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Die Box




5. September 2010
Sarah Strebelow
für satt.org
  Sarah Manguso: Zwei Arten von Verfall

Sarah Manguso:
Zwei Arten von Verfall

Übersetzt von Ron Winkler
Luxbooks, Wiesbaden 2010
240 Seiten, 22,80 €
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Krankheit als Krankheit
oder Dies ist keine Krankheit

Die Verweise in der Überschrift auf Susan Sontag und René Magritte sind zugebenermaßen ähnlich weit hergeholt wie es Verweise auf Erich Fried oder die buddhistische Achtsamkeitslehre wären. Dennoch überschreiben sie zwei mögliche Lesarten von Sarah Mangusos jüngster Veröffentlichung und erinnern daran, wie Krankheit heute thematisiert wird. Die Ich-Erzählerin ist Anfang zwanzig, gerade im Begriff, ihr Leben zu beginnen, sie studiert im ersten Semester, trauert um das Ende ihrer ersten Beziehung, singt den zweiten Sopran im Unichor, erkältet sich, kuriert sich nicht aus, weil sie unbedingt an einem Auftritt in der Memorial Church in Cambridge teilnehmen möchte - das alles geschieht auf fünf Seiten. Dann schon hat die Krankheit Hand angelegt, wird über lange neun Jahre die Protagonistin mit variierender Wucht aus dem Leben reißen, sie außer Gefecht setzen und ans Betten fesseln.

Diese neun Jahre sind Gegenstand des Romans: die Symptome, Behandlungs- und Therapieversuche der Autoimmunerkrankung mit der hilflosen Diagnose CIDP (chronisch inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie), einer seltenen Form des Guillain Barré Syndroms. Die Krankheit lässt das Blutplasma schädliche Antikörper bilden, welche die Myelinschicht der Nerven angreifen und zerstören, was zu einer sich von der Extremitäten über den ganzen Körper ausbreitenden Lähmung des Patienten führt. Behandelt wird zunächst mit einer Plasmapherese, einer langwierigen und unangenehmen Methode, bei der in einer Art Blutwäsche das befallene Blutplasma von den gesunden zellulären Bestandteilen getrennt wird und der Patient so lange frei von Symptomen ist, bis das Plasma erneut kranke Zellen bildet; später mit der Unterstützung der gesunden Zellen durch die Einnahme von Steroiden und Antikörpern, was mit starken Nebenwirkungen verbunden ist. Die Protagonistin versorgt sich jeweils ihres Gesundheitszustandes entsprechend soweit es möglich ist selbst, konzentriert sich auf die einzelnen Handgriffe und lässt sie zu einer Art religiöser Meditation werden.

  Sarah Manguso
Sarah Manguso
(Foto © Andy Ryan)

Der Roman setzt sich aus eigenständigen kurzen Kapiteln zusammen, die einzelne Etappen, Ereignisse, Gedanken oder Behandlungen thematisieren, ausnahmslos erzählt von der Ich-Erzählerin selbst, mit welcher und über welche hinweg die Dinge geschehen. Es treten Symptome auf, entwickeln, verändern sich und vergehen wieder. Viel zu viele Katheter werden gelegt, Unmengen von Blut gepumpt, Medikamentendosen ausprobiert und eingestellt ... Die Erzählerin macht sich Gedanken zu Funktion und Dysfunktion ihres Körpers, zur Bedeutung und Relativität von Wahrnehmung und immer wieder zu Zeit und Raumzeit, in der sie sich jetzt in ihrem Zustand des Ausgeliefertseins verortet: Alles was je war und sein wird existiert gleichzeitig und nebeneinander.

Die große und verstörende Leichtigkeit, die es unmöglich macht, den Roman als Krankengeschichte oder Bericht von Erkrankung und Genesung zu lesen, entsteht durch das unbedingte Verharren der Protagonistin in dieser absoluten Gegenwart. Es weist kaum ein Gedanke in die gesunde Vergangenheit, kaum einer führt in die ungewisse Zukunft. Es gibt keine Fragen, keine Betroffenheit, kein Hadern mit dem Schicksal. Die Krankheit ist und sie ist, was sie ist. Mal so stark, dass neben ihr nicht viel bleibt, dann wieder gibt sie Raum für Gedanken, die von ihr weg führen. Sie steht für nichts, verweist auf nichts, konnotiert nichts und es ist weder klar, woher sie kommt, noch wie lange sie andauern wird. Und genau in diesem Zustand entdeckt die Erzählerin das Sein, das Selbst, die Gegenwart.

Es gibt viele Fragen, die man stellen könnte: die nach Autorschaft und Literarizität, nach der Auseinandersetzung mit, bzw. Thematisierung von Krankheit in modernen Gesellschaften, oder die Frage, ob die einzelnen Romankapitel nicht auch jeweils als eigenständige Lyrik gelesen werden können. Man kann aber auch einfach diese frische und unkonventionelle Stimme genießen, die völlig unprätentiös eingetretene Pfade verlässt.