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Die Box




1. Juni 2014
Anja Kümmel
für satt.org
  Alexander Graeff, Kebehsenuf.
Alexander Graeff, Kebehsenuf. Mit Illustrationen von Gerlinde Meyer und einem Nachwort von Jan Kuhlbrodt. 120 Seiten, Softcover. Verlagshaus J. Frank, Berlin 2014. 13,90 Euro.
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Klassische Moderne, aktualisiert.

In seinem Erzählungsband „Kebehsenuf“ bietet Alexander Graeff einen zeitgemäßen Rückgriff auf die Reflexionsprosa des Expressionismus

Wenn Heinrich und Fernando zusammen Urlaub machen, dann hört sich das bei Alexander Graeff so an: „Zwei Schriftsteller kommen zur Hochzeit einer Tierfamilie“ – das Surreale, Kryptische ist sogleich mit von der Partie. Auf der nächsten Seite klären sich die Verhältnisse, zumindest deren äußere Umstände: Wir befinden uns in Griechenland im Jahre 1939.

Ziemliche Schwerenöter scheinen die beiden Gäste zu sein, die nicht nur Unmengen von Wein und Rauschmitteln konsumieren, sondern auch jede Frau, die ihnen begegnet, mit Blicken und Worten abtasten nach ... Ja, was eigentlich? Ganz offensichtlich geht es hier nicht allein um die Anhäufung erotischer Abenteuer, sondern vielmehr (wie die beiden später erörtern) um die Suche nach dem „Ich bin“, verkörpert durch ein weibliches Gegenüber – den Eros also, verstanden im philosophischen Sinne als Erkenntnisdrang oder Wahrheitsstreben.

Heinrich und Fernando sind „Suchende (...), die es in sich brodeln spüren“, und damit prototypische Figuren in Graeffs neuem Erzählband Kebehsenuf, der soeben im Berliner Independent-Verlag J.Frank erschien. Nicht alle seiner Protagonisten sind grüblerische Einzelgänger; doch selbst den Lebemenschen unter ihnen ist die sinnliche Erfahrung der Welt unmöglich ohne deren fortwährende Reflexion und Versprachlichung. Und spätestens beim Thema „Sprache“ angelangt, dürfte literaturbeflissenen Leser_innen aufgehen: Heinrich ist niemand Geringeres als ein fiktionalisierter Henry Miller, in den der Geist Fernando Pessoas gefahren ist.

Der fluide Übergang zwischen Leben und Tod gehört zu den Leitmotiven in Kebehsenuf – kein Wunder, bezeichnet „Kebehsenuf“ doch einen der vier Kanopengötter aus der altägyptischen Mythologie, den Schutzgott der Toten, der zugleich als Medium zwischen Leben und Tod fungiert.
Auch der Protagonist in „Schlaf mich weg“, dem kürzesten Text des Bandes und zusammen mit dem erstgenannten ein Glanzstück unter den insgesamt sechs Erzählungen, strebt nach Auslöschung.
Zu diesem Zweck wagt er ein wahnwitziges Selbstexperiment: Jede Nacht will er eine Stunde länger schlafen, um auf diese Weise schließlich der Welt zu entfliehen. In seinen kurzen, fiebrigen Einträgen verschwimmen zusehends Traum- und Wachzustand. Auf dem Nachttisch wartet, zu unbekannter Verwendung, ein (noch) ungeladener Revolver.

Leicht zugänglich sind die Texte von Alexander Graeff (Jahrgang 1976 und studierter Philosoph) nicht gerade. Schon der exotische Titel, den der Autor für seinen nunmehr dritten Erzählband wählte, dürfte sich den meisten erst durch Nachschlagen bzw. Googeln erschließen.
Eine weitere Hürde – oder, je nach Betrachtungsweise, einen angenehmen Überraschungseffekt – stellt die antiquiert wirkende Sprache dar, die sich auffällig abhebt von der lakonischen Coolness der meisten deutschsprachigen Gegenwartsprosa.
Verweise auf okkulte Ideen von Entkörperung und Geisterbeschwörung, mythologische, linguistische und literaturwissenschaftliche Anspielungen ziehen sich durch die Texte. Ein Grundwissen in diesen Gebieten ist zwar keine Voraussetzung, hilft jedoch ungemein dabei, durch die bloße Handlung hindurch zu tieferen Bedeutungsebenen vorzudringen.
Dabei mangelt es den Texten durchaus nicht an Identifikationspotential. So geht es in der Titelstory „Kebehsenuf“ um eine dysfunktionale Familie, die den Selbstmord des Sohnes bzw. Bruders zu verarbeiten hat. Während der Vater mit medizinischen Fachausdrücken um sich wirft, die das Schicksal des Sohnes greifbar machen sollen, sitzt die Mutter stumm daneben und hält sich an ihrer Kaffeetasse fest. Es ist die Schwester, die schließlich den Ausbruch wagen wird. Im alten Kinderzimmer findet sie ein Bündel nie abgeschickter Briefe, in denen der Verstorbene sie zu alternativen Lebensentwürfen anregt, ja geradezu drängt, „nicht nur eine Andersdenkerin, sondern auch Andersmacherin“ zu werden.

In den meisten Geschichten gelingt Graeff eine ausgewogene Balance zwischen Erzählerischem und Essayistischem, Alltäglichem und Transzendentalem, sinnlicher Erfahrung und theoretischer Reflexion. Nur selten hemmen überlange Dialoge oder allzu philosophisch abgehobene Monologe den Erzählfluss. Doch selbst wenn einige dieser Passagen ermüden – belehrend wirken sie nie.
Graeff verlangt seinen Leser_innen einiges ab. Dazu gehört auch, dass er das Denken ganz ihnen überlässt. Programmatisch hierfür könnte die Aufforderung des toten Adam Kardamom an seine Schwester stehen, mit denen er seine Briefe schließt: „Vergiss nicht, Du lenkst den weiteren Verlauf“.