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Die Box




26. November 2013
Karl Piberhofer
für satt.org
  Lyrik-Taschenkalender 2014
Lyrik-Taschenkalender 2014. Herausgegeben von Michael Braun. Mit Beiträgen von Urs Allemann, Nico Bleutge, Michael Braun, Bianca Döring, Kurt Drawert, Gerhard Falkner, Eckhard Faul, Simone Kornappel, Christian Lehnert, Klaus Merz, Brigitte Oleschinski, Kerstin Preiwuß, Silke Scheuermann, Axel Sanjosé, Lutz Seiler, Kathrin Schmidt, Christian Uetz, Ron Winkler und Henning Ziebritzki. 160 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2013. 15,80 Euro
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Was ein Gedicht alles kann. Der Lyrik-Taschenkalender 2014

Nein, man steht nicht „wie der Ochs vorm Berg“, wenn man Gedichte liest.
Der Widerwille, sich auf Gedichte einzulassen, der in unserem Land schon in der Schule geweckt wird, gehört wohl mittlerweile zum selbstbezüglichen Habitus derer, die in Deutschland das Sagen haben oder meinen, sie hätten etwas zu sagen.
Selbst das gehobene Feuilleton, wie das der ZEIT, hat alle Neugier verloren und geniert sich nicht, Lyrik zu ignorieren. In ihrer Literaturbeilage (Herbst 2013) werden angeblich „[d]ie wichtigsten Neuerscheinungen des Herbstes“ vorgestellt, aber kein einziger Gedichtband ist darunter. Auch in der Auswahl der „20 Bücher“, die man für den „INTELLEKTUELLEN SMALL TALK“ „unbedingt lesen sollte“, kommt Poesie, kommt Lyrik nicht vor.

Dabei kann man nur staunen, was ein Gedicht alles kann. Wie darin Sprache zur Sprache gebracht wird. Wie darin mit Sprache Sprachgrenzen verschoben werden oder – wie es in diesem Lyrik-Taschenkalender für das Jahr 2014 an einer Stelle heißt:

„Gedichte sind Strömungsformen, die weiter reichen als Sprachgrenzen.“

Allerdings finden sich Sprachwunder, die Gedichte hervorbringen können, selten in einer solchen Dichte wie im vorliegenden Taschenkalender. Unbeschreibbar und ohnegleichen: „Tragik“ von Selma Meerbaum-Eisinger.

Ja, es ist ein Kalender: Für jede Woche findet sich ein Gedicht samt Kommentar.
Das Kalendarium ist jedoch nur das kleine Plus, das man als solches nutzen und stets in der Tasche bei sich haben kann.
Aber man lasse sich nicht täuschen. Dieser als Kalender verkleidete Gedichtband ist vielmehr eine Lyrik-Anthologie erster Güte. Und als Anthologie das Ergebnis eines Gemeinschaftsunternehmens 17 zeitgenössischer Dichter(innen), zu dem sie der Herausgeber Michael Braun eingeladen hat, indem er jeden Autor und jede Autorin mit einem Gedicht vorstellt und sie eingeladen hat, jeweils zwei Lieblingsgedichte deutscher Sprache auszuwählen und kompakt zu kommentieren.
Hatte dieses Verfahren schon bei der Premiere mit dem ersten Jahrgang 2013 einen tiefen Einblick in die substantielle Produktion der gegenwärtigen Literaturszene geboten, so übertrifft die diesjährige Auswahl die geweckten Erwartungen noch.

Das beginnt gleich mit der ersten Kalenderwoche. Man kann es durchaus programmatisch lesen, wenn Henning Ziebritzki den Kommentar zu dem von ihm ausgewählten, präzisen Schlaflosigkeitsgedicht „In der Frühe“ (Eduard Mörike) so einleitet: „Die Selbstreflexion ist so hauchfein, so messerscharf wie die Sprache.“
Wie er im weiteren Mörike vorstellt, eröffnet einen überraschenden Zugang zu diesem Dichter des 19. Jahrhunderts, „der den Geist im Buchstaben findet“, und macht Lust auf mehr.

