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Die Box




5. April 2011
Felix Giesa
für satt.org

Bilderbücher Umschau
Frühjahr 2011 (Teil 1)

‚Frühkindliche Bildung’ ist ja so eins dieser Wortgebilde, die auch eine Anwartschaft auf das Unwort des Jahres verdient hätten. Gemeint ist damit ja nichts weiter, als das Kinder in ihren ersten Jahren über das größte Lernpotential ihres ganzen Lebens verfügen. Und dieses nutzen sie von ganz allein, man sollte ihnen nur keine Steine in den Weg legen, viel mehr ein breites Angebot bieten. Der Rest ergibt sich dann von ganz allein. Doch ganz nachteilig ist diese Entwicklung nun doch nicht; wie schon berichtet, gibt es immer mehr und immer bessere Bücher für kleine Kinder. Naturgemäß will jeder Verlag etwas vom großen Kuchen ‚frühkindliche Bildung’ und naturgemäß ist bei diesem Ausstoß auch viel nicht so gelungenes dabei. Aber eben auch viel Gutes. Eine kleine Umschau soll Eindrücke vermitteln.

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  Antje Damm: Kindskopf
Antje Damm: Kindskopf
Gerstenberg 2011
26 Pappseiten, Euro 7,95
ab 2 Jahren
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Was (oder wie?) Kinder denken

Antje Damm ist mit ihren Pappbilderbüchern so etwas wie die Kinderversteherin unter den ansässigen BilderbuchkünstlerInnen. Somit gestaltet sie eigentlich viel eher Bücher für die Eltern von kleinen Kindern, könnte man meinen, denn ihre Bücher vermitteln dem erwachsenen Leser wie es ausschaut, in der Kinderwelt. In ihrem neuen Buch erklärt sie uns, wie er so funktioniert, der Kindskopf. Und so erklärt das kleine Mädchen, in seinem Kopf gebe es Dünger, damit die Haare schön sprossen; Vulkane, die ausbrächen, wenn man keine rosa Schuhe kriegt und sogar einen Schrank mit vielen Schubladen, damit man Ordnung in den vielen Gedanken habe. Schließlich noch eine Sortiermaschine, welche die vielen Buchstaben der vielen Gedanken sortierte. Graphisch erinnert Kindskopf an die Räuberkinder, mit dem Antje Damm vor zwei Jahren ihre Urenkel des Struwwelpeters vorstellte. Große doppelseitige Tableaus bieten viel Platz zum fabulieren, will heißen erklären. Anders als bei Räuberkinder sind Bild und Schrift miteinander verwoben, man könnte auch davon sprechen, dass die Erklärungen aus einem Guss sind. Und so sprießen und ranken sich die Haare dank des Düngers quer über die ganze Doppelseite, der Vulkan macht dem Eyjafjallajökull alle Ehre und comicbegeisterte Eltern begreifen auch endlich, wie das mit den Sprechblasen funktioniert – was das Büchlein für mich allein schon lesenswert macht.

Antje Damm: Kindskopf

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  Yvonne Hergane und Christiane Pieper: Einer mehr
Yvonne Hergane
und Christiane Pieper:
Einer mehr

Peter Hammer 2011
24 Pappseiten, Euro 12,90
ab 2 Jahren
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1, 2, 3 – immer einer mehr

Eigentlich ist das ja ganz einfach mit dem Zählen: Man beginnt mit einem und dann kommt immer einer mehr dazu. So plausibel handhabt das auch Autorin Yvonne Hergane. So sitzen in dem von Christiane Pieper illustrierten Buch statt einem auf einmal zwei Kinder in dem Planschbecken, dann drei, was schon einer zuviel ist für das Becken. Aber dann kommt noch einer dazu und zu viert weint man sich dann die Augen aus dem Kopf ob des platten Beckens. Immer einer mehr ist es, bis auf einmal, da mag „keiner Wüste“ und „einer Meer.“ Aus dieser ganz alltäglichen Situation, denn das ist sie, man schaue sich nur einmal Kinder auf dem nächsten Spielplatz an, wird hier ein unterhaltsames Spiel mit dem Zählen und der Sprache. Für dieses Spiel wurden die richtigen Bilder gefunden: klar und übersichtlich im Aufbau, keinerlei Schnörkel und ‚schmückende’ Ergänzungen finden sich, dazu helle, kontrastive Farben, die eine genaue Unterscheidung der immer mehr Figuren gut ermöglicht. Dass die Autorin dieses Abzählbuches dabei auf jedweden didaktischen Impetus verzichtet, muss wohl kaum noch erwähnt werden.

