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3. Mai 2026 | Hartwig Mauritz für satt.org |
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die ameisenstraße führt quer durchs ganze zimmer, ein akt der gnade durch deine venenAnmerkungen zum Gedichtband „und später die nacht mit ihrem aufgerissenen maul“ von Stefan HeuerMit seinem neuen Gedichtband legt Stefan Heuer ein Buch von existenzieller Wucht vor, ein Langgedicht über Freundschaft, Krankheit und Vergänglichkeit, ein Versuch, dem Sterben sprachlich etwas entgegenzusetzen. Der Band enthält Collagen des Autors, die in Schwarzweiß gehalten sind. Mit diesem Gedicht verlässt der Autor sein bekanntes Format, Texte aus vier jeweils dreizeiligen Strophen zu schreiben. Es liest sich wie eine Montage aus Erinnerungsfetzen und der harten Realität des Sterbens, die hier in sehr eindrucksvollen poetischen Bildern geschildert wird. Den vorliegenden Band bezeichnet Stefan Heuer als sein persönlichstes Buch. Ausgangspunkt ist die reale Begegnung mit einem Schul- und Jugendfreund, den Heuer 2019 nach langer Zeit zufällig wiedersieht. Der Jugendfreund hat gerade eine Krebs-Diagnose erhalten. Sein Arzt prognostiziert ihm eine verbleibende Lebenszeit von drei Monaten. Tatsächlich stirbt er zwei Monate nach dem Treffen. Aus dieser Begebenheit hat Heuer einen poetischen Raum entwickelt, in dem sich biografische Erinnerungsfetzen und existenzielle Grundfragen überlagern. Der Gedichtband beginnt mit der Diagnose. S.7 „und dann zu verstehen, falls das überhaupt möglich ist./ schwer, nicht schon in der praxis zu sterben, sagst du.“, folgt den Nöten des Familienvaters, gleichzeitig die ungeheure Nachricht zu verarbeiten und vor den Kindern verstecken zu müssen S. 9 „vor allem aber:/ nicht heulen, wenn die kinder im raum sind. ... wollen wir was spielen?.“ und der Krankheit, die sich im Körper weiter Platz schafft. S. 10 „von einem schleichenden prozess zu sprechen, nun ja;/ das ei ist von heute auf morgen mehr als doppelt so groß./ die wolke: erst nicht vorhanden, dann schon abgeregnet.“ Der Text ist durchsetzt mit Kindheits- und Jugenderinnerungen S.14 “am neujahrsmorgen dann der obligatorische zug durch/ die straßen, leichenfledderei. die blindgänger, die wir/ mit deinem angelmesser aufgeschnitten und ausgekratzt/ haben.“ Dazwischen sind Verse in das Gedicht montiert, die die Krankheit ins Bewusstsein rücken. S.19 „im fortgeschrittenen stadium fernmetastasen.“ Stefan Heuer schafft Bildern einer intensiven Freundschaft in den späten 70iger und 80iger Jahren, in denen die deutsche Teilung sichtbar wird. S.27 „erst priwall, dann gammeleck und stille treppe/ die stunden zwischen sperrmüll und maschendraht/ und das wasser, das wir uns beide teilen.“ S. 29 „abends die schüsse von der grenze, wenn sich ein reh/ zu nah an den grenzzaun gewagt hatte;:/ im echo ein huschen, das mein unterholz vibrieren ließ.“ Diese Vergangenheit erscheint nicht nostalgisch verklärt, sondern als brüchiges Archiv einer Freundschaft, die lange auf Eis lag: S.34 „und dann der abschied, auch wenn wir uns später noch/ ein paarmal gesehen haben. die jahre in die kartons,/ ein letztes foto am straßenschild, braune jacke und parka.“/... und erst jahre später der nächste blick aus dem fenster.“
Besonders stark wird der Band dort, wo er sich dem eigentlichen Sterbeprozess nähert. Hier findet Heuer Bilder von großer Intensität, ohne Pathos, ohne metaphysische Fluchtbewegung. S.39 „das stumpfe linoleum, über dem der kathederbeutel schwebt./ kein gedanke an himmel und hölle./ mund auf, mund zu. / die zunge ohne knospen.“ S. 40 „und mit geschlossenen augen durch die gänge zu kriechen,/ tiefer und tiefer, bis ins innerste.“ S.42 „am ende des tages deine seele auf dem schwarzmarkt./ deine weinende mutter, sagst du, sei das schlimmste.“ Stefan Heuer gelingt die schwierigste Aufgabe, der sich ein Dichter stellen kann, sich sprachlich in den Prozess des Sterbens einzufühlen. Diesen Prozess hat Heuer mit neuen, unverbrauchten Bildern beschrieben: S.63 „es ist nicht so, dass du im weltall schweben würdest, aber viel fehlt nicht. die meisten schläuche sind gezogen.“ S.66 „der dritte track der stärkste song auf der platte-/ und die nadel, eine letzte runde in der auslaufrille.“ Es gibt keinen Trost in einem Jenseits, keine Erlösung, stattdessen Körper, Materialität, Endlichkeit: S.69 „keine überfahrt über den totenfluss, keine dunklen ströme./ der ganze körper nur körper, fleisch und sehnen, knochen und blut./ nicht plötzlich/ nicht unerwartet/ fettdruck und kursiv extra./ die schwäne haben nichts mehr zu befürchten.“ Stefan Heuer findet das finale Bild für den Tod, dem man nichts mehr hinzufügen muss: S. 73 „und später die nacht mit ihrem aufgerissenen maul,/ in dem wir schutzlos versinken.“ Mit „und später die nacht mit ihrem aufgerissenen maul“ legt Stefan Heuer einen bemerkenswerten Gedichtband über das Sterben, über das Weiterleben und Zurückbleiben vor. Der Autor findet für das Tabuthema Tod eine Sprache, die weder sentimental noch kühl ist, sondern von großer poetischer Kraft. Ein Buch, das lange nachhallt. |
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