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Die Box




11. Mai 2015
Meinolf Reul
für satt.org
  Uwe Johnson, Eine Reise nach Klagenfurt.
Uwe Johnson, Eine Reise nach Klagenfurt. 110 Seiten, broschiert. Suhrkamp Verlag, Berlin 2007 (11. Auflage) 6,50 Euro (suhrkamp taschenbuch [Nr. 235])
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Siegfried Unseld (Hg.), Begegnungen. Eine Festschrift für Max Frisch.
Siegfried Unseld (Hg.), Begegnungen. Eine Festschrift für Max Frisch. 226 Seiten, Leinen mit Schutzumschlag. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1981. 19,80 Euro
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Blick auf Uwe Johnson.
Eine Reise nach Klagenfurt und Skizze eines Verunglückten

Am 9. Mai 1974 schrieb Uwe Johnson an Hannah Arendt: „[F]ast zwei Monate habe ich verbraucht für bloss hundert Seiten über Ingeborg Bachmann in Klagenfurt und über Ingeborg Bachmann in Rom; wie war mein Verleger sauer über diese Auskunft! Er brauche das Buch: sagte er kalt.“ (Hannah Arendt / Uwe Johnson, Der Briefwechsel 1967-1975. Herausgegeben von Eberhard Fahlke und Thomas Wild. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004, 126. – Anmerkung, zwei Seiten weiter: „Das Wort »kalt« fügte Johnson handschriftlich hinzu.“)

Mit dem „Buch“ war der Roman Jahrestage gemeint, dessen erster bis dritter Band in den Jahren 1970, 1971 und 1973 erschienen waren; der abschließende vierte Teil sollte nach einer zehnjährigen, lastenden Pause erst 1983 herauskommen. – Es ist nicht unwichtig, dass Johnson präzisiert: „Ingeborg Bachmann in Klagenfurt [...] in Rom“. Tatsächlich erinnert sein Schreibansatz an etwas, das Antje Rávic Strubel, eine Johnson-Kennerin, in ihrem Roman Tupolew 134 beschreibt:

„Ein Ort bringt eine Person hervor, und sie wird ihm wieder genommen, und alles, was man am Ende noch sagen kann, sind Tatsachen über den Ort.“

Johnson liefert viele Tatsachen über die beiden Städte der Bachmann, über Klagenfurt, wo sie am 25. Juni 1926 geboren wurde und wo sie ihre Schulzeit verbrachte, und über Rom, ihrem Wohnsitz von 1954-1957 und von 1965 an bis zu ihrem Tod am 17. Oktober 1973.
Vor allem Bachmanns Herkunft interessiert Johnson, er forscht nach den Begleitumständen, die ihre „Jugend in einer österreichischen Stadt“ (so der Titel einer ihrer Erzählungen) geprägt haben, konsultiert Monographien, sichtet Ausgaben der Klagenfurter Zeitung und des Kärntner Tagblatt[s] aus dem Annexionsjahr 1938, zitiert aus Briefen der Dichterin, aus ihrem Werk, befragt Menschen, die sie kannten; Johnson legt seine Collage mit umsichtiger Akribie an, wie es für ihn kennzeichnend ist, er operiert mit Listen, statistischen Daten, Uhrzeiten, Maß- und Mengenangaben. All das sind auch Vorkehrungen zur Distanzwahrung, ein Selbstschutz, nicht zuletzt ein Beschützen.

Die morbid-makaberen Seiten des letzten Kapitels („Donnerstag, 1. November 1973“), in denen vom „Kremieren“ die Rede ist, zitieren erst ausführlich einen aktuellen, zu Allerheiligen erschienenen, Artikel der Kärntner Tageszeitung über die „Feuerhalle“ in Villach und wechseln dann zu dem nicht unkomischen Bericht von einem Besuch des Friedhofs Annabichl: „Das ist mehr als ein Totenfest, was sich zu beiden Seiten des Bahnübergangs Annabichl begibt, eine Messe ist es, ein Markt!“ – Wie hier mittels des kippelnden Substantivs „Messe“, in dem Geistliches und Merkantiles aufs Schönste vereint sind, vom kirchlichen Fest zum profanen Geschäft übergeleitet wird, zeigt die Brillanz des Schriftstellers Johnson – und eben seinen Humor, der auch aus den wundervollen Briefen spricht, die er der Bachmann aus Rom schrieb, als er mit seiner Familie einen Sommer in ihrer Wohnung verbrachte.
Fabelhaft auch der Exkurs zum cimitero acattolico, auf dem nicht nur John Keats, August Goethe und die beiden Söhne Wilhelm von Humboldts begraben liegen, sondern der auch letzte Ruhestätte vieler deutscher Maler und Bildhauer wurde, die nach Rom gekommen waren, hier arbeiteten und starben: süffige Seiten voll empfindsamen Spotts.

So lakonisch und verschwiegen, so spröde Eine Reise nach Klagenfurt sein mag – es ist ebenso ein schönes, liebenswertes, lebenliebendes Buch, z. B. wenn Johnson das Café Moser aufsucht, das Bachmann ihm gegenüber in einem Brief erwähnt hatte, in dem „die Bedienerinnen ohne Fehl »eine Zeitschrift?« anbieten“, ein Café, „geeignet für längeren Aufenthalt“. Johnson erwähnt, wer alles das Café Moser empfiehlt und warum, beschreibt, wie man hinkommt, wie es eingerichtet ist, und gibt dann doch, gewissenhafter Cicerone, zu bedenken: „Allerdings geht das Café Moser früh schlafen“, in diesem heiteren, menschenfreundlichen Ton, den es immer wieder bei ihm gibt, und den er auch zum Schluss anschlägt. Da befindet sich der Autor auf dem Rückflug, sieht über dem „herdenreichen Bayern“ aus dem Fenster, liest Zeitung, lauscht: „hier hat jemand schwedisch gesprochen“, registriert die Ansagen der „Saaltöchter der Luft“, die diese vor Salzburg nur auf Deutsch und Englisch gegeben hatten, dann „tun [sie] bis Frankfurt eine französische Fassung hinzu.“

