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20. Juli 2014
stefan heuer
für satt.org
  Peggy Neidel, weiß
Peggy Neidel, weiß. Gedichte. Herausgegeben von Jayne-Ann Igel, Jan Kuhlbrodt und Ralph Lindner. 72 Seiten, gebunden. Poetenladen Verlag, Leipzig 2013. 16,80 Euro (Reihe Neue Lyrik, Bd. 5)
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Unbuntbereich des Kapitalismus. Peggy Neidels Lyrikdebüt weiß

Beim Lesen von Peggy Neidels im Poetenladen Verlag erschienenem Lyrikdebüt muss ich unweigerlich an meinen ehemaligen Kunstlehrer denken. Nicht, dass sie beide offensichtliche Gemeinsamkeiten hätten; Auslöser ist ausschließlich der Titel ihres Buchs: weiß. Ein zunächst mal simples Wort, aus dem sich jedoch problemlos ein über Jahre hinziehender Streit ergab, in dessen Verlauf mein Kunstlehrer nicht von seiner Behauptung abweichen wollte, Weiß und Schwarz seien keine Farben – wobei jeder, der sich auch nur etwas, über Johannes Itten hinaus, mit der Farbenlehre beschäftigt hat, weiß, dass Schwarz und auch Weiß eigenständige Farben des Unbuntbereiches sind, die ausdrücklich nicht als das Fehlen von bunten Farben zu verstehen oder auf dieses zu reduzieren sind (was selbstverständlich ebenso für die Skala der Grautöne gilt).
Weiß, das kann man für öde halten, aber, auch ohne die inzwischen widerlegte Legende von den Eskimos und ihren 250 Wörtern für Schnee zu bemühen: Wer sich wie ich mit Malerei beschäftigt, der weiß, dass Weiß nicht gleich Weiß ist. Allein im Bereich der Öl- und Acrylmalerei gibt es zahlreiche Weißtöne (unter anderem Zink-, Titan-, Lasur-, Perl-, Mineral-, Struktur- und Deckweiß, um nur einige zu nennen), die sich im Erscheinungsbild, je nach Auftrag und Malgrund, deutlich voneinander unterscheiden.
Ich assoziiere die Farbe Weiß also keineswegs mit Bedeutungslosigkeit oder Langeweile, sondern mit einem guten, ungezwungenen Anfang. Weiße Leinwand, weißes Blatt: alles möglich, alles offen, alles drin. Aber eben auch noch Weiß, das mit Leben gefüllt werden muss. Man muss etwas daraus machen – und Neidel macht was draus.

Ich hatte mich darauf eingestellt, dass weiß eventuell eine gemischte Tüte sein könnte, gefüllt mit den besten Gedichten der letzten Jahre, ein stilistischer und vielleicht auch thematischer Mix. Aber nix da! weiß ist kein Sammelsurium, sondern ein extrem homogener Gedichtband auf hohem Niveau, der einem sehr eigenen Ton folgt, vielschichtig und tief, und bereits einen Sound hat, den viele erst mit ihrem soundsovielten Buch erreichen.
Wer sich darauf einlässt, ist schnell gefangen – und muss hartgesotten sein, denn die Gedichte haben eine unerwartete Brutalität, die beeindruckt. Bei einem ersten schnellen Lesedurchgang wirken viele von ihnen zwar, nun ja: harmlos. Ein tiefergehender Blick aber zeigt gesellschaftliche und soziale Entfremdung, Zwiespalt, Selbstverleugnung, Fremdbestimmtheit, Auflösung.

eine schicht nach der anderen werfen sie mir über
irgendwann bin ich blind, leerstellenfrei
sie verteilen ohrfeigen
um zu sehen, ob ich noch atme
gleichzeitig türmen sie auf
und pfeifen marschmelodien
spezifizieren sie sich
nichts wäre mir lieber
müde verschwinde ich hinter bergen von material
beginne damit, unwesentlich zu sein

Überschüttet mit Material, das der Entfremdung dient; ein- und ausgeschaltet wie eine Maschine; wie betäubt und darauf angewiesen, dass die Schuhe den Weg finden. Und: „... // wenn es kein schicksal gibt / wer ruiniert hier eigentlich wen?“
Das ist stark.

Gerhard Falkner resümiert in seinem 1993 erschienenen Text- und Porträtband Über den Unwert des Gedichts: „Ein Gedicht zerbricht nicht am Schmerz, wohl aber an der Heuchelei.“
Wenn dem so sein sollte, so hat Peggy Neidel nichts zu befürchten.