Anzeige:
Die Box


 

Mai 2004
Manske
für satt.org


Das Bierbeben:
No Future No Past

Shitkatapult 2004

Das Bierbeben: No Future No Past
   » amazon

Das Bierbeben: No Future No Past



Keine Angst: Hier wird nicht auf Bierbänken stehend gebrüllt, sondern auf Spontisprüche getanzt.



Das Bierbeben
Foto: Fritz Jaenecke

Keine Zukunft, das kennen wir Thirty-Somethings ja schon zur Genüge. "No Future" war einer der Slogans, der unsere Jugend in den 80er Jahren bestimmte — "Macht kaputt, was euch kaputt macht" war auch so einer. Gott sei Dank wird bei Bierbeben der Punkproloappeal des Titels noch gemildert — die Vergangenheit ist nämlich auch ad acta gelegt. Bleibt immerhin noch die Gegenwart. Und die sieht ja, wir wissen es alle, nicht so rosig aus.

Zeit also, an der Repolitisierung des Pop zu basteln. Der Bandname klingt erst mal nach testosteron- und alkoholgeschwängertem Hardrock der unfeinen Art. Das war wohl auch das eigentliche Ziel: eine negative Erwartungshaltung aufbauen, die es dann mit guter Musik zu widerlegen gilt. Und auch das Logo kann man so deuten: der Bundesadler, wild und zackig durchgestrichen mit ärgerlichem Kuli. Wenn das mal nicht nach billigem Antisein aussieht! Dafür sieht man dann auf dem Cover einen sogenannten Tintenklecks, der wahlweise ausgelegt werden kann als Ansammlung tanzender Menschen mit einer Federdirigentin im Vordergrund oder als Frontalansicht eines gekrönten Hundes mit fliegenden Ohren — Interpretationsfreiheit galore!

Dass es aber ansonsten mit der Freiheit eher den Bach runtergeht, hören wir jeden Abend in den Tagesthemen und jetzt auch bei der Gruppe Das Bierbeben, die aus illustren Mitgliedern und Pseudonymen besteht: Alfred Bierlek, Wolf Dosenbiermann, Brian Vino, Der Osten und Der Westen, hinter denen sich Mitglieder solch famoser Bands wie Phantom/Ghost, Stella oder Pop Tarts verbergen. Über die Originalität solcher Namensgebung kann man natürlich trefflich streiten, nicht jedoch über den schieren Unterhaltungswert dieser Platte. Erstens sind die Vocals ganz entgegen jeder Erwartung weiblich. Zweitens fährt der Technopunkmix prächtig in die Beine. Und Hymnen a la "Mach deinen Fernseher kaputt" lassen keine Fragen offen — nun gut, Medienkritik wurde sicherlich schon mal subtiler formuliert, doch dafür kann man zu den stampfigen Beats den ganzen Frust rauslassen und mal wieder kräftig tanzen. Naivität wird bei Bierbeben großgeschrieben, und das ist jetzt nicht böse gemeint: Wer im Ernst Sätze schreibt wie "Wenn alle Schizophrene zusammenstehn / haben die Ingenieure keine Macht mehr über uns", der kann kein ganz schlechter Mensch sein. Im Laufe der CD hört man dann zwar immer mal wieder Gemeinplätze wie "Ihr seid Räder in der Maschine die euch plattwalzt", die man längst im Orkus der Geschichte verschwunden glaubte - für den Spontispruch "Wenn Deutschlands Mauern fallen möchte ich dabei sein" vergebe ich allerdings mindestens den Utopieorden 2004.