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Die Box




12. September 2016
Marc Degens
für satt.org
  Wolfgang Welt: Peggy Sue





Wolfgang Welt




Der WoW-Effekt
oder Einladung, Wolfgang Welt zu lesen

Wolfgang Welts Bücher haben einen unverkennbaren Sound, sind leicht, lakonisch, frech, umgangssprachlich und anti-akademisch. Es ist ein Sound, der Ende der 1970er Jahre in Westdeutschland im Umfeld alternativer Stadtzeitschriften und Musikmagazinen entstanden ist. Diese wurden von Schülern, Studenten, Amateuren und Quereinsteigern gemacht, die Mittel waren begrenzt, die Bezahlung schlecht und die Strukturen dilettantisch, dafür boten sie den Autoren große Freiheiten; bei der Themenwahl, aber auch formal. Wolfgang Welt hat seine Stimme als Autor und Musik- und später Literaturredakteur des Bochumer Magazins »Marabo« entwickelt. Wenn er für »Marabo« unter dem Kürzel »WoW« oder für »Sounds« oder »Musikexpress« Bücher und Platten rezensierte, schrieb er auch immer über sich selbst und seine Welt, dementsprechend hieß sein Artikel zum zweiten Todestag von Elvis Presley natürlich »The King and I«. Welts Welt, das waren Bochum und das Ruhrgebiet, seine Familie, die Stammkneipe und der Fußballplatz, es war der chaotische Alltag in den Redaktionen und die Reisen zu Konzerten. Wolfgang Welt, der am Silvestertag 1952 geboren wurde, schwärmte für frühere Schlagerstars und tote Rockstars und verehrte Suhrkamp-Autoren wie Peter Handke, Thomas Bernhard und ganz besonders Hermann Lenz, mit dem er seit er zweiundzwanzig war siebzehn Jahre lang im Briefwechsel gestanden hatte. Welt konnte in seinen Artikeln aber auch heftig austeilen, seine Kritiken waren polemisch, witzig, unverschämt und äußerst phantasievoll. Er nannte Heinz-Rudolf Kunze einen singenden Erhard Eppler, riet John Lennon, sich posthum von Yoko Ono scheiden zu lassen und hoffte, dass Marius Müller-Westernhagen bald seine Stimme verliere. Damit machte er sich nicht nur Freunde, im »Spiegel« wurde er sogar als »Aufsatz-Ayatollah« beschimpft.

Welt entwickelte diesen Ton in seinen literarischen Texten weiter. Er wurde zum Klartext-Autor, dessen Kunst in der Verknappung, Verdichtung und Vereinfachung bestand. Seine Texte suchten die Nähe zur Mündlichkeit und erzeugten dadurch einen enormen erzählerischen Sog. Im Alter von 34 Jahren veröffentlichte Welt seinen Debütroman »Peggy Sue«, dessen oft zitierter erster Satz zur Legende wurde: Etwa zwei Jahre nach unserer ersten Begegnung machte mir Sabine am Telefon Aussicht auf einen Fick, allerdings nicht mit ihr selber, sondern mit ihrer jüngeren Schwester.«

Welt war kein Geschichtenausdenker, sondern schrieb radikal autobiographisch und protokollierte und rezensierte sein eigenes Leben in Gonzo-Manier. Die Verlagssuche war lang und schwierig gewesen. Welt hatte gesundheitliche Probleme, litt unter Hyperventilation und seine exzessive Lebens- und Schreibweise forderten früh ihren Tribut. Er hatte früh sein Studium abgebrochen und musste stets nebenbei arbeiten, als Bierfahrer oder Plattenverkäufer. Welt, der oft nachts schrieb, trank zu viel Alkohol, rauchte sechzig Zigaretten am Tag und schrieb sich im wahrsten Sinne des Wortes verrückt. Er fing an, unter Wahnvorstellungen zu leiden, es kam zum Zusammenbruch und im Alter von neunundzwanzig Jahren wurde bei ihm eine schizophrene Psychose diagnostiziert und Welt musste für einige Zeit in einer geschlossenen Psychiatrie untergebracht werden.

