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November 2004
Christina Mohr
für satt.org


Le Tigre: This Island
Universal 2004

Cover
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Le Tigre: This Island


Ja, auch Le Tigre sind zur Industrie gegangen und zwar zu Universal. Die Vinylversion von „This Island“ erscheint zwar noch auf ihrem Label Le Tigre Records, aber die Band um Kathleen Hanna will es nun wirklich wissen.

Bandfoto

"All night we’ve been talking to liars/ And it’s all right, just not in the style of tigers/ And if you ask us what we’re doing we’ll say/ „It doesn’t matter to you“ singen Le Tigre in „Nanny Nanny Boo Boo“ und machen klar: kümmert Euch um Euren eigenen Mist. Kämpferisch, politisch, aggressiv und wild sind Le Tigre immer noch, egal ob Major oder Indie. Wie auch auf den Vorgängern „Feminist Sweepstakes“ und „Le Tigre“ spielen Kathleen Hanna, JD Simpson und Johanna Fateman mit allen denkbaren Lesben- und Heteroklischees und leben fernab jeglicher Verbissenheit ihre Lust an allen möglichen Spielereien aus. Beim Konzert in Frankfurt (4.10.) kamen sie denn auch in Cheerleader-liken Kostümen auf die Bühne, unverhohlen weiblich und sexy, mit choreografierten Tänzen, Chorgesang und Lippenstift und trotzdem ist klar: Don’t mess with Le Tigre! Ihre unverkrampfte Show ließ die Vorband Cobra Killer ganz schön alt aussehen, deren rotweingetränktes Rumwälzen und –kreischen im Rückblick unangenehm aufgesetzt wirkte. Kathleen Hanna hingegen ist noch immer das Riot Grrrl par excellence, die sich nicht scheut, gelegentlich zu dick aufzutragen, so lange nur ihr Anliegen klar und deutlich bleibt. Und das tut es: „I don’t mind being debated as long as you’re with me tonight“ singt sie in der Dancefloor-Shouting-Hymne „After Dark", Sex and Politics, untrennbar, „this is what democracy sounds like“ heißt es später auf der Platte.

Musikalisch bieten Le Tigre wilden Electroclash, in den Linernotes gehen Greets an Chicks on Speed Records, das macht Sinn. Die Platte liebt Glitz und Glamour, Le Tigre wollen auf den queeren Dancefloor, keine Frage. Andererseits schlägt Kathleen Hannas Herz auch lange nach Bikini Kill noch für Punkrock, deutlich hörbar auf „Seconds“ und „TKO", die hysterisch, laut und überdreht rüberkommen wie einst X-Ray-Spex. „Tell You Now“ fällt ein wenig aus dem Rahmen, der Song wurde von Ric Ocasek (von den seligen Cars) produziert. Reduziertes Tempo, aber nicht zahm, eine echte Perle. Höhepunkt der Platte (und auch des Konzerts) aber ist die überschäumende Coverversion von „I’m so excited“ von den Pointer Sisters. Ohne Rücksicht auf Verluste oder gar Blamage durch Zurschaustellung der eigenen Begierde zeigen Le Tigre hier, daß sie – trotz aller Kampfansagen – auch waschechte American Girls sind. Meine beste Freundin sang früher immer lauthals und falsch „I’m so exciting!“ Könnte mir vorstellen, daß Kathleen Hanna das auch manchmal tut.