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Die Box




12. September 2010
Dominik Irtenkauf
für satt.org
 
Giwi Margwelaschwili: Der verwunderte Mauerzeitungsleser

Verbrecher Verlag, Berlin 2010
80 Seiten, Broschur, 12 Euro,
mit Fotos von Alexander Janetzko
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Erfahrungen eines
Spaziergängers:
Mauerzeitungslektüre

Geht man durch die Stadt, sieht man sie an beinah jeder Häuserwand, an Unterführungen, an Baustellenabsperrungen, sogar auf Zügen und S-Bahnen. Die Rede ist von Graffitis. Häufig sind es graphische beziehungsweise typographische Schriftzüge, sogenannte tags, deren Aussage nicht klar lesbar ist. Es geht den Urhebern vielmehr um die Kennzeichnung ihres »Reviers«. Im Gegensatz hierzu findet man in jeder größeren Stadt unzählige Mauerinschriften, die eine Aussage oder Aufforderung formulieren. Giwi Margwelaschwili liest in seinem neu erschienenen Essay »Der verwunderte Mauerzeitungsleser« diese Gravuren, die er auf Mauern an verschiedenen Plätzen vorfindet. Bevor er mit der kritischen Lektüre der Inschriften beginnt, führt er in die wesentlichen Thesen seiner Philosophie – der Ontotextologie – ein.

»Mich beschäftigt seit Jahrzehnten die ontotextuelle Verfassung des Menschen, also das Prinzip, nach dem der Mensch als textlich prädeterminierter, mithin als Textweltmensch existiert, abhängig etwa von den textuellen Grundlagen der großen Religionen (also des Buddhismus, des Hinduismus, des Juden- und Christentums, des Islams), abhängig jedoch auch von anderen Texten der weltanschaulich-ideologischen Art, wie sie vor allem den geschichtlichen Gang des 20. Jahrhunderts bestimmt haben.«

Er fährt fort, daß auch wir heute in einer »ontotextologisch geprüften Zeit« lebten, d.h. daß ein aufmerksamer Mensch nicht nur in der morgendlichen Zeitung oder in der Freizeitlektüre Zeichen eines textlich bestimmten Lebens findet, sondern auch auf seinem Spaziergang durch die Stadt, in der er oder sie lebt, wohnt und arbeitet.

Auf Häuserwänden findet man häufig Slogans. Margwelaschwili geht auf den besonderen Charakter dieser Artefakte ein. Sie werden im Vorübergehen gelesen. Man bekommt sie nicht wie die Zeitung aus Papier ins Haus, doch sollen sie auch gelesen werden. Das macht sie einer regulären Zeitung vergleichbar. Der Ontotextologe – also ein Mensch, der die Welt als durch Texte umrissen wahrnimmt – liest die gesprühten Sätze an den Mauern und Wänden kritisch und bemerkt, daß diese Mauerzeitungstexte ‚hysterischer‘ wirken als ihre Kollegen in der papierenen Zeitung. Aus dem Grund, daß »für einen solchen Text nichts unbekömmlicher [ist], als wenn er keine Leser hat. Dann nämlich ist er sogar als ein kaum gelesenes, wenn nicht ungelesenes – und das heißt hier: lebloses – Gekritzel lächerlich. Ein schlechter Witz, nicht mehr. Jeder ontologisch bedeutsame Mauertext existiert deshalb auch als nervöse, manchmal sogar hysterische Behauptung, bereits ein vollgültiger, von einer ausreichenden Anzahl Leser lesend belebter Ontotext zu sein oder es wenigstens in Kürze zu werden.«

Ontotext heißt, daß dieser Text für das Leben lesender Menschen von Bedeutung ist. Die vorhin angesprochenen Weltreligionen zum Beispiel haben auf viele Einzelschicksale Einfluß genommen, genau wie die Dogmen totalitärer und faschistischer Systeme. Je nach Fall muß unterschieden werden, ob es ein Einfluß zum Guten oder zum Schlechten gewesen ist. Wesentlich ist ein Bewußtsein über die Macht bestimmter Texte.

Margwelaschwilis Büchlein analysiert Sätze wie »Ausländer rein!«, »Ausländer raus!«, »Kein Mensch ist illegal«, »Gräffiti siecht.« oder »Jetzt hilft uns nur noch Musik.« – setzt sie in den jeweiligen Kontext. Dabei kommt die Freude an freier Interpretation nicht zu kurz. Der Autor spielt mögliche Aussagen durch, die in der Absicht der Urheber der Graffitisätze gelegen haben mochten. Immer spielt auch die materielle Grundlage des Kurztextes – also die Wand aus Beton und Mörtel – eine Rolle bei den Betrachtungen. Margwelaschwilis Mauerzeitungslektüre übt den Leser in die bewußte Wahrnehmung seiner Umgebung ein. Was zunächst auf Wänden geschrieben steht, kann irgendwann auch in Zeitungen Eingang finden, dann große Verbreitung erfahren und Veränderungen herbeiführen. Der 82jährige Autor erzählt von einer BBC-Sendung, die ins Dritte Reich als Störung gesendet wurde, die »Der verwunderte Zeitungsleser« hieß und die NS-Propaganda kritisch durchleuchtete. Von dieser Sendung lieh er sich nicht nur den Namen für sein neuestes Werk, sondern auch den kritischen Blick auf die Absurdität der Mauerzeitungsmeldungen. Denn: Wer sie wirklich lesen möchte, diese Mauertexte, muß an besagten Ort gehen. Die Nachricht kommt nicht zu ihm ins Haus, sondern der Leser muß selbst den Weg zur Information nehmen. Wahrscheinlicher ist jedoch: »Der andere Leser muss, um überhaupt lesen zu können, an seinem Lesestoff, der an einer Häuserwand angeschrieben ist, zufällig vorbeikommen.«

Im Buch unterstützt diese Bewegung Alexander Janetzko, der Fotografien diverser Graffitis beigesteuert hat und die Vielfalt solcher schriftlicher Stellungnahmen vor Augen führt. Zweifelsohne eine kurzweilige Spielerei mit dem Auge der Leserschaft.