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17. Oktober 2015
stefan heuer
für satt.org
  Andreas Altmann, Die lichten Lieder der Bäume liegen im Gras und scheinen nur so
Andreas Altmann, Die lichten Lieder der Bäume liegen im Gras und scheinen nur so. Gedichte. 104 Seiten, gebunden. poetenladen, Leipzig 2014. 17,80 Euro
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Die lichten Lieder der Bäume liegen im Gras und scheinen nur so – Aufbruch in die Geschlossenheit einer offenen Landschaft

In einem 2012 in der Literaturzeitschrift poet erschienenen Interview spricht poetenladen-Verleger Andreas Heidtmann Andreas Altmann darauf an, dass es in den Rezensionen zu Das zweite Meer ein Für und Wider bezüglich dessen Vorliebe für bestimmte, wiederkehrende Wörter gegeben habe – ein Umstand, der dazu führe, dass man ihn, wäre er Maler, als einen Maler mit einer schmalen Farbpalette bezeichnen könnte, der alles Grelle und Effektheischende meide.

Altmanns damalige Antwort:

„Ich mag viele Worte nicht. Und noch weniger mag ich sie im Gedicht. Die meisten haben mir nicht lange genug gelebt. Und bisher scheinen die ,bestimmten Wörter’ noch mit mir auszukommen. Ein Klavier beispielsweise hat auch nur eine bestimmte Anzahl von Tasten. Und was kann man für Musik darauf spielen.“

Es stimmt, Andreas Altmann, 1963 im sächsischen Hainichen geboren, ist kein Mann der vielen Worte. Auch ich habe die Ballung bestimmter Wörter in seinen Gedichten (wie z. B. „haut“, „blick“, „himmel“, „baum“ / „bäume“, „licht“) bereits ausführlich thematisiert, kam dabei jedoch – im Gegensatz zu einigen anderen – zu dem positiven Schluss, dass diese starke Beschränkung im Wortmaterial zu einem sehr eigenen, geschlossenen Kosmos führe, in dem die Wiederholung das ausschließliche Ziel der Intensitätssteigerung habe. Es ergibt sich daraus eine zu vielen Seiten offenporige Geschlossenheit, die Altmann in meinen Augen zu einem legitimen Nachfolger Karl Krolows macht.

Altmanns jüngstes Buch, Die lichten Lieder der Bäume liegen im Gras und scheinen nur so, hat den typischen Altmann-Sound. Im Laufe der Jahre souverän geworden im Umgang mit seinem Vokabular (das er mit traumwandlerischer Sicherheit handhabt), tut Altmann, was er am besten kann: Er verbindet Gefühle, Gedanken und Wahrnehmungen mit einer vordergründigen Sachlichkeit, die seinen Gedichten oftmals einen dokumentarischen Anschein verleiht.
Das aber ist nur der erste Blick, ein zu schneller Blick. – Jedem, der tiefer liest und auch die früheren Gedichte kennt, dürfte auffallen, dass Altmann im neuen Band viel wortreicher zur Sache geht, dass außerdem viele der Gedichte einen offensichtlichen (auto)biografischen Bezug haben. Sie scheinen der Vermessung der eigenen Welt und damit einer Standortbestimmung zu dienen.

Altmann bezeichnet das seinen Eltern gewidmete Buch, das eine konsequente Fortführung seines lyrischen Werks darstellt, als sein bislang politischstes.
Dazu ein Textbeispiel:

geschichte im landschaftspark

wind zieht farben der gräser herunter. ein stein
löwe liegt auf der mauer mit geöffneten augen.
dahinter das skelett einer parteizentrale. wege
sind in beton gegossen. bäume verbinden sich
in zeitlosen geräuschen. blind stellen sie sich
entgegen. das große gewächshaus ist geräumt.
auf außenbeeten blühen winterastern. ein gang
unter die erde führt ins gebäudehirn. nur ein paar
schädelknochen setzen das gedächtnis zusammen.
der geist einer anderen welt. die wärmerohre sind
gekappt, ihre enden verschweißt. im himmel
rauschen starkstromleitungen. und knacken.
viele zäune sperren die schritte aus. auf den wiesen
weiden schafe. es sind nur schwarze unter ihnen.

Mit Die lichten Lieder der Bäume liegen im Gras und scheinen nur so ist Andreas Altmann ein großer Wurf gelungen. Es ist ein Buch, auf das man sich einlassen muss. Vieles steht zwischen den Zeilen, vieles findet sich im eigenen Kopf wieder.

Ein abschließendes Lob für das wunderschöne, von Miriam Zedelius stammende Cover-Artwork.