm groß, mit einem Skelett aus Kleiderbügeln und modischer braun-rot-gesträhnter Frisur. Wollita avancierte im Handumdrehen zum Star der Ausstellung, allerdings im positiven wie negativen Sinne. Sie sah sich den Anfeindungen der Presse, hysterischer Eltern, einem versprengten Häuflein Nazis und sogar dem tätlichen Angriff eines religiösen Fanatikers ausgesetzt. Außerdem wurde sie von Hanin Elias und Beth Love in die Geheimnisse der körperlichen Liebe eingeführt. Aus all diesen und weiteren aufregenden Erfahrungen ist ein Buch entstanden, in dem Wollita endlich selbst zu Wort kommt. Mit viel Witz und ironischer Distanz berichtet Wollita über die Wirren des Frühjahrs 2004, ihre Ausflüge auf einem Motorrad und den Besuch des Schwulen Museums Berlin mit Wolfgang Müller. Dort lernt sie die beiden ebenfalls gehäkelten Tuntenfische Armand und Bruno kennen und realisiert zum ersten Mal, dass sie mit ihrem Schicksal, jederzeit aufgeribbelt werden zu können, nicht alleine ist. Wolfgang Müller übrigens, der umtriebige Ex-Die-Tödliche-Doris-Tausendsassa und Islandreisende, forderte den B.Z.-Kulturpreis für Wollita, als ausgleichende Gerechtigkeit sozusagen. Die Unterschriftenliste der Unterstützer ist beeindruckend lang und kann auf der Website des Martin Schmitz Verlags eingesehen werden. Aber weil die Welt schlecht ist, ging der B.Z.-Kulturpreis nicht an Wollita, sondern an …. das steht im Epilog der atemberaubenden Biographie von Wollita!

Da Wollita der Gruppe Stereo Total herzlich verbunden ist, befindet sich eine Mini-CD mit fünf bezaubernden Songs in der hinteren Klappe des Buches. Bretzel Göring und Francoise Cactus unterstützen Wollita musikalisch auf gewohnt charmante Weise, Anspieltipp: Je m’appelle Wollita, eine Interpretation von „Je m’appelle Lolita", einem Hit des französischen Kinderstars Alizee, die übrigens keinerlei Aufruhr wegen der Verharmlosung von Pädophilie verursachte.