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Die Box




15. Oktober 2015
Sonja Grebe
für satt.org
  Michael Rutschky, Mitgeschrieben
Michael Rutschky, Mitgeschrieben
432 Seiten, Halbleinen, fadengeheftet
Berenberg Verlag 2015
ISBN 978-3-937834-82-5
EUR 25,00
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Michael Rutschky,
Mitgeschrieben

Tagebücher sind Lagerräume für private Vergangenheiten. Durchs Hintertürchen allerdings tut sich in Alltagsbeobachtungen aus Beruf, Familienleben und gesellschaftlichem Umfeld ganz nebenbei auch ein Blick auf ihre 'Spielzeit' auf: Indem der Diarist seinen Privatgeist niederlegt, schreibt er auch den Zeitgeist mit.

Mitgeschrieben nennt nun der Philosoph, Journalist und Schriftsteller Michael Rutschky seine im Berenberg Verlag erschienenen Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1981 bis 1984, und während deren Eigenschaften bereits im Titel mitschwingen, der sowohl an Beiläufigkeit als auch an wissenschaftliches Protokollieren denken lässt, bringt der Untertitel die Rutschky eigene Erzählweise – das Eigentliche anhand von Kleinstbetrachtungen des Banalen wiederzugeben – auf den Punkt: „Die Sensationen des Gewöhnlichen“.
Übernommen hat Rutschky den schönen Untertitel von der Zeitschrift Der Alltag, für die er von 1985 an zwölf Jahre als Herausgeber und Redakteur tätigt war.
In Mitgeschrieben geht Rutschky allerdings einen Schritt weiter zurück, in die Zeit seiner redaktionellen Mitarbeit am Kulturmagazin TransAtlantik von 1980 bis 1982, sowie seiner Arbeit an seinem Essay Wartezeit. Ein Sittenbild, der 1983 erscheint.
Den Abschluss bildet eine private Zäsur: 1984 erleidet Rutschky einen Herzinfarkt und absolviert danach eine ermüdende Zeit in der Reha.

In einer Fußnote weist Rutschky seine Tagebücher gleich eingangs als eine Art wissenschaftlichen Zettelkasten aus:

„Die Aufzeichnungen folgten einer Regel, die ich in Anna Freuds Londoner Zentrum für die Psychoanalyse von Kindern aufgeschnappt zu haben meinte, ‚to write a card’. Hospitanten sollten, fiele ihnen eine Szene oder eine Einzelperson deutlich auf, diese Beobachtungen niederschreiben.“

Die Objekte seiner betont klinischen Betrachtungsweise sind Kollegen, Freunde, Verwandte, Passanten, Hunde und natürlich er selbst, Rutschky. Um seinen Beobachtungen eine einheitliche Nüchternheit vorzugeben, baut Rutschky – ganz Soziologe, der er obendrein ist – einen Sicherheitsabstand zu sich selbst ein, indem er über sich in der dritten Person schreibt, wobei sein Name bis an den Rand der Anonymisierung gekürzt ist: Aus Michael Rutschky wird R.

Und was sind nun die deutlich auffallenden Szenen und Einzelpersonen im Leben des R.?

„Sie gehen mit Eva Krüger spazieren, um den Grunewaldsee, wo sie jahrelang jeden Sonntag spazieren gegangen sind mit dem Hund, ‚ein Naturboulevard’, Kathrin erzählt Eva Krüger von ihren Arbeiten und Plänen – ‚entschuldige!’, hört R. sie ihn plötzlich anreden, ‚du kennst das alles schon.’ – ‚Das macht nichts’, antwortet R., ‚ich höre sowieso nicht zu.’“

