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5. August 2014
Thomas Backs
für satt.org

»Fertig ist ein Buch eigentlich nie«
Marion Herbert über ihre Arbeit als Literaturübersetzerin

  Marion Herbert an ihrem Arbeitsplatz in Düsseldorf. Foto: Thomas Backs

Marion Herbert an ihrem
Arbeitsplatz in Düsseldorf.
Foto: Thomas Backs







Die Flut der Neuerscheinungen im deutschen Buchhandel ist in jedem Jahr gewaltig. Eine Vielzahl sind Übersetzungen, ca. 70 % davon aus der englischen Sprache.* Wie wird man/frau eigentlich Literaturübersetzer, welche Fähigkeiten sind für diesen Beruf gefragt? Diese Fragen konnte Thomas Backs an Marion Herbert stellen. Die 29-Jährige ist Diplom-Übersetzerin für Englisch und Französisch, hat den Studiengang 'Literaturübersetzen' an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf absolviert. Nach der Reform kann der Abschluss dort mittlerweile in einem Master-Studium erreicht werden, das sich über vier Semester streckt.

Marion Herbert beendete ihr Studium 2010. Seitdem übersetzt sie beruflich literarische Werke, arbeitet zusätzlich für ein Düsseldorfer Übersetzungsbüro. Zur Website von Marion Herbert kommt Ihr hier.

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Hallo Marion. Du arbeitest als freie Literaturübersetzerin und Lektorin. Wie sieht ein ganz normaler Arbeitstag für Dich aus?

Hallo Thomas! Also an einem ganz normalen Arbeitstag sitze ich zu Hause am Schreibtisch, habe einen englisch- oder französischsprachigen Roman vor mir liegen und schreibe ihn noch mal neu – aber auf Deutsch. Meine Arbeit ist vergleichbar mit der einer Autorin – ich muss auch über jedes Wort und jedes Komma nachdenken, Fakten recherchieren und den sprachlichen Stil gestalten, nur die inhaltlichen Ideen sind nicht von mir. Zwischendurch übersetze ich auch kurze Texte für die Website des Goethe Instituts Paris oder lektoriere Texte von anderen, aber das kommt eher selten vor. Natürlich fahre ich auch zu Übersetzertreffen, Fortbildungen oder Buchmessen. Außerdem muss man, wenn man selbstständig ist, immer auch Zeit für das administrative Drumherum einplanen, also E-Mails an Lektoren, Homepagepflege, Steuern etc. Ich kann mir zwar aussuchen, wann und wo ich arbeite, dafür verbringe ich aber oft ganze Wochenenden am Schreibtisch, vor allem, wenn ein Abgabetermin bevorsteht ...

Wie bist Du denn Übersetzerin geworden und wie sind Deine Erfahrungen bisher?

Ich habe in Düsseldorf Literaturübersetzen studiert und gegen Ende meines Studiums ein Praktikum im Lektorat des DuMont Buchverlags gemacht. So kam ich an meinen ersten Auftrag, danach habe ich mich bei weiteren Verlagen beworben. Die ersten zwei Jahre waren schwierig, weil ich manchmal größere Auftragslücken hatte, aber seit ich nun ein paar Kontakte zu Lektoren aufgebaut habe, kommt regelmäßig Arbeit nach, und jetzt habe ich eigentlich immer eher zu viel als zu wenig zu tun. Inzwischen konnte ich auch mit verschiedenen Prosa-Genres Erfahrungen sammeln, ich habe unter anderem Krimis, Liebesromane, Fantasyliteratur, und Klassiker (Briefe von der Erde von Mark Twain und Orlando von Virginia Woolf) übersetzt, für nächstes Jahr ist das erste Sachbuch geplant.

  »Ausgeliefert« von Geneviève Castrée
»Ausgeliefert« von Geneviève Castrée.
Übersetzung: Marion Herbert.
80 Seiten. Reprodukt, 2013
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Welches Buch hast Du zuletzt übersetzt?

