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19. August 2026
Johannes Witek
für satt.org
 

Carolyn Forché Revisited – Ears to the Ground

Funktioniert politische Lyrik? Sehr selten, imo. Entweder die Agenda ist so heftig, so schwer dass sie alles andere überlagert und nur noch der Bleifuß der Agenda selbst einem für immer ins Gesicht tritt, mit Orwell gesprochen. Das ist, angesichts vieler vorstellbarer und vorhandener politischer Zustände nachvollziehbar, und es ist immer einfach, sich in seinem Stuhl zurückzulehnen und zu sagen: diese Agenda ist nicht meine. Wayne.

Andererseits, was bedeutet, Lyrik »funktioniert«. Was ist der Mehrwert der Lyrik über die individuelle Agenda hinaus, wenn sie schon politisch sein muss. Das Ding muss mindestens interessant sein, interessant geschrieben abseits von den angeprangerten Missständen und Weltverbesserungsgestus. Und »interessant geschrieben« ist immer mindestens so subjektiv wie jede Agenda selbst.

Also funktioniert politische Lyrik? Humor wäre nett, für mich zumindest. Wenig stilistischer Krampf, egal wie heftig die Missstände. Understatement, statt selbstgerechtem Utopiegeplärre. Das sind persönliche Vorlieben, unabhängig von jedem politischen Aspekt; und wie einfach ist es, das zu schreiben, während man mit seinem fetten Arsch in seinem first-world-weichen Stuhl sitzt. Wer kann lachen, wenn er in Gewehrläufe starrt. Wer hat Understatement parat, wenn er keine Menschenrechte hat?

Funktioniert politische Lyrik? Mein halbgebildeter und zwei-Achtel-interessierter Überschlag vom letzten Jahrhundert bis zu unserer Gegenwart, von Brecht über Enzensberger über Grass usw. lässt mich sagen, auf Deutsch für mich sehr selten. Brecht, bissl, weil es eben Brecht ist. Grass, kaum, obwohl es eben Grass ist. Enzensberger, keine Ahnung. Und wenn es heute zeitgenössische deutschsprachige Lyrik gibt, die politisch Arsch kickt, dann hat sie es noch nicht bis zu mir geschafft. Scheint ein Ding des letzten Jahrhunderts zu sein, hauptsächlich der Siebziger Jahre, soweit ich das sehe.

Einmal mehr richten wir unser suchendes Auge auf die deutschsprachige Gegenwartslyrik und finden einen Haufen bleiernen Kunstgestus und Rumgeheule, im Gedicht und im Internet. Aber Action, und zwar Action dort, wo es darauf ankommt, nämlich im Text – davon findet mein suchendes Auge nicht so wahnsinnig viel, um nicht zu sagen kaum was, um nicht zu sagen gar nüscht in der deutschsprachigen Lyrik; politisch oder nicht politisch.

Richten wir das suchende Auge nach Westen und Osten zugleich finden vergleichbare historische Zustände. Am 04. Mai 1970 haben 28 Soldaten der Ohio National Guard auf dem Campus der Kent State University vier amerikanische Studenten erschossen und neun andere verwundet. Dieses Trauma in der amerikanischen Geschichte (amerikanische Soldaten erschießen die eigenen Bürger) hat den russischen Dichter Jewgeni Alexandrowitsch Jewtuschenko zu dem Gedicht Flowers and Bullets inspiriert. Ein Teil daraus:

»Of course: Bullets don’t like people
who love flowers.
They’re jealous ladies, bullets,
short on kindness.
Allison Krause, nineteen years old,
you’re dead,
for loving flowers.
When, then and open as the pulse of
conscience,
you put a flower in a rifle’s mouth,
and said,
»Flowers are better than bullets,«
that
was pure hope speaking. [...]«

Das ist ein politisches Gedicht. Erschienen 1970 im Verlag City Lights (Lawrence Ferlinghetti) unter dem Titel Flowers and Bullets & Freedom to Kill enthält es mit »Freedom to Kill« ein zweites politisches Gedicht von Jewtuschenko über Amerika. Teile daraus:

»The color of the Statue of Liberty
Grows ever more deathly pale
As, loving freedom with bullets
You shoot at yourself, America.«

[...]

