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22. August 2010
Florian Günther
für satt.org
  Eduard Kotschergin: Die Engelspuppe

Eduard Kotschergin:
Die Engelspuppe

Aus dem Russischen
von Ganna-Maria Braungardt,
Renate Reschke und Thomas Reschke
Mannheim: persona verlag, 2009
256 S., € 22


Das weinende Lachen
des Eduard Kotschergin

Als der »Geliebte Führer« Stalin den 1937 geborenen Eduard Kotschergin in ein sibirisches NKWD-Heim sperren läßt, ist der gerade mal zwei Jahre alt. Sein Verbrechen: Er hat einen russischen Vater, der wegen Kybernetik, einer »bürgerlichen Wissenschaft«, in den Gulag verbannt wurde, und eine polnische Mutter, die daraufhin verhaftet wird. Wäre er nicht wenige Jahre später geflohen, »Die Engelspuppe«, sein literarisches Debüt, wäre nicht nur nie oder nicht so geschrieben worden, wir hätten vermutlich nie etwas von ihm gehört.

August 1945. Der »Große Vaterländische Krieg« ist noch nicht lange vorbei, als sich der Achtjährige auf die Tausende Kilometer lange, sieben Jahre andauernde Odyssee gen Westen macht. In ständiger Angst gefaßt und »in die Haft« zurückgeschickt zu werden, will er sich nach Leningrad – im Volksmund Piter genannt – durchschlagen, nach Hause, in das idyllische Zimmer, mit dem dreifachen Stuckfries und dem alten Kronleuchter; unter den Schutz der Matka Boska; zurück in eine Geborgenheit, die nicht mehr existiert. Doch der Weg durch die von Krieg und Stalinismus gezeichnete Sowjetunion ist voller Gefahren. An Leib und Seele verkrüppeltes Militär, marodierende Verbrecher, Bahnpolizei und Bandenkriminalität, Hunger, Kälte, bestürzende Niedertracht und absurde Gewalt werden seine ständigen Begleiter. Doch es gibt auch Tanz, inmitten des Elends, Freude über das Ende des Krieges, verstohlene Blicke und heulendes Gelächter. Und als Kotschergin einem anderen, nahezu blinden und von Bombensplittern verunstalteten Herumtreiber begegnet, findet er in ihm einen würdigen Kameraden. Mitja, der einer Bettlerbande gerade noch entwischen kann, bevor sie ihm den linken Arm abschneiden, bringt die Menschen zum Weinen, weil er so schön singen kann. Sowohl seine traurigen Weisen, als auch die mitreißenden Lieder über den großen Stalin kommen an. Und daß Kotschergin es vermag, lebensnah und exakt in der Dauer eines Liedes, die Profile der beiden »schnauzbärtigen Führer« aus Kupferdraht zu biegen, ist eine Sensation, die den beiden Jungs neben etwas Eßbarem auch gelegentlichen Schutz einbringt.

Irgendwann, dem Ziele mehr oder weniger nah, erliegt Mitja seinem Husten. Kotschergin, den der Verlust des Freundes hart getroffen hat, wird die Heimat zwar erreichen. Doch als er seine Mutter wiedersieht, ist sie nicht mehr dieselbe. Und da sie erstmal keine Arbeit findet, ist es an ihm, sie beide durchzubringen. Leningrad, dessen Schwarzmärkte, Kneipen und Parks er nun als Mitglied einer Bande von Taschendieben durchstreift, ist zerstört. Immer noch herrscht Hunger in der ehemaligen Blockade-Stadt (anläßlich der eben zu Ende gegangenen Feierlichkeiten zur »Deutschen Wiedervereinigung« sei daran erinnert, daß die Blockade Leningrads durch die deutsche Wehrmacht ungefähr eine Millionen Menschen das Leben kostete), beinamputierte Kriegsversehrte, genannt »Roller«, schieben sich an öligen Pfützen und ausgebrannten Häusern vorbei. Aus einem Kellerfenster dringt besoffenes Gegröle und meckerndes Gelächter. Die Sechser-Straßenbahn quietscht halbleer Richtung Stadtrand. Und unterhalb der Peter-und-Pauls-Festung stehen die vom Schicksal gebeutelten Kinderhuren, die ihren Körper für kaum mehr als etwas Eßbarem hingeben. – Kotschergin sieht nicht nur alles, er merkt sich auch alles. Und er berichtet uns in einer dichten, unaufgeregten, manchmal ruppigen, stets von milder Ironie getragenen Sprache. Wenn er lacht, meint man, er hätte Tränen in den Augen, und wenn er weint, ist das Lachen immanent.

Die nicht weniger anrührenden Geschichten aus der Chruschtschow- und Breschnewzeit, im dritten Teil des Buches, handeln von einem legendären Clown, der aus Versehen einen Mann umbringt; kostbaren Möbeln aus der Zeit der Großen Katharina; altgewordenen Komsomolzinnen; einem hühnerzüchtenden Volksschauspieler und den Narben derer, die Krieg und Terror überstanden.

Insgesamt besteht »Die Engelspuppe« aus 24 Geschichten, die der inzwischen zu internationaler Anerkennung gekommene Bühnenkünstler Kotschergin in chronologischer Reihenfolge erzählt; sie behandeln 30 Jahre seines Lebens. Wie allen großen Autoren geht es ihm weniger um Kritik, als vielmehr um die Würdigung von Schicksalen. Ein kraft- und – trotz allem – humorvolles Buch, für das Kotschergin den russischen Kulturpreis »Triumph« erhalten und, noch viel wichtiger, zahlreiche begeisterte Leser gefunden hat.