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Die Box




1. Februar 2016
Robert Mattheis
für satt.org
  Alexander Kluge, Kongs große Stunde. Chronik des Zusammenhangs.
Alexander Kluge, Kongs große Stunde. Chronik des Zusammenhangs. 680 Seiten, Leinen im Pappschuber. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015. € 38,00 (D), € 39,10 (A), sFr 50,90 (CH). – Auch als E-Book erhältlich.
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Kluges große Stunde. Neue Geschichten von Alexander Kluge

Vorhin hatte ich, angeregt durch den eigentlich ja seltsam ungut klingenden Namen „Unseld“, den ich auf dem Buchrücken einer Biografie prangen sah, den Gedanken, ob nicht die Arbeit eines Verlegers derjenigen des Leiters einer Irrenanstalt sehr ähnlich sei. Nur dass der Verleger, anders als sein psychiatrischer Kollege, die Patienten nicht heilen wolle – sondern ausnutzen.

Diese Frage konnte natürlich nur im Umfeld von Alexander Kluges neuem Geschichtenband entstehen. Kluges Stories reißen alle Türen auf, nachdem sie durch die Fenster hereingeklettert sind – und durch den Kamin. Der letzte Groß-Band war Das fünfte Buch, dieser ist das beste. Zumindest das beste seit Die Lücke, die der Teufel lässt. Aber ich finde, es ist insgesamt sogar noch besser als das vorgenannte, weil es weniger vom geschichtsmächtigen Augenblick getragen ist und sich stärker aus genuin literarischen Motiven, Quellen und Strömen speist. Es ist eine Summe, wenn Sie so wollen, eine Annäherung ans Gesamtwerk und, aus der Perspektive des Autors, an sich selbst, mit langen Umwegen über seinen Vater. Eines der zwölf Großkapitel, aus denen der Band besteht, heißt „Ich“, knapp 40 Seiten, direkt gefolgt von der „Chronik von Pangäa bis heute“, etwa 90 Seiten. Dann der Abspann.

Wieder ist auf dem Titel, wie schon bei dem 2003 erschienenen Lücken-Band, das World Trade Center zu sehen. Diesmal jedoch nicht als ikonografisches Skelett eines globalen Kollektivtraumas, sondern als Klettergerüst für einen Riesenaffen, der in seiner Pranke die blonde Frau trägt. Dieses Nebeneinander von Bild und Erinnerungsbild wirft eine Frage auf: Was, wenn King Kong da gewesen wäre an jenem Morgen im Jahre 2001? War er nicht ein Spezialist im Abwehren feindlicher Flugzeuge? Besser als jede Flak? Hat die Terrorattacke am Ende IHM gegolten!?

King Kong gibt dem Buch den Namen, er gibt vielen Geschichten den Ton vor, er mischt sich einmal sogar in die Gespräche von Thomas Mann und Theodor W. Adorno ein … Jetzt passen Sie auf: Alexander Kluge, so steht's in einer der Geschichten, habe den Chefkopf der Kritischen Theorie eines Tages im Hörsaal wiedererkannt aufgrund der Beschreibung, die der Autor der Entstehung des Doktor Faustus von dem Gelehrten gegeben hat. Zum Hintergrund: Mann hatte Adorno ja als musiktheoretischen Sparringspartner für die gleichermaßen geisteskalten wie hirnkühnen Adrian Leverkühn-Kompositionen benutzt. Später mokierte sich der Literaturnobelpreisträger im Tagebuch darüber, der Negative Dialektiker gebärde sich, als habe im Grunde ER den Doktor Faustus geschrieben … doch genug des Literatur-Klatsches!

