
Flowinimmo Jaman (Kopfnicker Records 2000)
Karibik Frank Mikroglycerin (Kopfnicker Records 2000)
Klan Geila Sount/Vastärkung (Put Da Needle To Do Record 2000)
Azad Napalm (3P 2000)
Spax Du hast den Style
Deichkind Weit weg
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Straßentöne
HipHop im Herbst 2000. Zahlreiche neue Releases, so daß man kaum noch hinterher kommt. Aber es stellt sich mal wieder die alte Frage: bedeutet Quantität auch Qualität? Fast täglich gibt es genug Gründe, um daran zu zweifeln, so daß es wirklich immer schwieriger wird, die Spreu vom Weizen zu trennen. Manchmal macht mir diese Entwicklung Angst, denn die fortschreitende Kommerzialisierung der Subkultur führt zwangsläufig dahin, daß es nicht nur nix Besonderes mehr ist, deutschsprachigen Rap zu hören, sondern daß es auch oft einfach keinen Spaß mehr macht, in Diskussionen oder auch einfachen Gedankenaustäuschen mit Außenstehenden für diesen Kulturgedanken eine Lanze zu brechen.
Soll heißen: warum sollte ich mich denn hinstellen und argumentieren, daß HipHop das Schönste, das Tollste und das Chilligste ist, das man erleben kann, wenn 90 % der Raptexte momentan sowieso von nix Anderem handeln …? Battlekultur hin oder her: es gibt keinen Community-Gedanken mehr (außer bei den Verdienern untereinander). Alles läuft auf pure Egozentrik oder Selbstbehauptung der Macher hinaus: entweder bin ich als RapperDJodersonstwas bereits an der Spitze, weil ich schon soooo lange dabei bin, oder ich setze meine Ellenbogen ein, krieche den bereits Etablierten sonstwo rein und darf mich dann irgendwann auch dazu zählen … Aber fangen wir einfach mal an, dann wird manches vielleicht noch etwas deutlicher.
Das, was mal die Kolchose Stuttgart war, hat sich ja inzwischen zu einer verhältnismäßig riesigen Maschinerie mit dem Finger am Puls der Zeit entwickelt. Neben dem 0711-Büro gibt es ja bekanntlich ein hauseigenes Mag, einen Merchandiseversand und als logischen Schluß das Label: Kopfnicker Records. Als jüngsten Release präsentieren die fleissigen Schwaben den Bremer Flowinimmo, der modische Reggaetunes mit abdrehten Rapinhalten zum Besten gibt. Frage: warum denn eigentlich DER schon wieder? Hat er nicht gerade erst sein mit 19 Tracks vollgepacktes eigenes Album "TerraPi" rausgebracht? Und: ist da sein "Jaman" nicht auch mit drauf? Stimmt alles, ein Schelm also, wer Böses dabei denkt oder Kalkül dahinter vermutet - mir persönlich erscheint der Track nicht wie eine würdige Vorab-Single für das im Januar erhältliche Kopfnicker Records-Album. Meiner Ansicht nach gäbe es da weitaus interessantere, und vor allen Dingen logischere Künstler, denn soweit ich weiß, ist Immo nicht bei diesem Label unter Vertrag. So böte sich beispielsweise der Kopfnicker-Rookie Karibik Frank doch weitaus besser an. Leider kommt ihm nur die zweifelhafte Ehre der B-Seite zu. Dabei sind die zuckenden Beats seines "Mikroglycerin" doch wesentlich innovativer und dürften die Stuttgarter Produktionswerkstätten weitaus besser repräsentieren. Mit den Raps allerdings ist das so eine Sache: sicher kann man dem jungen Nachwuchskünstler ohne Bedenken ein gewisses Maß an Skills und Wortwitz attestieren. Auch schießt er seine Battlereime geschickt verpackt quasi als Understatement heraus. Was mich stört ist allein die Tatsache, daß alles so furchtbar kalkuliert erscheint. Ich werde den Eindruck nicht los, daß er den nötigen Reifeprozess nicht selber macht, sondern zu sehr auf das gehört hat, was ihm seine Mentoren an Lebenserfahrung mitgegeben haben - und ob das für die Kreativität so gut ist, das weiß ich nicht.
