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Die Box




22. Juni 2017
Gunther Nickel
für satt.org
  Michael Köhlmeier: Abendland


Das Abendland als Lebenswelt

I

In einigen Rezensionen[1] und im Vorwort zu einem Sammelband mit fünf literaturwissen­schaft­lichen Studien[2] kann man lesen, der Roman Abendland, der 2007 erschienen ist, sei Michael Köhlmeiers opus magnum. Einem Schriftsteller, der noch weiter produktiv zu sein gedenkt, kann eine solche Einschätzung nicht gefallen, besagt sie doch, sein Zenit sei damit erreicht und alles, was danach an Texten gefolgt sei und noch folgen werde, nebensächlich, sofern er das als opus magnum deklarierte Werk nicht nochmals überbiete. Mit einer solchen Klassifizierung über Abendland zu sprechen, weckt überdies Vorstellungen von einem (ab)geschlossenen Werk, die in diesem Fall unangebracht sind. Einige der nach Abendland entstandenen Bücher lassen sich nämlich als episodische Fortschreibung dieses Romans lesen. Das liegt zunächst einmal daran, dass in den Romanen Madalyn (2010) und Die Abenteuer des Joel Spazierer (2013) einer der Protagonisten – der Schriftsteller Sebastian Lukasser – wieder eine tragende Rolle spielt, von der im Weiteren noch zu sprechen sein wird. Es gibt aber auch Verbindungslinien zu anderen Romanen Köhlmeiers. So wird in Abendland en passant ein Empfang bei Winston Churchill erwähnt, unter dessen Gästen sich auch Charlie Chaplin befunden habe. Zwanglos ließe sich an dieser Stelle, gewissermaßen als Exkurs, die Geschichte der Freundschaft zwischen dem Staatsmann und dem Komiker einschalten, von der Köhlmeiers 2014 erschienener Roman Zwei Herren am Strand handelt. Und wenn Sebastian Lukasser und seine Ex-Frau Dagmar ausmachen, fortan „immer am Freitag nachts um eins“ miteinander zu telephonieren, wird damit gleichsam ein Szenario zitiert, das die erzählerische Basis für Köhlmeiers 2005 erschienenen Prosaband Nachts um eins am Telefon bildet. Klaus Kastberger befand über dieses Buch im Wiener Stadtmagazin Falter:
„Michael Köhlmeier präsentiert sich in diesem Band auf dem Höhepunkt seiner Kunst.“ Das aber ist genauso irreführend wie die Rede, der Roman Abendland sei Köhlmeiers opus magnum. Denn kennzeichnend für das Werk dieses Autors ist das Interesse für Zusammenhänge und Kontexte, die wiederum auf andere Zusammenhänge und andere Kontexte verweisen, weshalb seine erzählende Prosa auch nie an ein definitives Ende gelangt, sondern allenfalls an ein vorläufiges. Es verlangt geradezu nach Fortsetzung, ermöglicht sie jedenfalls und bietet dafür so viele Anknüpfungspunkte, dass die Lebenszeit eines Menschen entschieden zu kurz ist, um den ganzen Kosmos des Erzählbaren, der sich hier auftut – oder nennen wir es: die Totalität der Lebenswelt(en) –, vollständig zu erfassen.