Und dieses Mehr bietet der Lyrik-Taschenkalender im Überfluss. Man findet Gedichte, die kompakt und gewichtig wie Skulpturen wirken (Inge Müller), die textuelle Körper sind und Vexierbild, bei dem die inwendige Ecke nach außen umspringt und umgekehrt, („the beautiful is perhaps the first uniform (...)“ / Simone Kornappel).

Man landet „am grab“ der Mutter und folgt mit der Zahl der Buchstaben der erstaunlich wenigen Worte, die Urs Allemann dafür braucht, in die Tiefe nationaler Mentalitäten.

„Wir fuhren achtspurig in Paris ein“ (Björn Kuhligk) – das Gefühl, das diese erste Zeile eines Liebesgedichts evoziert, das bleibt. Das bleibt wie: „Die Augen ... Sie zünden übers Meer entfernte Seelen an / Und Herzen / denen sich kein Eyß vergleichen kann“, diese unvergleichlichen Zeilen aus dem 17. Jahrhundert, die Nico Bleutge auf- und so einleuchtend dargetan hat, ebenso wie: „das Meer: das nicht mehr Tag noch Nacht ist sondern Zeit.“ (Wolfgang Hilbig).

Welch starke Entdeckung: „Wenn der lahme Weber träumt, er webe“ (Clemens Brentano), „eines der kunstvollsten und formvollendetsten Gedichte, die es gibt“, (Gerhard Falkner), dessen literarische Qualität sich aus der Sublimation unerträglicher gesellschaftlicher Verhältnisse speist, die wenige Jahre nach Entstehung des Gedichts im Weberaufstand 1844 münden. Seine Schwester Bettina von Arnim, die nach seinem Tod Clemens Brentano's Frühlingskranz herausgegeben hat, wird denn auch verdächtigt, den Aufstand angestiftet zu haben, wie ich, neugierig geworden, bei einer kurzen Recherche erfahre.

Der Kalender bietet zahlreiche verblüffende Entdeckungen und lässt unvermutet „poetische Korrespondenzen“ aufscheinen, die sich festhaken, weiterwirken.

„Mit den schweren Basiswörtern romantischer Poesie“, „Tod, Himmel, Nacht, Herz“ (Michael Braun), gelingt Bianca Dörings Gedicht „Wandlungen“ ganz ohne Klischee – „ich bin erwacht voll Atem und Gesang.“

„Die Wellen meiner bunten Räusche sind verdampft[.]“, so leitet Hugo Balls Freund Hans Leybold – vorgestellt von Eckhard Faul – sein „Ende“ ein: „In mein Gehirn hat eine maßlos große Faust sich eingekrampft.“
Dieser Hirnkrampf als Folge des ersten Weltkriegs, so möchte man hinzufügen, setzt seither immer mal wieder ein im Denken und Dichten in Deutschland. Die Wirkungsmächtigkeit der Quelle dieser Metapher und des Menetekels aus dem Jahr 1914 spürt man bis ins Heute.

„Menschen trinken in der Schenke ... ewig leuchtende Getränke, ewig aneinander lehnend“ (Ernst Blass) – versinkt dieses bleibende Bild nicht in der Vergangenheit angesichts der heutigen Kommunikationsverlagerung ins Internetcafé, den „downloadshop“ (Ron Winkler)?

Wie ein Manifest aufs ganze Leben: „was brauchst du?“ (Friederike Mayröcker) – das Herzstück vielleicht dieses Vademecums: „Das Gedicht wirkt so einfach, es könnte fast von einem Kind gesprochen sein.“ Nein! Sage ich zu dieser Interpretation im Kommentar von Silke Scheuermann. Ja, „es ist weise.“ Ja, es ist „einfach“, weil hier die Weisheit einer Dichterin zu uns spricht, die sich das Empfinden des Kindes bewahrt hat.

Paul Scheerbart: „Mein Herz ist über und über voll!“ – „Ich weiß nicht, was ich Dir sagen soll“. Na ja, kaufen, lesen, verschenken: Dieser Kalender reicht weit, weit hinaus über 2014!