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9. Januar 2018
Gunther Nickel
für satt.org
  Anne von Canals Roman „Whiteout“

Anne von Canal, Whiteout. Roman. 189 Seiten, gebunden. mareverlag, Hamburg 2017. 20,00 Euro. - Auch als E-Book erhältlich.
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Das Glück des Glaziologen

Anne von Canals Roman „Whiteout“

Der unlängst veröffentlichte zweite Roman Anne von Canals hat bislang, sofern man sich auf die hilfreiche Arbeit von perlentaucher.de verlassen kann, noch keine Aufmerksamkeit durch das überregionale Feuilleton erfahren. Das ist verwunderlich, weil doch ihr erster Roman sowohl in der Frankfurter Allgemeine[n] als auch in der Süddeutsche[n] Zeitung sehr freundliche Besprechungen erhielt. So lobte ihn etwa Kristina Maid-Zinke in der SZ als „ein Stück Unterhaltungsliteratur der anspruchsvolleren Art [...], das durchaus zu fesseln und zu bewegen vermag und dabei sprachlich angenehm dezent bleibt“.

Für den nun erschienenen Roman Whiteout gilt das ganz genauso. Gleich auf den ersten Seiten etwa, die vom Beginn eines Expeditionsprojekts in der Antarktis handeln, kehren Ole, Thomas und die Ich-Erzählerin von einer ersten Erkundung zurück zu ihrem Quartier. Ole wirft bei jedem zweiten Schritt seine Fellmütze in die Luft, die „unbeholfen mit den Ohrenklappen flattert“. „Seltsamer Vogel“, kommentiert das Thomas, und die Ich-Erzählerin rätselt: „Ich weiß nicht, ob er die Mütze meint oder Ole.“
Das Verhältnis dieser drei Figuren zueinander ist damit auf schönste charakterisiert. Das von Thomas und der Ich-Erzählerin wird eine Seite später dann noch etwas nuanciert, wenn im Anschluss an den kleinen Ausflug Kaffee zubereitet wird. „Stark und süß“, sei ihm am liebsten, bekundet Thomas. „Etwas in mir“, erklärt daraufhin die Ich-Erzählerin, „will automatisch kokettieren: Ich oder der Kaffee? Aber diese Tonlage passt nicht hierher, und nicht zu Thomas und mir.“
Die Schilderung und Verbindung solcher vorausdeutenden kammerspielartigen Situationen gelingt Anne von Canal immer wieder vorzüglich. Psychologie wird auf diese Weise sinnfällig, ohne dass die Erzählerin ins Psychologisieren verfällt. Die Verhältnisse werden gleichwohl klar und bleiben doch noch ein bisschen schillernd.

Das sei schon deshalb vorausgeschickt, um dem verbreiteten Missverständnis zu begegnen, ein guter Roman basiere vor allem auf einer spannenden Handlung. So ist Whiteout zwar ein Expeditionsroman, aber ein vergleichsweise sehr handlungsarmer. Das Abenteuer bei dieser Expedition spielt sich vor allem im Kopf der Ich-Erzählerin ab, die mitten in der Antarktis per E-Mail erfährt, ihre Jugendfreundin Fido sei gestorben. Das setzt Erinnerungen frei, die dem Leser verständlich machen, wie es zur geschilderten Gegenwart, in der erinnert wird, überhaupt gekommen ist. Zugleich ist diese Gegenwart entscheidend davon bestimmt, dass sie der Rekonstruktion der Vergangenheit dient. Das Expeditionsprojekt hat nämlich zum Ziel, durch eine Tiefenbohrung im Eis Auskunft über die klimatische Entwicklung der Erde in der Vergangenheit zu ermitteln. Die Ich-Erzählerin erklärt das im Roman natürlich viel schöner, nämlich so:

„Wie geduldig das Eis den Moment seiner Entstehung bewahrt, beharrlich die Erinnerung an jeden schneereichen Tag und jeden umtriebigen Wind hütet. Temperatur, Niederschlag, atmosphärische Gase, Spurenstoffe – Schicht für Schicht, Jahr für Jahr, fest umschlossen im Klimagedächtnis gespeichert. Das ist das Glück des Glaziologen: Das Eis vergisst nichts.
Bis es schmilzt, höre ich deine Stimme sagen. Dann vergisst es sogar sich selbst.“

„Erinnerungskultur“ ist bei uns seit Jahren, spätestens seit der Veröffentlichung von Aleida Assmanns Habilitationsschrift Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses (C. H. Beck, München 1999) ein Modethema, und es ist fast immer verbunden mit geschichtspolitischen Fragen oder Forderungen. Die sind in Anne von Canals Whiteout dagegen ganz ausgespart; und doch wird persönliche Erinnerung und ihre Bedeutung in ein Verhältnis zu einer überpersönlichen Erinnerung gebracht und dadurch im besten Sinne relativiert.

Doch nicht nur das: Auf dem Prüfstand steht der Wahrheitsgehalt eines Satzes von Stephen Hawkins, der als eine Art Leitmotiv fungiert: „Die Vergangenheit sagt uns, wer wir sind, ohne sie verlieren wir unsere Identität.“ Auf feinsinnige Weise wird dabei gezeigt und entwickelt, dass es tatsächlich nicht die Vergangenheit ist, die Identität bestimmt, sondern die Erinnerung. Und Erinnerung ist nichts Abgeschlossenes, sondern eine Konstruktion in Bewegung. Das gilt für persönliche Erinnerungen, interessanterweise aber bis zu einem gewissen Grad auch für die „Erinnerung“ des Eises, denn auch dort, so heißt es im Roman, „wo die Kristalle nicht [...] zu klarem Eis verdichtet sind“, kann „die Luft von einst nach wie vor zirkulieren“ (S. 110).

In Whiteout gibt es neben Ole, Thomas und der Ich-Erzählerin auch eine Figur, die Zappa genannt wird. Während eines Schneesturms, in dem das Expeditionsteam zum Nichtstun verdammt ist, macht Zappa das einzig Vernünftige in einer solchen Situation: Er liest Carson McCullers Roman Das Herz ist ein einsamer Jäger. Als die Ich-Erzählerin, die bekennt, keine Romane zu lesen, dennoch wissen will, was in dem Roman passiert, antwortet Zappa: „Das Leben“, und er empfiehlt: „Musst du mal lesen. Steht viel Wahres drin.“ Diese Empfehlung gebe ich gerne weiter. Sie gilt aber nicht nur Carson McCullers' Roman, sondern auch Anne von Canals Whiteout.