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Die Box




8. Mai 2011
Daniel Ketteler
für satt.org
  Stefan Heuer: Firnis. Roman.
Stefan Heuer: Firnis
Verlagshaus J. Frank 2010
188 Seiten, 24,90 Euro
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Kunst und Kumpel
Stefan Heuers grundehrlicher Roman »Firnis«

Beim Lesen von »Firnis« frage ich mich ständig, was einen eigentlich so hineinzieht in diese auf den ersten Blick recht behäbige Prosa? Der Plot ist schlicht: Da ist ein Möchtegernschriftsteller in einem kleinen Ort in der Provinz – nichts los. Also zimmert sich der Berufsjugendliche aus seinem bescheidenen Erbe neben einer Eigentumswohnung eine Pseudo-Bohemienexistenz zusammen. So etwas kann schnell albern wirken, ins komödiantische abgleiten. Aber ein geradezu stolzer Ernst schwebt über dem Geschehen. Sicher, die verbalen Pointen der Protagonisten überschreiten nicht selten die Schenkelklopferschmerzgrenze. Aber genau hier liegt das Kalkül. Nie ist man sicher, meint der das eigentlich ernst? Ist es Autor oder Protagonist der da spricht? Das ist zugleich die Spannung dieses schmalen Romans. Ein Künstlerroman. Natürlich, man kann sich klar und angstvoll von den Jungkünstlern dieser Welt distanzieren, aus dem fernen Berlin über die Möchtegerns lästern. Nicht so Heuer, voller Sympathie (und Selbstidentifikation) skizziert er seine Figur Michael. Michael ist so ein Künstler, vielleicht gar ein Alter Ego, und bei aller Konstruiertheit dieses Lebensentwurfes wirkt er realistisch. Michael und sein Freund Joachim verbindet, neben den üblichen Kumpeleien, eine echte Künstlerfreundschaft. Joachim wiederum ist Auftragsmaler (Blumenarrangements). Im Zentrum dieser Freundschaft, teils blödelnd oberflächlich und dennoch voller tiefer Sympathie, kreist der Wille zur Kunst. Am Rande Frauengeschichten. Eifersüchtig wird jede Frau beäugt, die sich der Freundschaftsbeziehung nähert (und diese gefährdet). Am Abendbrottisch werden die alten Bekanntschaften analysiert. Jungenhaft harmlos wirken die Eskapaden, Amsterdam (Rotlichtviertel, nur beäugt), solch kleine Thrills prägen den Alltag der beiden Herren. Und, bei aller Selbstverblendung, genau hier steckt die gnadenlose Ehrlichkeit gegenüber dem Kunstbetrieb und seinen ständig selbst geschürten Illusionen. Diese, immer noch hartnäckig im Feuilleton tradiert, werden von Heuer mit einigem Genuss an die Wand genagelt. Hierin steckt die wohltuende Aggression des kleinen Romans. Sind wir nicht alle ein bisschen Joachim oder Michael? Sind unsere Bilder vom Künstlerleben nicht geprägt von der hehren Idee eines einsam dahinbrütenden, unentwegt kluge Dinge parlierenden Großtadtbohemiens? Heuer konterkariert diese Zeichnung, diese Religion, die Klischees, und ersetzt sie durch Klischees einer Männerfreundschaft, Kunst als Jungssport, als eine kompetitiv sublimierte Kreativhomosexualität. Trotz aller verkappten Spießigkeit sind die Figuren umso wahrere Künstler, klinken sich aus aus jedem ordinären Alltag, leben ihren Weg für die Kunst. Kunst auf dem Campingplatz: und schon steht »das Zelt drei Biere später im Schutz der dichten Ligusterhecke.« Pseudobürgerlichkeit schleicht sich ins Leben der Mittdreißiger, ein kleiner Traum von Behaglichkeit. Die Illusionen, sie haben ausgedient und sind doch präsenter denn je. Das kann dieses Buch sagen. Schriftsteller, schreibt endlich über euer Leben, aus eurem Leben, über die Langeweile, das Konstruierte daran, über das »sich Schämen« auf den eigenen Vernissagen und Lesungen, die Suche nach einem leidigen Brotjob, die Langeweile des Alltags, das Warten auf einen Auftrag oder einen wahnsinnigen Verlag, der die eigenen unverkäuflichen Manuskripte annimmt. Ständig verheddert sich Michael in neue, nerdige Romanideen. Die muss er seinem Kompagnon sogleich mitteilen und ebenso schnell wieder verwerfen, denn: »Um es mit dem großen Philosophen Stefan Sulke zu sagen: Im Grunde klingt die Story schrecklich simpel! Ich habe aufgehört und habe jetzt mit der Arbeit an einer neuen Kurzgeschichte begonnen.«

Das zutiefst Authentische, das vermeintlich Simple an diesem Buch nimmt einen mehr und mehr in Beschlag, die Leichtigkeit des Duktus entspricht einer schnellen Popballade (Sulke), auch das mögen Kritiker monieren, aber hier will niemand ankommen, sich keine weiteren Liebesgeschichten über pubertäres Gefummel an polnischen Seen aus dem Tiefenhirn zerren, hier geht es erstmal nach Frankfurt, z.B. zum Burger King. Entspannen vom Kreativstress. Dann freut sich der junge Autor in der Schirn über Peter Doigs farbenfroh-entrückte Welt. Die waren Künstler, die hängen im Museum, da ist kein Drankommen. Zuhause leben die Kreativarbeiter, ob in Berlin oder sonstwo. Judith taucht auf und wieder ab, eine Verheißung, eine Frau, die den Weg in den grossen Markt öffnen wird, diffuse Auftraggeber locken im Hintergrund. Und am Ende ist doch nur wieder alles Geschwätz, nach einigen Finten, da landet man doch wieder auf den Füßen, neben einem kalten Bier – und einem etwas älter gewordenen Freund.