II

Diese Totalität der Lebenswelt(en) könnte man auch „Abendland“ nennen. Abendland ist eine Überschrift, die es erlaubt, alle Gegenstände der gesamten schriftstellerischen Tätigkeit Köhlmeiers unter ihr zusammenzufassen. Dazu gehören Nacherzählungen der Sagen des klassischen Altertums, biblischer Geschichten, der Nibelungensage und der Dramen Shakespeares. Das Abendland, von dem Michael Köhlmeiers Gesamtwerk handelt, hat mithin nicht nur eine lange Geschichte, es ist auch äußerst heterogen und deshalb kaum auf einen anderen Begriff zu bringen. Wollte man jemandem, der es nicht kennt, erklären, was das eigentlich ist: das Abendland, gibt es dafür nur zwei Möglichkeiten. Entweder erzählt man wie Köhlmeier eine Geschichte aus der Geschichte des Abendlands nach der anderen, womit man wie gesagt nicht so schnell zu einem Ende kommt, oder man bildet kurzerhand einen Gegenbegriff, und es liegt nahe, ihn in diesem Fall zum Beispiel „Morgenland“ zu nennen. „Abendland“ ist dann das, was das „Morgenland“ wesentlich nicht ist. In einer solchen Oppositionsbildung kann „Abendland“ etwas werden, was vom Untergang bedroht sein kann und unter Umständen nach Verteidigung verlangt. In eben diesem Sinne hat Oswald Spengler es in seinem 1922 abgeschlossenen Hauptwerk Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte beschrieben, das sich im dritten Kapitel mit den „Probleme[n] der arabischen Kultur“ befasst. In diesem Sinn geistert das Wort „Abendland“ seit Herbst 2014 auch durch unsere politischen Debatten, denn seit dem 20. Oktober 2014 veranstaltet der Dresdner Verein PEGIDA medial weithin beachtete Demonstrationen, um vor einer drohenden Islamisierung des Abendlands zu warnen. Als 2015 und 2016 über eine Million Flüchtlinge und Migranten in Deutschland Unterkunft fanden, erhielt nicht nur PEGIDA weiteren Zulauf, sondern die politische Auseinandersetzung war von nun an geraume Zeit völlig von der Frage dominiert, ob und wenn ja: wie und in welcher Zahl sich Flüchtlinge und Migranten aus muslimisch geprägten Ländern bei uns integrieren lassen. Die Frage der Integration wiederum warf die Frage nach Bedingungen und Kriterien gelungener Integration auf, was dazu zwang, näher zu bestimmen, was denn eine abendländische Identität eigentlich sei und welche besonderen Ausprägungen sie etwa in einem Land wie Deutschland erfahre. Vorläufiger Endpunkt dieser Diskussion sind Thomas de Maizières Grundsätze für eine deutsche Leitkultur als der umstrittene Versuch, eine spezifisch deutsche Identität im Rahmen eines abendländischen (i.e. westeuropäischen und transatlantischen) Kulturkreises näher zu bestimmen. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung seit 2014 liest sich Köhlmeiers Roman Abendland naturgemäß anders als im Jahr seines Erscheinens. Und die in den Rezensionen und literaturwissenschaftlichen Aufsätzen zu diesem Roman bislang lediglich gestreifte Frage, was es eigentlich mit dem Titel Abendland auf sich hat, stellt sich nun auch mit einer anderen Dringlichkeit.

III

Das Wort „Abendland“ kommt im Wortbestand des 776 Seiten umfassenden Romans „Abendland“ nur zweimal vor: im Titel und auf S. 584, wo es in herrlich schillernder Mehrdeutigkeit heißt: „Das Kreuz des Abendlandes ist das schlechte Gewissen.“ Der Satz gibt einerseits Auskunft darüber, was gleichsam das Rückgrat des Abendlands bildet, er verweist auf die Kreuzigung Christi und damit die christliche Ikonographie, es klingt aber zugleich dergestalt eine Redewendung an, dass man lesen könnte: „Es ist ein Kreuz mit dem Abendland, und zwar gerade wegen des schlechten Gewissens, das es einem bereiten kann.“ In seiner mehrdeutigen Ambivalenz fasst dieser Satz treffend zusammen, wovon in diesem Roman erzählt wird: einerseits einer aus der Geschichte des Christentums freigesetzten abendländischen Erfolgsgeschichte der Naturbeherrschung durch Naturwissenschaft und erkenntnistheoretischer Fortschritte durch Mathematiker wie Kurt Gödel,[3] andererseits einer gemessen an christlichen Werten abendländischen Versagensgeschichte, für die nicht nur die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten einsteht, sondern auch der europäische Kolonialismus oder die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945. Man hat das eine bedauerlicherweise nicht ohne das andere. Und das bereitet nicht nur moralische Schwierigkeiten, wenn man die oder von der Geschichte des Abendlands erzählen will. Denn womit beginnt man, was gewichtet man wie, was darf man weglassen? Kann man etwa über die besonderen Lebensumstände und -gefühle Einzelner summarisch hinweggehen oder gebietet nicht gerade die Würdigung, die das Individuum in der abendländischen Kultur erfährt, von individuellen Lebensschicksalen zu erzählen? Wenn man aber von individuellen Lebensschicksalen erzählt, wie hängen sie mit der Geschichte des Abendlands zusammen, zumal doch Individuen alle verschieden sind. Und was genau markiert dann für alle diese verschiedenen abendländischen Individuen genau die Grenze zu dem, was nicht mehr zum Abendland gehört?