Kathrin, das ist Rutschkys Ehefrau Katharina, selbst Soziologin, Pädagogin, Publizistin. Dass die Inhalte weder ihrer, noch Rutschkys Arbeit im Tagebuch Erwähnung finden, erscheint erstaunlich – Rutschky spart beides aus, er konzentriert sich auf den ehelichen Alltag, auf die private Seite der Kulturschaffenden. Eingang in die Notizen finden nur die Reaktionen anderer auf Rutschkys Arbeit, etwa hintersinnig-gemeine Kommentierungen von Kollegen oder, selten, Zitate aus Kritiken.
Auch über das Projekt TransAtlantik erfährt man nichts Inhaltliches, dagegen viel über die Chemie, die zwischen den Beteiligten herrscht.
Das von Hans Magnus Enzensberger und Gaston Salvatore entworfene Format war 1980 mit dem Ziel angetreten, eine Art deutschsprachiges Pendant zum Magazin The New Yorker zu schaffen, ein Rundum-Kulturblatt made in München, gefüttert mit essayistischen Beiträgen und Reportagen zu Themen aus Gesellschaft, Literatur, Architektur, Kulinarik, kurz: eine kulturweltliche Bestandsaufnahme der Zeit.
Die Absatzzahlen erfüllten jedoch nicht die Erwartungen, Streitereien zwischen Verleger- und Herausgeberseite führten 1982 zur Absetzung der redaktionellen Riege, der Salvatore, Enzensberger und Rutschky angehörten. Bis dahin hatte sich die anspruchsvolle Monatszeitschrift um die Förderung einer Reihe junger Autoren verdient gemacht, die sich in der Folge etablierten, insbesondere Irene Dische, Bodo Kirchhoff, Jochen Missfeldt, Christoph Ransmayr, Rainald Goetz.

Mit Letzterem unterhält das Ehepaar Rutschky eine enge Freundschaft. Mehr noch, der junge Goetz scheint für das kinderlose Paar die Funktion eines Ersatzsohnes zu erfüllen. Einmal, so Rutschky, erzählt Goetz begeistert, eine Frau habe ihn für Rutschkys Sohn gehalten. – Über die Zukunftspläne oder den Gesundheitszustand Goetz' wird bei den Rutschkys ganz ähnlich gesprochen, als diskutierten Eltern über ihr Sorgenkind, und nach Goetz' berühmten Auftritt in Klagenfurt 1983, bei dem er seine Lesung unterstrich, indem er sich mit einer Rasierklinge in die Stirn schnitt und blutüberlaufen zu Ende las, herrscht bei den Rutschkys daheim eine eindeutig elterliche Art von Sorge:

„Kathrin hatte die ersten Zeilen dieser DPA-Meldung in der SZ überflogen, die Hände vors Gesicht geschlagen mit der typischen Geste der Verzweiflung und gar nicht weitergelesen. Später am Abend bricht sie in Tränen aus.“

In mütterlicher Manier muss sofort das Befinden des Jüngsten – und das ist Goetz schließlich in ihrem Dreierbund, ungeachtet dessen, dass der Altersabstand zu Michael Rutschky mit elf Jahren als eher undramatisch einzustufen ist – per Spracherkennung ergründet werden:

„‚Als ich seine Stimme hörte’, erklärt Kathrin nach dem Telefongespräch mit Goetz, ‚war ich sofort beruhigt’.“

Dass Goetz den Ingeborg Bachmann-Preis nicht gewann (sondern Friederike Roth), tritt hinter dem Schock-Erlebnis vollkommen zurück. Er ging überhaupt leer aus, war aber der mediale Sieger.

Freilich sind es diese Episoden, in denen Rutschky aus privater Perspektive über Bekanntheiten schreibt, die am interessantesten, am amüsantesten zu lesen sind.
So erfährt man von den Star-Allüren einer Irene Dische oder davon, dass Rutschky und Enzensberger auf persönlicher Ebene einfach nicht miteinander warm wurden:

„‚Das Problem mit Enzensberger war, dass man nicht richtig mit ihm reden konnte.
Ich kam mir, wenn ich es versuchte, immer wie ein Reporter vor, der ihm bei einer Live-Sendung das Mikrophon unter die Nase hielt. Er war immer auf Sendung.’ So erklärte R. es neulich Goetz, jetzt erklärt er es Annette Garbrecht. Es beeindruckt R. selber tief, dass er endlich die Lösung des Rätsels gefunden hat.“

