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5. Dezember 2016
Andreas Jacke
für satt.org
  »Nach einer wahren Geschichte« von Delphine de Vigan

Delphine de Vigan, Nach einer wahren Geschichte. Roman. Aus dem Französischen von Doris Heinemann. 350 Seiten, gebunden. DuMont Buchverlag, Köln 2016. 23,00 Euro (als E-Book 18,99 Euro)
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Fremdbestimmt:
Nach einer wahren Geschichte
von Delphine de Vigan

Delphine de Vigans Psychothriller Nach einer wahren Geschichte entfaltet in zwei Teilen, „Verführung“ und „Depression“, eine Angst-Geschichte, die schlimm ausgeht. Ähnlich wie in Der talentierte Mr. Ripley, nur mit umgekehrter Erzählperspektive, geht es um subtile Formen der Aneignung des Anderen, bei der die Gewährung scheinbar völliger Freiheit die Fesseln nur immer fester zuzieht.

Hauptprotagonistin des rückblickend erzählten Romans ist eine Frau in den mittleren Jahren, Delphine, erfolgreiche Schriftstellerin, deren Kinder gerade aus dem Haus gehen. Sie sehnt sich nach Nähe, Geborgenheit und Sicherheit, wird aber von Ängsten, Minderwertigkeitsgefühlen und Unsicherheiten beherrscht. In dieser Phase großer Verletzlichkeit trifft sie auf die Ghostwriterin L., die die Leere auszufüllen verspricht, die die Kinder hinterlassen haben. Beide Frauen geraten in eine, unterschwellig erotisch getönte, wechselseitige Abhängigkeit zueinander, was durch eine scheinbar harmonische symbiotische Struktur lange Zeit verdeckt bleibt. Delphine wird schwer depressiv, sie entwickelt motorische Störungen. Nach einem Sturz kann sie nicht mehr ohne Krücken gehen und ist L., die inzwischen bei ihr eingezogen ist und nun unter ihrem, Delphines, Namen auch ihre Korrespondenz erledigt, ganz und gar ausgeliefert. Von L. immer mehr dazu gebracht, auf ihre pubertäre Phase zu regredieren und in Verhaltensweisen von Schüchternheit, Stolz und Zurückhaltung zurückzufallen, die sie längst überwunden hatte, liest sie die Bilderbücher wieder, die sie ihren Kindern einst vorgelesen hat, und sehnt sich in frühere Lebensphasen zurück. Ihre Versuche, ihrer feindlichen Freundin zu entkommen und sich ihres unheilvollen Einflusses zu entziehen, werden von dieser mit subtiler Aggression quittiert und münden zuletzt in blanke Gewalt.

Delphine de Vigan hat es sich nicht so einfach gemacht, L. als reine Schurkin zu zeichnen. Sie wirkt zuweilen durchaus sympathisch. Sie kann sich gegenüber Männern auf eine beeindruckende Weise durchsetzen, sie weiß genau, was sie will. Delphine ist von L.s Mut, Sinnlichkeit, Durchsetzungsvermögen und Vitalität fasziniert. Um so stärker trifft es sie, als L. versucht, ihr ihre Vorstellung von Literatur aufzuzwingen. Im Zentrum ihrer Auseinandersetzung steht L.s Forderung, Delphine möge erneut aus ihrem eigenen Leben schöpfen, eine wahre Geschichte schreiben, keinen Roman über Reality-TV, sondern einen Roman wie Reality-TV. Ihr letztes Buch, der autobiographische Bericht über ihre Mutter, gebe eine gute Vorlage für ihre weitere Arbeit. „Schreiben ist ein Kampfsport“, erklärt sie. Delphine hat jedoch wenig Ambitionen, Literatur als Waffe zu verwenden, sie möchte auch zur Fiktion zurückkehren – wobei sie ohnehin bezweifelt, dass die Kategorien des Reellen und Virtuellen sauber zu trennen sind.
L. hingegen vertritt ein Lesepublikum, welches sich nur noch für die echten und damit wahren Geschichten interessiert, so als ließe sich Wahrheit durch Fakten begründen und als wäre umgekehrt jede Fiktion schlicht eine Lüge.
Das fiktionale Spiel mit der Realität ist ein Hauptthema des Romans, der so unversehens auch eine politische Dimension bekommt, indem er die in unserer Kultur mehr oder weniger deutlich bestehende Forderung aufgreift, unbedingt die Wahrheit zu sagen, alles von sich preiszugeben – eine Forderung, die das in freien Gesellschaften bestehende Recht auf Geheimnisse missachtet und daher undemokratisch, ja am Ende sogar totalitär ist.

Delphine de Vigan wurde weltweit bekannt mit dem Bestseller Das Lächeln meiner Mutter (2010) über ihre bipolare und suizidäre Mutter. In ihrem neuen Buch, das kein Sequel ist, versucht sie, das Verhältnis zwischen Fiktion und Realität genauer auszuloten. Der Roman skizziert phasenweise de Vigans tatsächliche Situation, ist aber weit davon entfernt, autobiographisch zu sein. Dieser Ansatz ist vor allem literarisch, nicht philosophisch oder theoretisch-intellektuell begründet. Dennoch werden Roland Barthes, Gilles Deleuze, der Strukturalismus und die Psychoanalyse zitiert. Das kann zuweilen nerven, weil die betreffenden Gedankengänge nicht besonders originell oder weitreichend sind. Die Anspielungen auf die Philosophen und Schulen sind letztlich eine Garnierung, die nur die Vorlieben der Autorin und ihre akademische Bildung darlegen. Und wenn zuweilen so schwerwiegende Themen wie Wahrheit und Identität diskutiert werden, so doch stets in Verbindung mit konkreten Lebensinhalten und nie auf einem wirklich abstrakten Niveau, wie es ihnen angemessen wäre.

Nach einer wahren Geschichte ist dennoch ein eleganter und komplexer Psychothriller, der den Leser packt und bis zum bösen Ende nicht mehr loslässt. Roman Polanski hat im November mit seiner Verfilmung begonnen. Es könnte spannend sein, das Buch auch vor diesem Hintergrund zu lesen.