IV

Der Roman Abendland beantwortet alle diese Fragen ausschnitthaft anhand der fiktiven Biographie des Mathematikers[4] Carl Jakob Candoris. Verfasser dieser fiktiven Biographie ist der fiktive Schriftsteller Sebastian Lukasser, der von Candoris gebeten wird, seine Biographie zu schreiben. Lukasser löst diese Aufgabe, indem er erzählt, warum und wie es zu diesem Auftrag kam und indem er seine Arbeitsweise erläutert und vorführt: er stützt sich auf Notizbücher, Tonbandaufzeichnungen von Gesprächen mit Candoris und eigenen Recherchen. Entsprechend ist der Text ein Patchwork aus Erzählung, fiktiver Dokumentation und historischer Kontextualisierung. Da Candoris ein Freund und Förderer der Familie Lukasser ist, gerät auch die Biographie von Lukassers Vater ins Blickfeld, und nicht zuletzt auch Lukassers eigene Biographie. Wäre Lukasser nicht Candoris‘ Biograph, sondern sein Richter, müsste er sich für befangen erklären. Das ist in diesem Fall aber kein Nachteil, denn Candoris ist bei der Rekonstruktion seines eigenen Lebens nicht nur an dem interessiert, was sich ihm als bewusste Entscheidungen zurechnen lassen muss, sondern auch und vor allem daran, was ihm lebensgeschichtlich prägend, aber ohne eigenes Zutun widerfahren ist. Lukasser versteht das nur zu gut, weshalb seine Candoris-Biographie mit einem prägenden Ereignis aus der eigenen Kindheit beginnt. Die ersten beiden Sätze des Romans lauten: „Meinen ersten Hund mit blauen Augen sah ich, da war ich neun. Ich spazierte mit Carl und Margarida über die Kärtnerstraße, vor dem Kaufhaus Steffl lag er, an einen Fahrradständer gebunden, wartete auf seinen Herrn oder seine Dame, die vielleicht Geschenke einkauften, denn es war kurz vor Weihnachten.“
In einer solchen Situation, die zeitlebens erinnert wird, kommt vieles zusammen, nicht nur die Erinnerung an den Hund und an Candoris, sondern auch die an ein Flair, ein Aroma, eine Stimmung. Was sich in einem solchen Situationsbild vermittelt, kann man mit Edmund Husserl Lebenswelt nennen. Sie vermittelt sich natürlich nicht ad hoc, sondern ist gegründet auf Vorerfahrungen, die gar nicht mehr erinnert werden und doch nicht ohne Einfluss sind. Auf diese Weise bildet sich in jedem von uns ein lebensweltlicher Horizont, ein „Reich ursprünglicher Evidenzen“, der „in unmittelbarer Präsenz Erfahrenes oder in Erinnerung als es selbst Erinnertes“ [5] umgreift. „Der lebensweltliche Wissensvorrat“, erläutern Alfred Schütz und Thomas Luckmann, „ist in vielfacher Weise auf die Situation des erfahrenden Subjekts bezogen. Er baut sich aus Sedementierungen ehemals aktueller, situationsgebundener Erfahrung je nach ihrer im Wissensvorrat angelegten Typik und Relevanz in den Erlebnisablauf und in die Biographie ein. Und schließlich wird jede Situation mit Hilfe des Wissensvorrats definiert und bewältigt.“[6] Die Lebenswelt setzt sich bei allen Menschen aus ganz verschiedenen Details zusammen, und doch gibt es bei allen Menschen in einem Kulturkreis Übereinstimmungen, die sich sogar in Form einer Rechtsordnung kodifizieren lassen.