»The stars
In your flag,
America,
Are like bullet holes.
Arise from the dead
Bullet-pierced Statue of Liberty,
Murdered so many times,
And speak out like a woman and mother
And curse the freedom to kill.«

***

Hier ist ein (historisches) politisches Gedicht, das arschkickt: The Colonel, von Carolyn Forché, aus dem Jahr 1978. Carolyn Forché ist als junge Frau nach El Salvador (jüngst wieder prominent, zumindest in manchen Kreisen, weil das Land als erstes von 2021-2025 Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt hat) gereist und hat dort als Menschenrechtsaktivistin gearbeitet. Darum geht es in The Colonel, um El Salvador kurz vor dem Bürgerkrieg 1979.

Das Gedicht beschreibt eine Szene im Haus eines Militäroffiziers während einer Dinnerparty. Es beginnt mit dem Satz, der m.E. als Call-me-Ishmael-Äquivalent bei Carolyn Forché gelesen werden kann:

»WHAT YOU HAVE HEARD is true.«

Eine häusliche Szene wird beschrieben, in deren vordergründige Harmonie sich langsam Untertöne von Gewalt und Terror mischen. Das lyrische Ich und ein Freund/eine Freundin sind zu Gast im Haus des Colonels, die Frau des Colonels bringt Kaffee, die Tochter des Colonels feilt sich die Nägel, der Sohn geht aus in die Nacht. Eine Pistole liegt herum.

Die Atmosphäre der Bedrohung steigert sich im Verlauf des Abends, im Verlauf des Gedichts:

»Broken bottles were embedded in the walls around the house to scoop the kneecaps from a man's legs or cut his hands to lace.«

Der Fernseher ist an, eine Serie über Polizisten läuft im Hintergrund, auf Englisch. Der Offizier macht Konversation, fragt, wie es dem lyrischen Ich im Land gefällt und beschwert sich darüber, wie schwierig es geworden ist, das Land zu regieren. Ein Papagei sagt Hallo auf der Terrasse, der Offizier befiehlt ihm die Klappe zu halten.

Dann kommt das Finale im Gedicht, der finale Apocalypse-Now-Horror. Der Offizier verlässt den Raum und kommt mit einem Einkaufsbeutel voll abgeschnittener Ohren zurück und wirft die Ohren auf den Tisch:

»He spilled many human ears on the table. They were like dried peach halves. There is no other way to say this.«

Der Offizier nimmt eines der Ohren, hält es vor die Gesichter seines Publikums und wirft es in ein Wasserglas. Der Offizier sagt, er ist es müde, herumzualbern. Und wer Menschenrechte will, kann sich ficken.

Und dann das Ende, Poesie und Horror in einem, wie alle große Poesie:

»He swept the ears to the floor with his arm and held the last of his wine in the air. Something for your poetry, no? he said. Some of the ears on the floor caught this scrap of his voice. Some of the ears on the floor were pressed to the ground.«

... Warum ist das ein politisches Gedicht, das arschkickt? Es beschreibt den ultimativen Horror ohne rumzuheulen, ohne Pathos, ohne selbstgerechtes Predigen. Es reduziert das komfortable First-World-Ich zum Beobachter von Horror in der Banalität von nackten Newsticker-Sätzen, ohne lyrisches Rumgehampel. Warum ist es trotzdem ein Gedicht: »Something for your poetry, no?«

There is no other way to say this.

***

Das Gedicht ist 1981 in dem Gedichtband The Country Between Us erschienen und am 08.09.2026 soll eine neue Sammlung von Gedichten bei Simon & Schuster erscheinen, lese ich: Otherwhere. New and Selected Poems, 1976-2026.

Nachdem gemäß meinen Modellberechnungen gefühlt sieben Menschen im deutschsprachigen Raum Carolyn Forché kennen dürften, wage ich mich an folgende Prognose: Empfehlung.

Hier ist eine Frau, die weiß, wie man’s macht.

***