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Die Box




2. Juni 2018
Konstantin Ames
für satt.org
  Ralph Schock, Kaffeeschmuggler und Steckdosenmäuse. Eine Kindheit in den 50ern.

Ralph Schock, Kaffeeschmuggler und Steckdosenmäuse. Eine Kindheit in den 50ern.
144 Seiten, gebunden. Verbrecher Verlag, Berlin 2017. 19 Euro – Auch als E-Book erschienen.
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Debüt ohne Saarlandität
Ralph Schocks Kaffeeschmuggler und Steckdosenmäuse enttäuscht

Die wechselvolle Geschichte des Saarlands könnte zur Vermutung verleiten, die Saar-Literatur habe nicht viel Platz für Humor. Schon Ludwig Harig und der Dichterübersetzer Rainer G. Schmidt sind den Beweis angetreten, dass es eine spezifisch schnodderige Saarlandität gibt. Auf den ersten Blick scheint Ralph Schocks Debüt davon etwas zu atmen.

Schocks Anspruch auf Exemplarität, „eine Kindheit“ zu zeigen, hat als Vorbilder die Kindheitsimpressionen des Essayisten Walter Benjamin. Wo Benjamin gekonnt aussparte, um von infantilem Schlamm gereinigte Perlen herzeigen zu können, verweigert Ralph Schock affektiv jede poetische Stilisierung. Nicht von ungefähr wird in der Miniatur „Frühling“ die Rezitation eines berühmten Mörikegedichts durch das Fehlen eines blauen Bandes in einem Blumengebinde, auf das der schweifende Blick fällt, empfindlich gestört: „Das irritierte mich so, dass ich verstummte.“

In der stärksten Passage des Buchs, einer Erinnerung an frühe Schreibexperimente, schauen wir beim Zerschneiden und Neuanordnen von Werbeprospektsprache zu.
Die sonstigen Skizzen sind auf Pointe geschrieben und in einem kolloquialen Ton gehalten, durch den jegliche Atmosphäre wegbricht:

„Unerreichbar war ich, wenn ich in die oberste Spitze unseres Kirschbaums geklettert war, dorthin, wo die Äste bereits dünn und biegsam waren. Außer für Mutters Rufe.“

Der Grundkonflikt eines sensiblen und hellwachen Jungen mit einer kleinbürgerlich-chauvinistischen und rassistischen Lebenswelt wird von Schock beflissen variiert.
Was er als Prosaminiatur zu verstehen gibt, das ist fast immer der verweigerte letzte Schritt hinein in eine realistische Beschreibung. Der Dialekt der Saar-Region, immerhin sehr markant, bleibt fast völlig ungenutzt. Dass das Saarland seine Eigenstaatlichkeit in den Fünfzigerjahren zum zweiten Mal verlor, ist nur zwei beiläufige Einträge wert.

Selten wird eine Buchseite mehr als zur Hälfte gefüllt. Die Lust an der Selbstwiederholung lässt diese süffisante Schnörkellosigkeit jedoch rasch zur Pose gerinnen. Es drängt sich der Vergleich mit der proteushaften „Rückkehr meines linken Armes“ des Saarlouiser Autors Andreas Drescher geradezu auf. Dessen an faktographischen Schreibweisen geschulter Geschichten- und Miniaturenzyklus schafft es, Provinztristesse nicht zur Kulisse verkommen zu lassen.
Es ist eine sarkastische Fußnote der jüngeren saarländischen Literaturgeschichte, dass Andreas Dreschers „Geschichten einer Gegend“, so der Untertitel seines Prosazyklus, nur im Selbstverlag erscheinen konnte, während die meist mühevoll literarisierte Anekdotensammlung des ehemaligen SR-Literaturredakteurs Ralph Schock beim Berliner Verbrecher Verlag, einem wirklich wichtigen unabhängigen Verlag, unterkam.