Zuletzt habe ich einen sogenannten „New-Adult-Roman“ übersetzt, d. h., die Protagonisten sind junge, etwa zwanzigjährige Erwachsene. Der Roman spielt an einem College in den USA, und der Stil war entsprechend umgangssprachlich, ich musste im Deutschen also viel mit Redewendungen arbeiten und mir genau überlegen, wie Leute in dem Alter sprechen. Dabei hole ich mir oft Inspiration in der Straßenbahn oder denke an Leute, die ich kenne. Mir die Personen vorzustellen und Dialoge zu schreiben, macht mir eigentlich am meisten Spaß – das ist, als würde in meinem Kopf ein Film ablaufen.

Wie lange brauchst Du eigentlich für einen Roman?

Für einen Roman mit etwa 300 Seiten brauche ich zwei bis drei Monate, je nachdem, wie viel ich dabei recherchieren muss, wie anspruchsvoll Sprache und Stil sind etc. Aber auch vermeintlich „leichte“ Unterhaltungsliteratur hat es manchmal ganz schön in sich. Ich übersetze immer ein paar Seiten am Stück und gehe dann den übersetzen Text noch einmal Satz für Satz durch, bis ich damit zufrieden bin. Wie lange dieser zweite Durchgang dauert, ist ganz unterschiedlich, denn jedes Buch hat Abschnitte, die schneller gehen, und andere, bei denen man länger überlegen muss, z. B. bei Wortspielen. Wenn ich mit einem neuen Buch anfange, lese ich es erst einmal komplett durch, um ein Gefühl für den Text zu bekommen, und bevor ich eine Übersetzung abschließe, lese ich sie auch noch einmal ganz. Aber fertig ist eine Übersetzung eigentlich nie – man findet immer noch Dinge, die man ändern möchte, und hat bei jedem Durchgang wieder neue Ideen –, nur irgendwann muss man das Buch eben abgeben.

Gibt es neben Prosa-Werken auch noch andere Genres, die Du ins Deutsche übersetzt?

Ich übersetze neben Romanen auch Graphic Novels. Die Besonderheit dabei ist, dass nach der Übersetzung noch ein zweiter Arbeitsschritt hinzukommt: Man muss den Text so kürzen, dass er in die Sprechblasen passt – was bei der Länge der deutschen Wörter gar nicht so leicht ist. Oft muss man dann gute Formulierungen streichen, weil der Platz einfach nicht reicht. Das ist aber auch eine interessante Herausforderung und gute Übung in Kreativität, weil man dadurch eben gezwungen ist, in ganz verschiedene Richtungen zu denken und neue Lösungen zu finden. In dieser Hinsicht ähneln sich Comicübersetzungen und Filmuntertitelungen. Ich habe mal ein Praktikum bei einer Untertitelungsfirma gemacht und dort Fernsehsendungen untertitelt. Wenn die Leute schnell sprechen, muss man kürzen und kürzen, bis man den Inhalt in maximal zwei Zeilen untergebracht hat, und der Stil muss dann natürlich auch noch stimmen.

Was empfiehlst Du jungen Menschen, die Deinen Berufsweg einschlagen möchten? Was sind die Voraussetzungen, was müssen Literaturübersetzer mitbringen?

Literaturübersetzer müssen bereit sein, monatelang an einem Text herumzufeilen, auch mal eine halbe Stunde über einen einzigen Satz nachzudenken und ein Wort auch zum hundertsten Mal nachzuschlagen, um zu sehen, ob es nicht doch noch eine Bedeutung hat, an die man nicht denkt. Neben Durchhaltevermögen, Sorgfalt und einer Portion Perfektionismus sollte man natürlich Spaß an Sprachen und Literatur haben. Man muss viel und gründlich lesen – ich glaube, niemand liest ein Buch so genau wie die Person, die es übersetzt. Außerdem ist es wichtig, dass man immer wieder Zeit im Ausland verbringt, denn nur so kann man den Stil eines fremdsprachigen Romans richtig einschätzen. Dabei geht es jedoch weniger darum, dass man die Fremdsprache perfekt beherrscht (denn das ist sowieso unmöglich, dafür gibt es ja Wörterbücher), sondern das Wichtigste ist, dass man sich in seiner eigenen Sprache gewandt ausdrücken und den richtigen Ton treffen kann – und das ist auch schon schwierig genug!