Anders dagegen die Jungs vom Klan mit ihrer aktuellen Maxi "Gaila Sount"/ "Vastärkung". Wenn sie auch zur Zeit noch ein bisserl sehr im Fahrwasser von Mindens Helden Curse schwimmen, so kann man ohne Frage von einer eigenen Entwicklung sprechen. Sowohl die Rapstyles als auch die Beatkompositionen der "Flashpunk" gehen absolut eigene, besonders experimentelle Wege. Das erinnert mich an einen ihrer älteren Tracks, "Katzengold", wo mit den Erwartungshaltungen der Zuhörer gespielt wurde und das Intro eine soundtechnische falsche Fährte legte.
Nun kann man natürlich schlecht so unterschiedliche Styles miteinander vergleichen, zumal der Klan-Sound gar nicht den Anspruch hat, "sauber" zu rappen. Die Parallele ergibt sich vielmehr dadurch, daß sich die Mindener mit Put Da Needle To Da Record ebenfalls für ein sehr szenenahes Label entschieden haben, ihre Arbeit aber absolut eigenständig ist. Man hört einfach keine Erfolgsabsicht heraus- vielmehr rappen und produzieren die Jungs für den Spaß an der Sache ohne sich großartig um ihre Umwelt zu kümmern und genau das ist für mich HipHop.
Während sich der ehemalige Asiatic Warrior D-Flame für den weiten Weg nach Eimsbüttel entschieden hat, ist sein ehemaliger musikalischer Weggefährte Azad in Frankfurt geblieben und wurde bei einem gar nicht so unbekannten Rödelheimer Plattenlabel gesignt. Tja, wohl ein weiteres Beispiel dafür, wie alte Fehden an Bedeutung verloren haben. Wenn man sich davon aber mal frei macht und auf die Musik konzentriert, wird man feststellen, wie Azads Debut-Maxi "Napalm" kontinuierlich an die AW-Veröffentlichungen anknüpft. Um aber den Eindruck zu verwehren, daß sich hier nur wieder ein weiterer alter Kampfreimer zu rohen Bässen ans Mikro drängelt, hat er neben seinem metaphorischen Titeltrack noch "Heartcore" beigesteuert. Der Name ist Programm, denn hier erwartet den Zuhörer Streetknowledge gepaart mit dem Erfahrungsschatz aus über einer Dekade Rap-Business. Es ist nicht immer leicht, Azads Flow zu folgen und ich kann mich auch immer noch nicht damit anfreunden, daß Battlen scheinbar automatisch Fäkalsprache nach sich zieht, aber ansonsten verdient die Scheibe das Prädikat "tight".
Sehr gefreut habe ich mich über Spax aktuelle Singleauskopplung "Du hast den Style". Über das Cover mögen sich andere den Kopf zerbrechen- die Entscheidung, endlich mal wieder ein Liebeslied in den Rap-Ring zu schicken, ist ja nicht unbedingt neu und mutig, aber doch noch selten. LL Cool J, Bruda Sven und Curse haben es vorgemacht - Spax schließt daran an. Sehr pragmatisch vermittelt er das Gefühl eines von HipHop geprägten Umfeldes mit einer Ode an die Frau seine Träume. Dazu ein romantisches Klavier-Sample, ein paar Verse zur allgemeinen Gefühlskälte und fertig ist das lässige Teil. Sogar die Arroganz in seiner Stimme hat er merklich gedrosselt. Seine routinierte Art, Texte zu schreiben, läßt bei mir dennoch nicht Langeweile aufkommen: die Physiognomie seiner Liebsten mit den Umrissen von Nike Cortez-Schuhen zu vergleichen, beweist Zeitgeist und Selbstironie zugleich. Für stille Stunden empfohlen.
Weniger abstrakt sondern sehr lebensnah rappen die Deichkinder in "Weit Weg" über ihre Beziehungen. Verstärkung gibts von Bintia, die mit ihrer souligen Stimme der aktuellen Auskopplung den Blues einhaucht. Ausnahmsweise geben sich die drei Nordlichter hier mal nicht nur lustig, sondern zeigen auch die kleinen Schattenseiten des Tourlebens. Und das macht das Ganze dann auch so sympathisch, denn ein weiteres beliebtes HipHop-Klischee wird hier gebrochen. Klar, ich frag mich natürlich schon, wie viel ich von den kleinen Geschichten für bare Münze nehmen sollte, aber selbst wenn sie nur ausgedacht sind, dann sind sie trotzdem mal was anderes. Insgesamt nett, aber ich würde eher das komplette Album der Deichkids zum Kauf empfehlen. |