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Die Box


 

April 2004
Marc Degens
für satt.org


Throbbing Gristle:
Mutant TG


Throbbing Gristle: Mutant TG
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Lärm und Anti-Musik
Throbbing Gristle
TG

Mutant
Throbbing
Gristle

Throbbing Gristle zählt zu den fortschrittlichsten und einflußreichsten Bands der zweiten Hälfte der siebziger Jahre, wahrscheinlich sind sie nach Kraftwerk sogar die wichtigste der Dekade. Throbbing Gristle begründete die Industrial-Bewegung, der Name leitet sich von ihrem eigenen Label Industrial Records ab, und in ihrer fünfjährigen Schaffenszeit von 1976 bis zum letzten Konzert am 29. Mai 1981 in San Francisco schuf das Quartett musikalisch Einmaliges und bis dahin Unerhörtes. Mit der Gruppe aus Manchester verbindet man in erster Linie Provokation, Exzesse, Schock: Pornoeinlagen und Nazi-Symbole, Selbstverstümmelungen und Majestätsbeleidigungen, Lärm und Anti-Musik … Angesichts solcher Extravaganzen wird oft übersehen, daß Throbbing Gristle nicht nur für spätere Industrial-Acts wie die Einstürzenden Neubauten, sondern auch für große Teile der Techno-Bewegung und für die elektronische Tanzmusik der letzten Jahre Vorreiter- und Vorbildfunktionen besaßen. Dieser Einfluß reicht bis heute.

Wie viele andere Bands knüpften Throbbing Gristle an die experimentierfreudige Phase von Velvet Underground an. Deren Platte "White Light/White Heat" aus dem Jahre 1969 ist in vielfacher Hinsicht eine der ersten Punk-Platten der Musikgeschichte. Dilettantismus, Aggressivität und Monotonie finden sich bereits hier vortrefflich vereint wie später auf einer Platte der – sagen wir – Sex Pistols. Auch einige frühe Throbbing Gristle-Stücke wie "Very Friendly" klingen wie Kreuzungen aus dem aufgeregt–überdrehten "I heard her call my name" und dem endlosen Siebzehn-Minuten-Stück "Sister Ray" von "White Light/White Heat". In den siebziger Jahren bewies man Mut zur Länge – und diesbezüglich ist Throbbing Gristle tatsächlich ein Kind seiner Zeit und steht Bands wie Can, Kraftwerk, aber auch Pink Floyd näher als den ersten "richtigen" Punkbands mit ihren 1-2-3-4-fertig-Stücken.

Zu Anfang schufen Throbbing Gristle vor allen Dingen dicht verwobene atmosphärische Klangteppiche und Soundcollagen – das eigentliche Debütalbum "The Second Annual Report" (1977) ist in dieser Hinsicht ein Musterbeispiel. Viele Stücke entledigten sich des Korsetts einer populären Musikkomposition – und wiesen bereits in die Richtung der frühen literarisch-dokumentarischen Hörstücke Heiner Goebbels, oder, um ein jüngeres Beispiel zu nennen, zu den Bühnenmusiken von F.M. Einheit. Bedeutungsvoll und richtungsweisend wurden aber diejenigen Stücke, in denen Throbbing Gristle auf kunstvolle Weise minimale und eingängige Rhythmen mit heftigen Krachorgien und griffigen Slogans kombinierten. Der Industrial-Gassenhauer "Discipline" wurde der erste Klassiker dieses Genres und kreuzt eine unglaubliche Synthesizer- und Tonbandlärmwand mit einem simplen, in jedem Fußballstadion zu hörenden Stampfrhythmus und einem manchmal zehn Minuten am Stück klagenden und kreischenden Sängerorgan. Genesis P. Orridges überspannte, gequälte und (ausdauernde!) Stimme paßte sehr gut zu diesem Konzept und trug wesentlich zum Erfolg der Band bei.

Wesentlich aufgeräumter und dadurch moderner klingen die meisten Stücke der Platte "20 Jazz Funk Greats" (1978) – sie ist das opus magnum der Band. Auf dieser Platte befinden sich auch vier der sechs Originale, der in diesen Tagen auf der Tribut-Remix-Platte "Mutant Throbbing Gristle" weiterverarbeiteten Stücke: Persuasion, Hot on the Heels of love, What a day, Still walking. Tribut- und Remix-Tonträger sind häufig eine zweifelhafte Angelegenheit – in diesem Fall aber ist jede Skepsis fehl am Platz: "Mutant Throbbing Gristle" ist eine großartige, ungeheuer druckvoll und hervorragend produzierte Platte, die neue Blicke auf die Band zuläßt.

Zum Remixen eingeladen wurden u.a. Simon Ratcliffe von Basement Jaxx, Motor und Two Lone Swordsmen, deren neues Album im Sommer auf Peppered with Spastic Magic erscheinen soll. Alle Beteiligten lieferten tolle Arbeiten ab und gingen dabei sehr respektvoll und behutsam mit dem Ausgangsmaterial um. Besonders eindrucksvoll ist die "Hot on the heels of love"-Re-Version der Detroiter Produzentenlegende Carl Craig: Mit minimalen Eingriffen hat Craig den Throbbing-Gristle-Klassiker in einen harten, zeitgemäßen, fantastischen Discofeger verwandelt. Dieser Remix beweist am nachdrücklichsten, wie visionär die Band seinerzeit war. Der Hit der Platte aber ist zweifelsfrei der HotHeelsUnited-Remix von Carter/Tutti, bei dem die beiden Throbbing Gristle-Mitglieder Chris Carter und Cosey Fanni Tutti, die seit 1981 als "Chris & Cosey" gemeinsam musizieren, höchstpersönlich Hand angelegt haben und zwei der besten Songs ("Hot on the heels of love" und die Fußballclub-Liebeshymne "United") zu einem treibenden, hypnotischen sechseinhalbminuten Tanzflächenkracher vereinigt haben.

Vom 14. bis zum 16. Mai werden sich Chris Carter, Peter Christopherson, Genesis P-Orridge und Cosey Fanni Tutti nach rund dreiundzwanzig Jahren anläßlich des Throbbing Gristles-Festivals Re-TG in Sussex noch einmal formieren und gemeinsam ein Live-Set spielen – diese Platte gibt berechtigten Anlaß zur Hoffnung, daß es sich bei diesem Auftritt nicht um eine uninspirierte Geldbeschaffungsmaßnahme handeln wird, sondern tatsächlich um ein einmaliges und einzigartiges Ereignis.