Deshalb übersetzen professionelle Literaturübersetzer übrigens ausschließlich in ihre Muttersprache. Grundsätzlich kann sich jeder ein Wörterbuch nehmen und einen Roman übersetzen, ein Studium braucht man dafür nicht. Es ist aber sehr hilfreich, eine Ahnung von Literaturgeschichte und Sprachwissenschaft zu haben und das Übersetzen durch die Diskussion mit anderen Leuten zu üben. Außerdem sind Verlagspraktika vor allem wegen der persönlichen Kontakte sehr wichtig, denn anders kann man kaum an die ersten Aufträge herankommen.

  »Luther« von Neil Cross
»Luther. Die Drohung« von Neil Cross.
Übersetzung: Marion Herbert.
414 Seiten. DuMont, 2012
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» amazon

Du übersetzt aus dem Englischen und Französischen. Gibt es Werke, an denen Du gerne mal arbeiten möchtest, von denen es noch keine deutschsprachigen Fassungen gibt?

Neue, interessante Werke aufzuspüren, ist gar nicht so leicht. Der Großteil aller englisch- und französischsprachigen Bücher wird heute von Literaturagenturen direkt an die deutschen Verlage weitergeleitet, meist sogar schon Monate bevor die Bücher im Ausland erscheinen. Durch Internetrecherchen habe ich aber zufällig Requiem pour Lola rouge von Pierre Ducrozet entdeckt. Darin geht es um einen jungen Mann, der von einer Frau namens Lola auf Reisen um die ganze Welt mitgenommen wird. Ob die Reisen tatsächlich oder nur in seinem Kopf stattfinden, bleibt offen. Besonders gut hat mir dabei aber der Stil gefallen, der eine sehr interessante Mischung aus poetischen und umgangssprachlich-ironischen Formulierungen ist. Pierre Ducrozets zweiter Roman La vie qu’on voulait erzählt von der Verlorenheit junger Menschen im heutigen Westeuropa.

Hast Du in Deinem Beruf eigentlich viel Zeit für andere Bücher, die Du nicht selbst übersetzt?

Nein, viel Zeit habe ich dafür leider nicht. Aber ich lese immer noch sehr gerne! Am liebsten Bücher von Toni Morrison, Alice Munro oder Zadie Smith, um nur ein paar zu nennen – diese Autorinnen mag ich besonders, weil sie Inhalt und Sprache ganz wunderbar verbinden. Aber auch sympathische, originelle und witzige Unterhaltungsromane zu schreiben ist eine Kunst! Ich finde, ein Buch ist dann gut, wenn es mich packt, mich unterhält und mir etwas Neues zeigt, indem es mich zum Nachdenken bringt über die Welt und mein eigenes Leben.

Bald ist Sommer. Kannst Du uns aus Deinen Übersetzungen der letzten Jahre Lesetipps geben, für die Ferienzeit?

Krimilesern würde ich auf jeden Fall Luther von Neil Cross empfehlen, das Buch ist sehr spannend! Als ich es zum ersten Mal gelesen habe, konnte ich es gar nicht mehr aus der Hand legen, und die Übersetzung hat mir viel Spaß gemacht. Es geht darin um einen besonders harten Fall des Londoner Detective John Luther – die Vorgeschichte zur gleichnamigen BBC-Serie, die auch bei uns im ZDF gelaufen ist. Von den Graphic Novels hat mir Ausgeliefert von Geneviève Castrée am besten gefallen. Die Autorin ist Kanadierin und erzählt darin auf eine sehr sympathische, berührende Weise von ihrer Kindheit und Jugend als Tochter einer alleinerziehenden, überforderten Mutter. Das klingt jetzt vielleicht etwas deprimierend, aber es ist wirklich ein sehr schönes, sensibel erzähltes Buch, natürlich auch aufgrund der tollen Zeichnungen und der hübschen Handschrift der Autorin, die das Buch selbst auf Deutsch gelettert hat.

Das hört sich gut an.
Vielen Dank für das Gespräch!