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Die Box




13. April 2011
Felix Giesa
für satt.org

Bilderbücher Umschau
Frühjahr 2011 (Teil 2)

‚Frühkindliche Bildung’ ist ja so eins dieser Wortgebilde, die auch eine Anwartschaft auf das Unwort des Jahres verdient hätten. Gemeint ist damit ja nichts weiter, als das Kinder in ihren ersten Jahren über das größte Lernpotential ihres ganzen Lebens verfügen. Und dieses nutzen sie von ganz allein, man sollte ihnen nur keine Steine in den Weg legen, viel mehr ein breites Angebot bieten. Der Rest ergibt sich dann von ganz allein. Doch ganz nachteilig ist diese Entwicklung nun doch nicht; wie schon berichtet, gibt es immer mehr und immer bessere Bücher für kleine Kinder. Naturgemäß will jeder Verlag etwas vom großen Kuchen ‚frühkindliche Bildung’ und naturgemäß ist bei diesem Ausstoß auch viel nicht so gelungenes dabei. Aber eben auch viel Gutes. Eine kleine Umschau soll Eindrücke vermitteln.

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  Mako Taruishi: Mir ist so heiß!
Mako Taruishi: Mir ist so heiß!
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Moritz Verlag 2011, 26 S., € 8,95
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Abkühlung bitte!

Vermutlich eignet sich kaum etwas mehr für das Erlernen erster erzählerischer Verknüpfungen im Buch als ein immer wieder kehrender Klamauk. Schließlich ist er Kindern selber so nah; anders kann man sich nicht erklären, wie sie sich auch beim zigsten ‚Kuckuck’ noch schlapp lachen können. Ein guter Witz und Wiederholungen sind also schon einmal ein guter Ausgangspunkt für ein gelungenes Kleinkindbuch. Bei Mako Taruishi sind die weiteren Voraussetzungen eine große, weite und besonders heiße Wüste. In dieser irrt – von allen Tieren! – ein Pinguin umher auf der Suche nach Schatten. Als er den findet, ist die Erleichterung von kurzer Dauer, denn den Schatten spendete eine Robbe(!). Und so machen sie sich zu zweit auf die Suche nach Schatten, die Wiederholungen nehmen ihren Lauf. Hier kommt nun das entscheidenden Element hinzu: die Steigerung, gelegentlich auch gepaart mit der Übertreibung (so auch im ebenfalls tollen und als Leporello auch viel anschaulicherem Zu Hilfe! im gleichen Verlag). Natürlich werden die Schatten und damit die Tiere, die ihn spenden, immer größer. Ist man anfangs noch von der grellen gelb-orangen Wüste Taruishis geblendet, scheint die Wüste bei ihr tatsächlich zu leben. Mit einfachsten gestalterischen Mitteln gelingt es ihr, die Tiere so sehr unter der Hitze leiden zu lassen, das einem selber ziemlich warm wird; wenn sich dann alle im Schatten und der Abkühlung nahe wähnen, möchte man am liebsten ebenfalls alle Viere von sich strecken. Es ist wohl echte Könnerschaft, einen Elefanten schwitzend, beleidigt, freudig und – schwimmend abbilden zu können, ohne dabei in Richtung Kitsch abzudriften.

Mako Taruishi: Mir ist so heiß!

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  Judith Drews: Anton findet was
Judith Drews: Anton findet was
Beltz 2011, 14 S., € 5,95
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Heldensachen