Was Immanuel Kant die ursprüngliche Einheit der Apperzeption genannt hat, das „Ich denke“, das alle meine Vorstellungen begleiten können muss, erfährt durch den Horizont der Lebenswelt eine Erweiterung ins Überpersönliche. Und wenn von „nationaler Identität“ oder vom „Abendland“ gesprochen wird, dann ist das, was damit gemeint ist, hier zu suchen und zu finden. Diskursiv ist es nur ganz schwer zu fassen, weil der lebensweltliche Horizont immer ein Amalgam ist aus Individuellem, dem ein Allgemeines anhaftet, oder umgekehrt: ein Allgemeines, das sich nur verbunden mit ganz spezifischen individuellen Erinnerungen und Erfahrungen manifestiert. Deshalb lässt sich davon auch besser erzählen als es zu definieren, aber wenn man wie Köhlmeier vom Abendland erzählt, dann kann nicht von dem Abendland als einem allen Menschen im Abendland gleichermaßen verfügbaren lebensweltlichen Horizont die Rede sein, sondern nur von bestimmten Varianten dieses Horizonts. Sobald wir anfangen, davon eine Art Substrat zu bilden, verliert es alle Sinnlichkeit und wird eine Abstraktion. Es ist daher durchaus verständlich, wenn ein Politiker wie Thomas de Maizière versucht, der Abstraktion wieder zu einer Sinnlichkeit zu verhelfen, indem er zum Beispiel sagt, zur deutschen Leitkultur gehöre, dass man sich die Hand gebe. Tatsächlich verfehlt er damit aber die Sache, denn Lebenswelt kann man als all das bezeichnen, was selbstverständlich ist; es ist aber bei uns gar nicht selbstverständlich, sich immer und überall zur Begrüßung die Hand zu geben, sondern nur in bestimmten Situationen, und zu den internalisierten Selbstverständlichkeiten gehört zu wissen, in welchen Situationen es sich gehört und in welchen das nicht (unbedingt) der Fall ist.

V

In der Literaturwissenschaft gibt es seit geraumer Zeit die seltsame Übung, literarische Texte unter Heranziehung bestimmter Theoretiker zu lesen. Man liest dann wahlweise Kafka mit Benjamin, Kafka mit Foucault, Kafka mit Derrida oder Kafka mit Lacan. Diesem merkwürdigen Treiben korrespondiert die Rede von einem bestimmten Ansatz, den man verfolge, womit sich auch jeder Widerspruch ganz einfach mit dem Hinweis abwehren lässt, er ergebe sich eben aus einem wiederum anderen Ansatz. In diesem Sinne wird der Roman Abendland hier nicht „mit Husserl“ gelesen. Es ist nämlich Köhlmeier selbst, der eine solche Lektüre nahelegt Eine Episode handelt von der nicht erfundenen Biographie der orthodoxen Jüdin Edith Stein, die zwar zum Katholizismus konvertierte, von den Nationalsozialisten aber trotzdem ihrer jüdischen Herkunft wegen verhaftet, interniert und vergast wurde; Papst Johannes Paul II. sprach sie 1998 heilig. Edith Stein wurde 1917 für ihre Dissertation „Das Einfühlungsproblem in seiner historischen Entwicklung und in phänomenologischer Betrachtung“ von Edmund Husserl zum Dr. phil. promoviert. Davon ist bei Köhlmeier die Rede, und es wird auch kurz erläutert, dass Einfühlung in dieser Dissertation keine psychologische, sondern eine erkenntnistheoretische Kategorie sei, nämlich „im Sinne von Husserls These [...], daß objektive Außenwelt nur intersubjektiv wahrgenommen werden könne, wobei sich die wahrnehmenden Subjekte weder lieben noch ehren, nicht einmal kennen müssen [...].“ Das deutet bereits voraus auf das Konzept der Lebenswelt, das Husserl in seiner erst posthum vollständig veröffentlichten Abhandlung „Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie“ entwickelte. Es diente ihm unter anderem dazu, das objektivistische Weltbild der Naturwissenschaften zu kritisieren, in dem er die Ursache für eine Sinnkrise der Moderne ausmachte. Aufgegriffen wurde es später nicht nur von Jürgen Habermas,[7] sondern unter anderen auch von Niklas Luhmann[8] und Thomas Nagel.[9]