Neben dem kulturtragenden Personal widmet sich Rutschky jedoch besonders dem Alltagsnichts und den Menschen, die es bevölkern. In eingehenden Betrachtungen erörtern Herr und Frau Rutschky körperliche Eigenarten der Nacktbadenden am Isarstrand. Es werden die dunklen Ränder der Fingernägel eines Proleten im Restaurant für erwähnenswert befunden. Rutschky offenbart eine spannerhafte Neigung zur Observierung des jugendlich anmutenden Pärchens aus dem Nachbarhaus.
Man erfährt viel über die Badegewohnheiten des Rutschky-Hundes, erhält Einblicke in Rutschky-Familienfeiern.
Durchgehend natürlich steht Rutschky selbst im Fokus der Beobachtung: Da geht es um imaginierte Luxusanschaffungen, um die Qualität der real gekauften Zigarettenspitzen oder um das Unbehagen an der farblich nicht zufriedenstellenden Hemd-Sakko-Kombination. Immer wieder werden Alpträume oder auch erotische Träume eingestreut, die Rutschky unkommentiert wiedergibt. Eheprobleme deuten sich an, Alkohol ist streckenweise verdächtig allgegenwärtig.

Die Angst vor dem Altern und vor der Gefahr des persönlichen Untergangs greift Rutschky von zwei Fronten an: Zum einen scheint ihn gelegentlich die punkige Vitalität des jungen Goetz einzuschüchtern, zum anderen schildert er zwanghaft die Stationen des Verfalls des alten Vaters einer Freundin. – Kulturmensch, der Rutschky ist, lässt er dazu parallel das Thomas Mann'sche Motiv vom Gebissverfall auftauchen, indem er über seine scheußlichen Zahn- und Kieferbeschwerden jammert.
Andernorts entblößt er eigene fragwürdige Charakterzüge. So beäugt R. argwöhnisch eine türkische Familie mit lärmenden Kindern, während er einen kurzen Stopp auf dem Hundespaziergang einlegt. – Der wasserverrückte Hund darf heute nicht baden, muss also vom Springbrunnen unbedingt ferngehalten werden. R. entscheidet sich, angesichts der – so unterstellt er – vermutlich diebischen türkischen Familienbande, seine teure Kamera vorsorglich etwas sicherer zu verstauen.
Die Strafe für diese schäbige Überlegung folgt auf dem Fuße, der Hund springt im unbeobachteten Moment natürlich sofort ins Wasser und taucht bis über die entzündeten Ohren darin ein.

Häufig erschöpfen sich Rutschkys Betrachtungen in lähmend ereignisfreien Schilderungen etwa der Bestandteile eines Hotelfrühstücks oder eines Mittagessens bei Mövenpick.
Da es sich bei Mitgeschrieben um eine bearbeitete, vom Autor etwas verdichtete, Fassung seiner Tagebucheinträge handelt, muss er all jenen Betrachtungen eine Bedeutung beigemessen haben – dem Leser bleibt es selbst überlassen, sich diese zu erdeuteln.

In ihrer Gesamtheit, in ihrem Wechsel aus Unterhaltsamkeit und tiefster Banalität, offenbaren Rutschkys Aufzeichnungen die Atmosphäre der damaligen Zeit in allen Facetten ihrer Verstaubtheit. Gerade dies macht aber ihren Charme aus: Sie liefern ein Emotionsporträt jener Ära, die der Berenberg Verlag wunderbar treffend beschrieben hat als „sozialistische Spätantike“, in der Honigmelone mit Schinken oder Curry-Huhn zur kulinarischen Mode zählten, Helmut Kohl Bundeskanzler wurde und Franz Josef Strauß über Bayern regierte.