Johnson fand Eine Reise nach Klagenfurt im Ergebnis „kahl“, aber er wusste, dass sein Gedenkbuch nicht anders geschrieben werden konnte. Er wollte nicht plaudern. Schon auf der ersten Seite zitiert er Bachmann mit den Worten: „Außerdem ist sowieso jeder Nachruf zwangsläufig eine Indiskretion“, und gegenüber Arendt bekannte er:
„Die Gesten unserer Freundschaft haben sich fortgesetzt in diesem Buch, da war also ein 'Weitersagen' undenkbar.“

  Max Frisch / Uwe Johnson, Skizze eines Unglücks / Skizze eines Verunglückten.Max Frisch / Uwe Johnson, Skizze eines Unglücks / Skizze eines Verunglückten. Mit einem Nachwort von Norbert Mecklenburg. 134 Seiten. Pappband mit Schutzumschlag. Suhrkamp Verlag, Berlin 2009. 11,80 Euro (Bibliothek Suhrkamp [Bd. 1443])
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Uwe Johnson, Skizze eines Verunglückten. 76 Seiten. Pappband mit Schutzumschlag. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1982. 4,95 Euro (Bibliothek Suhrkamp [Bd. 785]) – vergriffen


Skizze eines Verunglückten

„Wenn man wenig sagen kann den ganzen Tag über, sieht man am Abend krank aus.“
(U. J., Skizze eines Verunglückten)

Den Takt, den Johnson in seinem Buch über Ingeborg Bachmann bewies, lässt er auch in der sechs Jahre später geschriebenen Skizze eines Verunglückten walten, die als Beitrag für die Festschrift zum 70. Geburtstag von Max Frisch entstand (1981) und bald darauf als Einzelpublikation erschien. Es ist ein spätes Werk Johnsons, was seltsam klingt bei einem Schriftsteller, der zur Zeit der Abfassung erst Mitte vierzig war.

Das Buch beginnt mit einem auf „(1971)“ datierten Prolog, der den Leser umstandslos an den Ort der Handlung, New York, versetzt: „In den hunderter Straßen geht ein alter Mann abends in sein Restaurant.“ Er bestellt Kaffee und Toast, sagt „Ssänk ju“, mit „dickem deutschen Akzent“. Eine zweite Jahreszahl fällt: 1941, von Einbürgerung ist die Rede. Das letzte Wort auf der Seite, bitter, vielleicht verbittert (oder höhnisch?): „Heimweh“.

Es folgt die in zwölf kurze Kapitel gegliederte und mit Anspielungen und Zitaten gespickte 'eigentliche' Erzählung, eine mit allen Finessen stilistischer Kunst gestaltete Reflexion über eheliche Treue und außereheliche Untreue und die Bedeutung beider für eine plötzlich als fragwürdig erlebte, ins Rutschen gekommene Biographie. Der Duktus ist lapidar, verrät Gewitztheit, aber Johnson trägt ein Pokerface, und man muss schon genau lesen, um festzustellen, dass sein Blatt aus lauter Assen besteht.
Die Lebensdaten des Schriftstellers Joe Hinterhand, des Gattinnenmörders (das Urteil lautet auf Totschlag), von dem hier in schöner Johnsonscher Umständlichkeit die Rede ist, sind mit denjenigen der Johnson-Freundin Hannah Arendt identisch; der Name „Joachim de Catt“ kommt ins Spiel und lässt aufhorchen: so lautete das Pseudonym, das Johnson für die Veröffentlichung seines Romans Mutmassungen über Jakob erwogen hatte (und das Freunde ihm wieder ausredeten); Goethes Gedicht auf den Ginkgo-Baum wird zitiert, Gegenstand eines Essays von Siegfried Unseld, Johnsons Verleger; nicht zuletzt zu nennen die Stadt New York, in der sowohl Frisch als auch Johnson für längere Zeit gelebt haben. Die Intertextualität der Skizze schließt den Widmungsträger selbstverständlich mit ein, der in seinem Tagebuch 1966-1971 Fragmente einer Erzählung unter dem Titel „Skizze eines Unglücks“ veröffentlicht hatte.

Es ist keinesfalls nötig, all diesen Verweisen nachzuspüren, um der Skizze folgen zu können und die Artistik zu bewundern, die sich in ihr entfaltet. Einzigartig wie immer Johnsons Sprache, etwa wenn „neuenglische Gegenden“ in den Blick gerückt werden, in denen „weiße Häuser zierlich stehen“: ein Semikolon markiert kurzes Innehalten, dann wird die Periode weitergeführt, eins der Häuser herangezoomt, in dem „kommt das Wasser in sehr bequemen Wärmeunterschieden aus der Wand und läuft heizend rundum und jagt als Eis die Butter wie den Gin in kühlen Schreck und draußen sitzt es als Schwimmbad im weich rasierten Rasen …“ – und so geht es noch weiter über eine kleine, grandiose Seite. – Die „böse Erleichterung“ über das Wiederauftauchen verloren geglaubter Fotos, das Taumeln über einen „sanitär ausgeleuchteten Korridor“, Manierismen wie „mit wendender Post“ oder „ein leinenes Dach“ (für „Regenschirm“) – dies alles sind kleine Kostbarkeiten, die – bei allem Ernst – Johnsons Skizze zu einer beglückenden Lektüre machen.