Kluge sprach also, aufmerksam geworden durch Thomas Mann-Lektüre, Adorno an, und dieser wurde sein Lehrer. Was dabei herauskommt, wenn die Ästhetische Theorie auf Perry Rhodan-Hefte stößt (die Kluge liebte, so steht's in Kongs große Stunde), das können Sie hier nachlesen, wie Sie es ja überhaupt seit der Schlachtbeschreibung [1964 – hier eine zeitgenössische Kritik von Reinhard Baumgart, Anm. d. Red.] nachlesen können in Hunderten und Aberhunderten von „News und Stories“ (wie er seine spätabendlichen TV-Experimental-Sendungen nennt). Kluge schreibt die einfallsreichste, intelligenteste, unglaublichste Prosa, die wir haben. Sie hat ihre lyrischen Momente, sie ist knapp, konzentriert, cool, sie ist stupend gelehrt, ohne den Leser mit ihrer Gelehrsamkeit zu quälen, was ja leider eine der häufigsten Krankheiten der Literaten ist. Kluge reicht es, Genie zu haben, er muss es nicht zur Schau stellen. Er stellt es lieber in den Dienst der Sache. Die aber ist dermaßen überbordend, sprudelnd, uneinzäunbar, wie sonst nur wir Menschen es sind (wenigstens manche, zumindest manchmal).

Nehmen wir nur diese Mini-Geschichte (Kluge schreibt glücklicherweise immer Mini-Geschichten), in der er erzählt, wie die Presse Helmut Dietl für seinen letzten Film verreißt. Die tobende Meute hat Blut geleckt, Schwäche gewittert, und jetzt wirft sie sich geifernd und kläffend auf das lahmende Bambi. Kluge, um dem Freund zu helfen, telefoniert nicht nur herum und mobilisiert, was an guten Geistern noch beweglich ist, er stürzt sich mit dem alten Weggefährten in ein Projekt, nämlich den Plan Stanley Kubricks zu einem Napoleonfilm doch noch umzusetzen: die ablenkende, konzentrierte Beschäftigung mit dem großen Korsen soll die Sorgen der Gegenwart in die nötige Perspektive rücken. Dabei erfahren wir dann, wieso Filmuniformen aus Papier gemacht werden und welche tollen filmischen Effekte sich daraus gewinnen lassen.

Kluge ist ein Filmemacher in Worten, ein Auteur wie Jean-Luc Godard (den Kluge sehr verehrt), wie Orson Welles und Bob Dylan. Und Goethe. Einer, dem alles, was er anfasst, zum Bruchstück einer großen Konfession gerät, durch und durch original, unzerstörbar und erhaben. Er ist ein begeisternder Phantast wie Philip K. Dick und ein hellwacher Träumer, der in der Bibliothek von Alexandria eingeschlafen ist – allerdings im Jahre 2042. In seinen Geschichten ist wirklich die ganze Menschheitsgeschichte enthalten, von den Sternen und ihren irren Zwängen bis zum Erdmittelpunkt und seinem metaphorischen Potenzial für Oper-Exegesen. Man möchte Beifall klatschen, wenn man dieses Buch zur Seite legt. Denn man weiß, man wird damit nie fertig sein.

In letzter Zeit habe ich oft gedacht: Von allen Autoren, die den Georg Büchner-Preis eingeheimst haben in den letzten Jahren, seit ich das Theater beobachte, sind es eigentlich nur Rainald Goetz und Alexander Kluge, die sich nicht heimlich schämen müssen, das Preisgeld einzustreichen. Sie stehen wahrscheinlich wirklich in einer Reihe mit Georg Büchner und Gottfried Benn. Alexander Kluge auf jeden Fall. Seine Bücher werden sich erst in den kommenden Jahren entfalten, wie Blumenkelche werden sie sich öffnen in den Bücherregalen, wenn die fingerfertigen Champions des Tages, die sich ihren flüchtigen Scheinwerferruhm mittels maßgeschneiderter Skandale erschlichen haben, längst in den Archiven zu verlorener Zeit geworden sind, von Pageturnern zu Stirnrunzlern.

Ich will jetzt nicht zu sehr auf das Werkcorpus Kluges eingehen, denn interessanter erscheint mir, dass der Halberstädter Ovid (dazu gleich mehr) der einzige deutsche Schriftsteller ist, der den Vergleich mit Autoren wie Don DeLillo, William Gaddis und Thomas Pynchon aushalten kann. Er könnte auch den Literaturnobelpreis aushalten, ich sag's jetzt mal – auch wenn es wohl noch unwahrscheinlicher ist, dass er ihn bekommt, als es ist, dass Bob Dylan ihn bekommt. (Einmal wird Dylan auch als Motto zitiert, aber das war schon in der Chronik der Gefühle, und jetzt sind wir ja schon bei der „Chronik des Zusammenhangs“, so der Untertitel des Kong-Buches – aber welchen Sinn hat es, chronologisch vorzugehen?)

