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Die Box




22. März 2011
Thomas Vorwerk
für satt.org
  Bret Easton Ellis: Imperial Bedrooms
Bret Easton Ellis:
Imperial Bedrooms

Random House 2010
Pb, 169 Seiten, $14.95


Bret Easton Ellis: Imperial Bedrooms

Imperial Bedrooms, Bret Easton Ellis' sechster Roman, ist zunächst einmal ein Sequel zu seinem Debüt Less than Zero. Auf den ersten zehn Seiten übt Ellis sich in seiner typischen selbstreferenziellen Mischung aus Fiktion und Autobiographie. Clay, inzwischen ein Drehbuchautor in den Vierzigern, beschreibt, wie der Roman und die Verfilmung vom realen Vorbild abweichen bzw. die Protagonisten auch beeinflussten. »They had made a movie about us«, das erinnert an die komplizierte Wechselwirkung zwischen Charles Webbs The Graduate, Mike Nichols Verfilmung und Rob Reiners seltsames Not-quite-Sequel Rumor has it, nur dass bei Ellis der Grundton natürlich etwas dunkler ist. Statt Kevin Costner / Dustin Hoffman, der diverse Generationen von Frauen der Familie Robinson begattet, will hier Clay seinen guten Namen reinwaschen (Less than Zero wurde angeblich von einem Bekannten geschrieben, der in Clays damalige Freundin Blair verschossen war), doch wird die Figur Clay hier noch weitaus negativer dargestellt. Aus dem »Jungen, der seinen Freund nicht retten wollte« (Clays kritische Zusammenfassung) wird ein Mann, der weitaus schlimmere Taten begeht, die nicht mehr nur aus Untätigkeit resultieren.

Wenn man American Psycho als Ellis' Hommage an Moby Dick begreift (statt seitenlangen Beschreibungen, wie man eine Harpune wirft, detaillierte Erkenntnisse über die Diskographien von Huey Lewis, Whitney Houston und Genesis) und Lunar Park als seinen Versuch akzeptiert, einen Stephen-King-Roman zu schreiben, dann ist Imperial Bedrooms seine abgedrehte Version eines Stoffes von Raymond Chandler. Oder sogar Dashiell Hammett. Wie einer der Privatdetektive des Film Noir stolpert Clay durch die Geschichte, deren Hintergründe und Motivationen er erst ausmachen muss. Er versucht, andere Parteien gegeneinander auszuspielen, ist aber vor allem auf seinen eigenen Vorteil aus. In einem von Clays Drehbüchern wird die Frage gestellt, was das Schlimmste sei, was der Befragte je getan habe. Die gänzlich unironisch gemeinte Antwort: »Unconditional love«.

Und so will Clay vor allem, dass ihn die um einiges jüngere Möchtegern-Schauspielerin Rain liebt. Oder genauer gesagt: dass sie tut, was er möchte. Dafür spielt er ihr auch gerne vor, er könne ihr (trotz kompletter Talentfreiheit) eine Rolle in dem Film verschaffen, für dessen Casting-Entscheidungen er als Autor gerade eingeflogen wurde (eines dieser gänzlich unrealistischen Details, die bei Ellis-Lesern immer die Alarmglocken klingeln lassen). So wie Clay handelt aber auch Rain sehr zielorientiert. Um berühmt zu werden, geht sie halt mit so ziemlich jedem ins Bett (eine etwas andere Femme Fatale, die eher sich selbst zum Verhängnis wird), und ein Großteil der Figuren dieses Romans ist damit beschäftigt, sich auf die eine oder andere Art zu prostituieren, oder aber entsprechend zum Kunden- oder Zuhälter-Kreis zu gehören.

Das literarische Gerüst à la Chandler wird dadurch pervertiert, dass der Erzähler das zentrale Verbrechen (ein Filmproduzent wird übelst gefoltert und ermordet) zu Beginn kurz umschreibt, dann aber etwa 85% des Romans die Zeit vor dem Verbrechen behandeln (und ich verrate nicht zuviel, wenn ich sage, dass Clay diesmal nicht nur unterlassener Hilfeleistung beschuldigt werden kann).

Die Figuren bei Ellis sind bekanntlich größtenteils oberflächlich, narzisstisch, gefühlskalt bis sadistisch und viel mehr als Mitleid kann man als Leser nur in Ausnahmefällen für sie entwickeln. Doch diesmal ist die Atmosphäre nicht ganz so satirisch unterfüttert, und - so ungern ich das zugebe - ich konnte sowohl mich als auch eigene Beziehungsentwicklungen wiedererkennen (to a certain degree). Das Buch liest sich so spannend wie ein Krimi, selbst wenn man schon anhand des Covers ahnt, dass der vermeintliche Ermittler hier ähnlich wie in William Hjortsbergs Falling Angel eher der Täter ist. Und ein Großteil der Geschichte erzählt sich in Ellipsen, wie etwa bei Clays Gespräch mit seinem Psychoanalytiker, der ihn plötzlich unvermittelt fragt, warum er weine (Clay beschreibt fast mit klinischer Distanz, und zu jedem Zeitpunkt ist einem als Leser der Autor hinter der Fassade bewusst, der konstruiert und sein eigenes kleines Spielchen treibt).

Ellis' bisher reifstes Werk (Glamorama habe ich noch nicht gelesen) wendet sich an unerschrockene Leser (einige Passagen sind so abscheulich wie die Skandalszenen aus American Psycho), die bereit sind, das gerade gelesene immer wieder mal zu hinterfragen, und die sich für Beziehungen zwischen der Fiktion und dem Leben und Werk des Autors interessieren. Wer hingegen einen Krimi, einen Horror-Thriller oder gar eine Romanze lesen will, der sollte sich eine andere Lektüre suchen.

Einer meiner Lieblingssätze aus dem Buch ist übrigens »It smells different.« (Zum ansatzweisen Verständnis meiner Faszination sollte man den Unterschied zwischen einem Adjektiv und einem Adverb kennen.)