In atemloser Weise erzählt »Peggy Sue« von der Zeit bis kurz vor seinem Zusammenbruch: »Ich schlief bei meinen Eltern. Von Bochum aus konnte ich schneller nach D‘dorf kommen. Ich stand um halb sechs auf. Ich ließ mir ein paar Butters von meiner Mutter für unterwegs machen, weil ich nicht wußte, ob‘s auf dem kurzen Flug ein Frühstück gab. Am Flughafen holte ich mir die reservierte Karte ab und landete keine Stunde später in München. Mit ‘ner Taxe fuhr ich in die Innenstadt. Im Hotel sollte ich Jörn Reinshagen kontaktieren. Das tat ich auch um punkt zehn. Von der Halle aus rief ich ihn im Zimmer an. Offensichtlich weckte ich ihn. Er erzählte mir, sie seien bis sechs im Hilton gewesen. Carolyne hätte da Queen untern Tisch gesoffen. Die würde jetzt noch pennen. Außerdem hätten die noch einen Termin beim AFN. Ich sollte um zwölf noch mal wiederkommen. Auch nicht schlimm, dachte ich, kann ich mir die Stadt ‘n bißchen angucken. Oder Hermann Lenz besuchen. Ich rief bei ihm an.« Das Buch, das Welt in sechs Wochen anfallartig geschrieben hatte, bot einen ungeschminkten Blick hinter die Kulissen des linken, alternativen Kulturbetriebs, so wie Jörg Fausers autobiographischer Roman »Rohstoff« oder »Siegfried« von Ernst Herhaus und Jörg Schröder. »Siegfried«, das auf Tonbandprotokollen mit dem schillernden März-Verleger beruht und beim Leser einen ähnlich starken erzählerischen Sog wie »Peggy Sue« erzeugt, erschien 1972 und durfte nach zahlreichen Prozessen nur mit geschwärzten Stellen verkauft werden. Auch Welt nannte alle und alles beim Namen. Freunde, Kollegen, Kneipen, Orte, Biersorten.

1986 erschien »Peggy Sue« nicht wie erhofft im Haus seiner literarischen Vorbilder, dem Suhrkamp Verlag, sondern im kleinen, linksalternativen Konkret Literatur Verlag. Es verkaufte sich nur wenige hundert Mal. Der Ton war neu, ungewohnt und akademische Kritiker warfen Welt »rockistisches« Gebaren vor. Nur zwei Jahre zuvor hatten Juroren beim Bachmann-Lesewettbewerb in Klagenfurt dem Schriftsteller und Welts Tip-Redakteurskollegen aus Berlin, Jörg Fauser, dessen Texte in ganz ähnlicher Weise Klartext sprachen, die literarische Existenzberechtigung abgesprochen. Diese Art von Literatur gehöre hier nicht hin, befand damals ein Juror.

Der Psychiatrieaufenthalt veränderte Welts Leben. Er musste fortan starke Psychopharmaka nehmen, gab das journalistische Schreiben auf und arbeitete fortan als Nachtwächter. Erst 1999, dreizehn Jahre nach »Peggy Sue«, erschien Welts zweiter Roman »Der Tick« im Heyne Verlag. 2006 folgte sein dritter, »Der Tunnel am Ende des Lichts«, als Sammelausgabe mit den ersten beiden Büchern, und 2009 sein vierter, »Doris hilft« – wie erhofft endlich im Suhrkamp Verlag. Die Bücher erzählten Welts Geschichte nach dem Zusammenbruch auf obsessive Weise weiter, in einer ähnlich absatzlosen Prosa wie die von Thomas Bernhard. Und ebenso wie die Sätze noch kürzer wurden, näher zusammenrückten und sich verdichteten, so war auch Welts Bewegungsradius kleiner und sein Themenkreis enger geworden. Welt lebte wieder bei seinen Eltern, schrieb über seine Krankheit und seine Freunde, über Begegnungen, Jobs, Gespräche, Fußball, Fiege Pils und Lotto. Automatisch wurde er so zum Dokumentaristen seiner Geburtsstadt und des Stadtteils Langendreer, der Menschen von Bochum, der Wilhelmshöhe und des Ruhrgebiets.