VI

Auch Sebastian Lukassers biographisches Projekt hat in diesem Sinne etwas mit Einfühlung zu tun und das heißt auch: mit den Grenzen intersubjektiver Verständigung über das, was wir Wirklichkeit nennen. Denn eine lebensgeschichtliche Rekonstruktion basiert auf Erinnerungen, und Erinnerungen sind nicht nur selektiv, sondern eine Konstruktion. Das behauptet jedenfalls Sebastian Lukasser, indem er erklärt:

„Die Erinnerung formt sich nach den Folgen des Erinnerten; der Phantasie liegt ein stabiles gegenwärtiges Verlangen zugrunde, nämlich: sich einzubilden, wer man in der Vergangenheit hätte gewesen sein können; und trotz aller Vorsicht, nur ja nicht Wirklichkeit und Wunsch zu verwechseln, streckt sich das Fragezeichen des Konjunktivs allmählich zum Rufzeichen des Indikativs, so daß das Erinnerte bald alles andere als ein Bild aus der Vergangenheit darstellt, sondern nur noch die Nöte der Gegenwart spiegelt. Die Vergangenheit ist der Laden des Teufels, sagt Ralph Waldo Emerson, wenn ich mich recht erinnere, und der Teufel liefert jede Ware, die gewünscht wird; was ja wohl heißen soll, daß Erinnerungen immer lügen, weil sie aus dem Fundus des Lügenkönigs stammen …“

Immer wieder werden Abweichungen vom Erinnerten bzw. vom als Erinnerung Erzählten thematisch, etwa wenn Carl Jakob Candoris einen Bericht seiner Frau mit dem Satz kommentiert: „Auch entspricht ihre Version nicht zur Gänze der Wahrheit[.]“ oder wenn es von ihm heißt, er erzähle „seine Version der Geschichte“.

Köhlmeiers Roman Die Abenteuer des Joel Spazierer, in dem die Lebensgeschichte eines Hochstaplers und Mörders erzählt wird, handelt sogar von nichts anderem als davon, wie sich der Protagonist immer wieder eine neue Identität erfindet, so dass man sich fragt, wo man überhaupt noch einen Halt finden soll, zumal der Erzähler gleich zu Beginn freimütig erklärt, „dass es bei der Beantwortung einer Frage nicht darauf ankommt, die Wahrheit zu sagen, als vielmehr, den Frager in Erstaunen zu versetzen, indem man genau das sagt, was er hören will“. Es ist noch nicht einmal auszumachen, wer diese Geschichte eines Mörders und Betrügers eigentlich erzählt. Zwar behauptet der Ich-Erzähler, er, der sich Joel Spazierer nennt, habe seinem Freund, dem Schriftsteller Sebastian Lukasser, „die Erlaubnis entzogen, mich erzählend zu retten. Ich möchte unter keinen Umständen meine Person verleihen und sie in einen Romanhelden umbauen lassen.“ Doch stimmt das wirklich? Drei Jahre zuvor, im Roman Madalyn, erklärte Sebastian Lukasser nämlich noch, er arbeite an einem Roman über einen Mörder, bei dem die größte Schwierigkeit für ihn sei, wer die Geschichte erzähle: „Der Mörder selbst oder ein allwissender Erzähler, oder ob ich, Sebastian Lukasser sie erzählen soll.“ Madalyn fragt daraufhin: „Ist es nicht besser, Sie erzählen die Geschichte. Das tun Sie sowieso. Warum sollten Sie so tun, als ob jemand anderer die Geschichte erzählt?“ „Das“, antwortet Lukasser, „leuchtete mir ein“ – womit vollends unklar ist, wer tatsächlich als Erzähler in Die Abenteuer des Joel Spazierer fungiert: Joel Spazierer oder Sebastian Lukasser, der uns weismachen will, es erzähle Joel Spazierer.