Mit Judith Drews Anton-Büchern ist dem Beltz Verlag ein echter Kassenschlager für den Pappbilderbuchbereich gelungen. Seit vor einem Jahr mit Antons ganze Welt ein dicker Wälzer (für Pappbuchverhältnisse) mit Antons (Alltags)Abenteuern erschien, folgen halbjährliche weitere Episoden aus seinem Leben. Dabei ist das gar nicht mal so aufregend, wenn er mit Freunden das Zimmer auf den Kopf stellt, mit den Geschwistern spielt, mit den Großeltern spazieren geht oder in der Bibliothek sitzt und Bilderbücher durchblättert. Aber für kleine Leser ist es doch eine erstaunliche Erkenntnis, dass man nicht der einzige auf der Welt ist, der all diese Erfahrungen und, ja, Abenteuer macht. In diesem Frühjahr nun ist Anton krank und er findet was. Das eine mag weniger auf- als zerreibend sein, aber etwas finden ist immer gut (auch wenn der Band besser ‚Anton geht in den Wald’ hieße). Den einfachen und klaren Zeichnungen von Drews gelingt eine ausgewogene Balance zwischen graphischer Verspieltheit und optischer Eindeutigkeit, die bereits von Zweijährigen gut erschlossen werden kann. Drews Hase Anton ist dabei im Pappbilderbuchbereich kein Einzelfall, längst haben sich eine Vielzahl anderer Reihen etabliert, etwa Jutta Bauers Bärin Emma oder Rotraud Susanne Berners Hase Karlchen. Dabei variieren die Themen grad so, dass man sich alle Reihen zulegen möchte, und die anvisierte Zielgruppe so, dass man es auch könnte. Es ist sicherlich keine Binsenweisheit, dass einen sympathische Serienfiguren fesseln und nachhaltig im Buchumgang prägen können. Dass sich immer wieder die besten Illustratorinnen daran machen, Bücher für erste Leser zu gestalten ist da von unschätzbarem Wert.

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  Walter Trier und Ebi Naumann: Crazy People
Walter Trier und Ebi Naumann: Crazy People
Dressler Verlag 2011, 64 S., € 12,95
ab 3 Jahren
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Verrückte Menschen

Walter Trier, der Haus- und Hof-Illustrator Erich Kästners, ist wie Kästner ein Garant für einen erfolgreichen Buchverkauf. Und wenn dann Titel aus dem Fundus des Zeichners auftauchen, die noch nicht hierzulande publiziert wurden, ist das für den Freund und Sammler natürlich eine schöne Sache. Nachdem im vergangenen Jahr Der lustige Dampfer mit Reimen von Harry Rowohlt erschien, liegt nun Triers Crazy People mit Versen von Ebi Naumann vor. Es ist ein dreiklappiges Hin-und-Her-Klapp-Buch und als solches natürlich nichts Neues und dürfte es auch 1950, bei seinem ersten Erscheinen in London nicht gewesen sein. Aber natürlich sind Triers Zeichnungen zeitlos schön und Ebi Naumann gelingt mit seinen Versen ein lustiges Reimspiel für alle 8192 möglichen Figurenkombinationen. Ein schlichtes Buch, das gerade deswegen gefällt.

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  Anne Geelhaar und Inge Gürtzig: Backe, backe Kuchen
Anne Geelhaar und Inge Gürtzig:
Backe, backe Kuchen

Beltz Verlag 2011
12 S., € 5,95
ab 2 Jahren
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Unsere kleine Sandbäckerei

Ebenfalls in die Kategorie ‚wiederentdeckt’ darf man Backe, backe Kuchen aus dem ehemals ostdeutschen, jetzt zu Beltz gehörenden, KinderbuchVerlag zählen. Fast 50 Jahre nach der ersten Veröffentlichung haben die sommerlich-satten Farben nichts von ihrer Eingänglichkeit verloren. Anne Geelhaar, eine der großen im Kinderbuchbereich der DDR, findet eigene Worte für den bekannten Kinderreim, den die Illustratorin Inge Gürtzig ganz selbstverständlich in den Sandkasten verlegt hat. Mit „Was backen wir? Eins, zwei, drei, vier, fünf wunderschöne Torten und Plätzchen aller Sorten“ verbindet sich das frühe poetische Erfahren von Sprache mit dem lukullischen Genuss. Die mit kräftigem Strich und flächigen Farben gestalteten Sandkuchen und -hörnchen werden sogleich serviert: „Kasperle, Ente, Teddybär! Jetzt könnt ihr versuchen.“ Wenn jetzt die Nachmittage wieder wärmer werden, wird man sie allerorts wieder beobachten können, die kleinen Sandkastenbäcker. Hier ist ein Buch für alle, die nicht genug davon bekommen können.

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