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  Jana Wilsky: ABC-Buch
Jana Wilsky: ABC-Buch
Bloomsbury 2011
32 Pappseiten, Euro 12,95
ab 3 Jahren
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A, b, c – welches Tier lief hier im Schnee?

Um es vorweg zu sagen, die Katze lief hier nicht im Schnee. Aber das ABC-Buch von Jana Wilsky macht genau das, sie paart jeweils einen Buchstaben mit einem Tier. Das Prinzip ist so alt, wie die ersten Bücher für Kinder und seit Jahren findet es im Schriftspracherwerb in den Schulen als sogenannte Anlauttabelle Verwendung. Wilskys ABC ist quasi eine solche Tabelle auf Buchformat umgebrochen – und zeugt von einer größeren künstlerischen Kreativität. Dabei beschränkt sich die Zeichnerin nicht nur auf je eine Schrifttype bei den Buchstaben, ihre Seiten quellen über mit typographischen Schöpfungen, die sie mit filigranen Bleistift- und Tuschezeichnungen paart. Da hat sich die Spinne ein Netz aus unzähligen ‚S’ gesponnen, die Libelle hinterlässt auf ihrem Flug eine Spur kleiner ‚L’s und der Tiger streift durch die ‚T’-Savanne. Solche ABC-Bücher sind natürlich auch immer ein Stück weit ein Bestiarium und Jana Wilsky grenzt sich von profaneren solcher Titel durch ihre Auswahl der Tiere ab; was sicherlich einen weiteren Reiz ausmacht. Denn die Qualle werden Kinder vielleicht noch schnell erkennen, beim Uhu, im Unterschied zum Vogel auf der gegenüber liegenden Seite, wird es schon schwieriger, Otter und Yak schließlich werden zu echten Problemen. Was für ein Tier sich jedoch hinter dem ‚X’ versteckt, dürfte indes nur der Privatzoo der Zeichnerin preisgeben.

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  Die Krikel-Krakels: Das bewegte Buch
Die Krikel-Krakels:
Das bewegte Buch

Oetinger 2011
80 Seiten, Euro 12,95
ab 3 Jahren
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„Küss doch mal den großen Frosch“

Das Zeichnerkollektiv Die Krickelkrakels, dem unter anderen so illustre Leute wie Simon Schwartz oder claire Lenkova angehören, hat bereits mit seinen Krikel-Krakel-Büchern, Weitermal-Büchern, wie sie seit einiger Zeit vermehrt zu haben sind, von sich Reden gemacht. Nun legen sie also ein weiteres Buch vor und das Bewegte Buch lädt zum „klopfen, blättern, drehen und pusten“ ein. Wie auch schon bei den Krikel-Krakel-Büchern, so wechseln sich auch hier die Zeichnerinnen und Zeichner ab, gestalten eine Seite auch einmal zusammen und haben dabei wirklich einige gelungene Ideen. So lässt Ann Cathrin Raab ein kleines Kücken – mit Stock, aber ohne Hut – spazieren gehen, bis man aufgefordert wird, das Buch um 180° zu drehen! Da plumpst das arme Ding auf einmal herunter, kann sich aber zum Glück mit einem Fallschirm retten. Ähnlich ergeht es einem Igel, den man aus dem Bild rollen lässt und richtig klasse ist die Doppelseite, die man immer wieder auf und zu klappen soll, um einem Monster das Kauen zu erleichtern. Bei soviel innerbuchlichem Aktionismus ist es angenehm, dass sich die Zeichnungen sehr zurücknehmen. Feine Zeichnungen, teilweise flächig koloriert lassen viel Raum, um vielleicht nach der dritten, vierten oder fünften Lektüre selber Mitmach-Überlegungen anzustrengen; so könnte das Mitmachbuch auch schnell wieder zu einem Krikel-Krakel-Buch werden.

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