Deutlich wird hier, dass nicht nur die Bestimmung einer kollektiven Identität, etwa dessen, was eine abendländische Identität sein soll, erhebliche Schwierigkeiten bereitet, schwierig ist schon die Feststellung einer personalen Identität. Ob Erzählen aufrichtig ist oder nicht, ist für einen Außenstehenden nicht feststellbar, und selbst wenn es aufrichtig ist, kann das, was aufrichtig für wahr gehalten wird, falsch sein. Das gilt für Romane genauso wie für biographisches Erzählen, zumal das Selbstbild immer eine Konstruktion und mit dem Fremdbild nie deckungsgleich ist. Identitätspapiere, das lehrt Joel Spazierer, kann man fälschen oder, noch einfacher, und auch das lehrt Joel Spazierer, man wirft sie einfach weg. Denn: „Flüchtlingen, die keine Papiere bei sich hatten, wurden in Österreich ohne viele Fragen, ohne große Recherche, ohne böse Blicke, oft aus dem Ärmel heraus, neue ausgestellt. Mein Vater sagte, er sehe darin eine Chance, ein neues Leben zu beginnen.“ Und das macht er dann auch.
Mit neuen Identitätspapieren verändert sich aber nicht der bis dahin erworbene lebensweltliche Horizont. Das ist, scheint mir, gegenwärtig vor allem dann ein Problem, wenn dieser lebensweltliche Horizont aus einer tribalen Gesellschaft herrührt, die patriarchalisch und antisemitisch ist. Antisemitisch war die deutsche Gesellschaft zwar auch einmal, aber sie will es zum Glück nicht mehr sein, und daher ist Antisemitismus bei uns nicht mehr integrierbar. Abendland handelt davon nicht, so wenig wie Die Abenteuer des Joel Spazierer, dessen Protagonist als Mörder zwar gegen unsere Rechtsordnung verstößt, es ansonsten aber vorzüglich versteht, sich durch die Konstruktion von Unwahrheiten neuen Umgebungen passgenau anzuschmiegen. Der vorläufig letzte Roman Michael Köhlmeiers handelt jedoch vom Zusammenprall divergierender lebensweltlicher Horizonte und den daraus erwachsenen Problemen.