Ich sagte: Ovid, und den beschreibt Kluge regelmäßig als einen der Dichter, die sein Vertrauen genießen. Und ich glaube, sie folgen beide einer ähnlichen Methode. Sie schildern Metamorphosen. Letztlich arbeiten sie immer am gleichen Stoff, womöglich an der einen, gleichen Erzählung, und was können sie dafür, dass diese so vielgestaltig ist wie ein ganzes Epos?

Kluge hat einmal geschildert, in einer der vielen Geschichten, sein Schreibimpuls käme von der Scheidung seiner Eltern her. Er wolle genug Überredungskunst entwickeln, um die beiden wieder zusammenzubringen:

„Mir war klar, dass eigentlich alles, was ich tue, der Herstellung eines Friedens zwischen meinen beiden Eltern, der Rücknahme der Scheidung, dient.“

Martin Walser erzählt er das am Bodensee, weil der ihn angeraunzt hat:

„Warum schreiben Sie überhaupt?“
(Ich habe jetzt natürlich aus dem falschen Buch zitiert, aus Tür an Tür mit einem anderen Leben, aber da sehen Sie, wohin Kluge einen treibt! Er macht einen neugierig, zusammenhangssüchtig! Ah!)

Mir scheint, Kluges Prosa habe sich, seit der Werkschau Chronik der Gefühle, Satz für Satz herangetastet an den Glutkern seiner Existenz. Irgendwie wird sein Schreiben immer dichter, es bleiben diese öden Strecken weg, in denen Schicht- und Rotlichtarbeiter sich in abschreckend bürokratischen Wendungen winden wie in Akten aus den Gerichtsarchiven. Seit Jahren bewegt sich der überzeugte Bleistifttäter in konzentrischen Kreisen auf sich selbst zu. In Kongs große Stunde finden sich überdies erstmals farbige Illustrationen, was einen merkwürdig anrührt. Es hat etwas von Auftauen.

Wenn Kluge schildert, wie Thomas Mann und Theodor W. Adorno sich über das Buch unterhalten, das dem legendären King Kong-Film Pate gestanden hat, dann sind die Dialoge natürlich nicht überzeugend. Sie reden alle wie Alexander Kluge. Das kann er nicht, Stimmen imitieren, das gelingt ihm in einer anderen Geschichte auch bei Heine nicht. Aber genau deswegen halten wir Kluge ja überhaupt aus – wegen dieser spezifischen Form von stilistischer Einfalt!

Wir haben es schon angedeutet: Er kann natürlich auch Dinge nicht. Seine Filme mit Helge Schneider, die wohl komisch sein sollen, sind das exakte Gegenteil, nämlich harte Geduldsübungen (vielleicht sehen Sie das anders, dann verzeihen Sie bitte). Auch seine auf DVD festgehaltenen Poetik-Vorlesungen waren mir zu sehr Dozentur und zu wenig Poesie. Ich hatte ihn fast schon aufgegeben. Umso größer jetzt die Freude, dass er wieder da ist, weiterschreibt am großen deutschen Gegenwartsroman. Zurück vom tausend Mal Gehörten zu tausend und einer Nacht.

Aber ich muss schließen, meine Damen und Herren! Wollte diese Rezension ihrem Gegenstand gerecht werden, müsste sie länger sein als Kongs große Stunde selbst, und das wäre natürlich auch Quatsch, denn dann kämen Sie nicht mehr zum Lesen.

Es ist ein schönes, blaues, fast 700 Seiten starkes Buch – ein coffee-table book (in der ehrwürdigen Tradition eines Montaigne oder Laurence Sterne, dass wir uns nicht missverstehen). Und Sie sollten den coffee table ganz dicht an ihr Sofa heran stellen. Und vorher nehmen Sie sich Urlaub, bitte.

Und jetzt nehm ich das Buch wieder vor, entschuldigen Sie mich bitte!