Die Suhrkamp-Veröffentlichungen bescherten Welt neue Leser und eine junge Lesergeneration entdeckte seine Literatur für sich. Viele, die mit dem Internet aufgewachsen waren und die persönliche, alltägliche Zurschaustellung auf Twitter, Instagram, Facebook oder Tumblr kannten, waren fasziniert von der rücksichtslosen Offenheit seines autobiographischen Schreibprogramms. Die Blogsphäre bot ähnliche thematische wie auch formale Freiheiten wie Welt sie zu Beginn seines Schreibens vorgefunden hatte und seine Bücher ließen sich auch als Krankheitsgeschichte und unverstellte Innensicht über den Wahnsinn und die Isolation lesen, aufwühlend und herzzerreißend wie Fritz Zorns Krankengeschichte »Mars« oder Wolfgang Herrndorfs »Arbeit und Struktur«. Welts Bücher erzählen aber auch einen Künstlerroman mit vielen Tiefschlägen und wenigen Höhepunkten. Welt schrieb ohne Wehleidigkeit gerade auch über seine Niederlagen und das Scheitern – auf schonungslose, unglamouröse Weise, mit Witz, aber ohne Ironie. Beides unterschied ihn von vielen später erfolgreich gewordenen Popliteraten, deren Wegbereiter er zweifellos war. Welts Spuren, sein Stil und seine Techniken, finden sich heutzutage in den Texten von Klagenfurtteilnehmern und -gewinnern oder in Bestsellern wie Benjamin von Stuckrad-Barres »Panikherz«, dessen eigene Wurzeln wiederum in die Stadtmagazinszene der 1990er Jahre zurückreichen.

Welt war ein Erneuerer und seine Bedeutung für die deutsche Literaturgeschichte wird inzwischen zum Glück erkannt. Ausgezahlt hat sich diese Pionierleistung und Kraftanstrengung für Welt leider nicht. Im sich immer stärker professionalisierenden Literaturbetrieb blieb er bis zu seinem Tod ein Außenseiter, fern vom Massenerfolg und fern von öffentlichen literarischen Weihen. Er war ein Geheimtipp, ein Kultautor vielleicht, auf jeden Fall ein Kuriosum, jemand, der in der Kulturwelt für seine Bücher Bewunderung erntete und für sein Leben Mitleid. Welt konnte von seinem Schreiben nicht leben, wurde zeitlebens nie mit einem Literaturpreis ausgezeichnet und sein fünftes und letztes Buch »Fischsuppe« erschien vor zwei Jahren im kleinen, rebellischen Engstler Verlag als achtzigseitiges Bändchen.

Fünfundzwanzig Jahre lang, von 1991 bis zu seinem Tod, arbeitete Welt am Schauspielhaus Bochum und stand dem Kulturleben nahe, allerdings nicht als verdienter Schriftsteller im Rampenlicht, sondern versteckt im Hintergrund als Nachtportier. Diese bittere Erfahrung teilte er mit Hermann Lenz, der als weitgehend unbeachteter Autor von 1951 bis 1971 für ein geringes Gehalt als Sekretär für den baden-württembergischen Schriftstellerverband arbeitete und einer Institution diente, die ihn zwei Jahrzehnte lang übersah. Seine Erfahrungen verarbeitete er in seinen autobiographischen Rapp-Romanen und erst im Alter von sechzig Jahren gelang Hermann Lenz der Durchbruch, der in der Folge zu zahlreichen Auszeichnungen und Ehrungen führte.

Die Hoffnung auf eine späte Genugtuung für Wolfgang Welt, der am 19. Juni 2016 im Alter von 63 Jahren gestorben ist, erfüllten sich traurigerweise nicht. Sein Tod ist ein großer Verlust für das Ruhrgebiet, das damit einen seiner eigenwilligsten und einflussreichsten Erzähler verloren hat. Welts Erzählungen und Bücher sind Teile eines Lebensromans, die zusammen ein faszinierendes literarisches Werk bilden, das man in einem Atemzug mit dem autobiographischen Romanprojekt von Peter Kurzeck über das Jahr 1984 nennen kann, der ein ähnlich Detail versessener Chronist und hypnotischer Erzähler seines Lebens wie Wolfgang Welt war. Dass ausgerechnet Welt, der das Ruhrgebiet nie verlassen hatte, bis zuletzt in seinem Geburtshaus wohnte und ein so verdienstvolles autobiographisches Erzählwerk über das Ruhrgebiet und seine Menschen verfasste, trotz vieler Vorschläge und namhafter Fürsprecher nicht mit dem seit 1986 – dem Erscheinungsjahr von »Peggy Sue«! – jährlich vergebenen Literaturpreis Ruhr ausgezeichnet wurde, ist ein schweres Versäumnis, das kaum wieder gut zu machen ist, höchstens damit, dass man die Auszeichnung in Wolfgang-Welt-Preis umbenennt.


Erstveröffentlicht in der F.A.Z. vom 25. Juni 2016.