VII

Hauptfigur ist ein Yiza genanntes sechsjähriges Mädchen, das von irgendwoher in eine namenlose Stadt in Westeuropa geflohen ist. Yiza spricht so gut wie nie. Wenn Yiza mal spricht, spricht sie in einer Sprache, die nur ihre Landsleute verstehen. Wer jedoch ihre Landsleute sind, wissen wir nicht. Gibt man ihr etwas zu essen, dann isst sie es. Ob sie dabei Dankbarkeit verspürt, ist nicht auszumachen. Man könnte den Titel eines berühmten Aufsatzes des Philosophen Thomas Nagel[10] adaptieren und fragen: „What is like to be Yiza?“ Wie ist es, Yiza zu sein? Und die Antwort müsste lauten: Wir wissen es nicht und können es nicht wissen.
Diese absolute Fremdheit und Unzugänglichkeit macht Köhlmeier so sinnfällig, dass es zum Haareraufen ist. Der auktoriale Erzähler rückt Yiza zwar so nahe, dass man meint, sein Bemühen zu verspüren, endlich zum personalen Erzähler mutieren zu können, aber auch wenn er die Mittel seines Erzählens ganz auf die Aneinanderreihung von restlos adjektiv- und völlig metaphernfreien Hauptsätzen reduziert, kommt er der Gedanken- und Gefühlswelt von Yiza nicht nahe. Es handelt sich in jeder Hinsicht um die Verkehrung der Recherche du temps perdu ins glatte Gegenteil, und das ist trotz des literarischen Reduktionismus nicht nur künstlerisch ungeheuer eindrucksvoll, sondern auch auf erkenntnisfördernde Weise bedrückend. Denn als sich eine alte Frau Yiza annimmt, ihr hilft, ja ihre Integration befördern möchte, erfährt diese Liebesmühe keine angemessene Erwiderung, denn diese Frau wird bei einem Konflikt von einem Begleiter Yizas einfach totgeprügelt. Danach zieht Yiza weiter durch Westeuropa, mit ihren Freunden. „Die Freunde“, lautet der schlichte, aber vielsagende und nachdenklich stimmende letzte Satz des Romans, „das sind eine Horde von Zerlumpten, die bereits zu alt sind für Mitleid und Rührung.“ Sie sind vermutlich auch zu alt, um ihnen noch eine deutsche Leitkultur, wie immer die auch beschaffen sein mag, anzudienen oder gar eine Identifikation mit dem Abendland als Lebenswelt, zumal wir heutzutage keineswegs mit allem, was zum lebensweltlichen Horizont des Abendlands dazugehört, den Köhlmeier in seinem großen Roman entfaltet hat, zu einer Identifikation einladen wollen. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden in der NS-Zeit gehört definitiv nicht dazu. Aber das mache man mal einem Antisemiten klar.




Leicht überarbeitete Fassung eines am 20.5.2017 in der Evangelischen Akademie Tutzing im Rahmen einer Tagung zur Verleihung des Marie Luise Kaschnitz-Preises an Michael Köhlmeier gehaltenen Vortrags.




[1] Vgl. z.B. Peter Mohr: „Lebensbeichte eines Seniors“. In: Titel-Magazin, 14.11.2007.

[2] Vgl. Ulrike Längle / Jürgen Thaler (Hrsg.): Michael Köhlmeiers „Abendland“. Fünf Studien. Innsbruck 2010, S. 7.

[3] I.e. der „okzidentale Rationalismus“, den Max Weber in seinen religionssoziologischen Studien als „spezifisch“ für den kulturellen Raum bezeichnet hat, der hier als „Abendland“ firmiert; vgl. Max Weber: Die protestantische Ethik I. Eine Aufsatzsammlung. Hrsg. von Johannes Winckelmann. 7. Aufl. Tübingen 1984, S. 9-26.

[4] Zur Bedeutung der Mathematik in diesem Roman vgl. Andrea Albrecht: „Mathematisches Wissen und historisches Erzählen: Michael Köhlmeiers Roman „Abendland““. In: Gegenwartsliteratur. Ein germanistisches Jahrbuch (8/2009), S. 192-217.

[5] Edmund Husserl: „Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie“. In: Ders.: Husserliana, Bd. VI. Hrsg. von Walter Biemel. 2. Aufl. Den Haag 1956, S. 130.

[6] Strukturen der Lebenswelt. Frankfurt am Main 1979, S. 133.

[7] Vgl. Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns. 3. Aufl. Frankfurt am Main 1985, Bd. 1, S. 107-113, Bd. 2, S. 182-293.

[8] Vgl. Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main 1998, S. 44-59.

[9] Vgl. Thomas Nagel: Der Blick von Nirgendwo. Frankfurt am Main 1992.

[10] „What is like to be a bat?“ In: Philosophical Review 83 (1974), S. 435-450. Deutsche Übersetzung von Ulrich Diehl unter dem Titel „Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“ in: Peter Bieri (Hrsg.): Analytische Philosophie des Geistes. 3. Aufl. Weinheim 1997, S. 261-275.