Anzeige:
Die Box




10. April 2010
stefan heuer
für satt.org
Kersten Flenter: Glückselige Waisen der Verwirrung

Die glückseligen Waisen
der Verwirrung

27 Autorinnen und Autoren erzählen ihre Geschichten vom Überleben in den Städten im Rhythmus der Straßen ... Asphalt Beat – dermaßen politisch korrekt prangte es auf dem Rücken der im Frühjahr 1994 im Isabel-Rox-Verlag erschienenen Anthologie "Asphalt Beat". Social Beat, jene von den amerikanischen Beat-Autoren entlehnte und im weitesten Sinne literarische Bewegung, die das Durchbrechen der Hochkultur und den Einzug der handfesteren Texte in Kneipen und sonstigen Alltag propagierte, war kurz zuvor geboren worden. Viele der damaligen Protagonisten sind mittlerweile von der Bildfläche verschwunden, man liest und hört nichts mehr von ihnen, nur wenige sind noch wirklich aktiv/produktiv und präsent, unter ihnen: Kersten Flenter. Neben zahllosen Beiträgen in Zeitschriften, Anthologien und Rundfunk und extremer Bühnenpräsenz (solo, aber auch als Mitglied von Hannovers erster Lesebühne "Oral" sowie als Initiator des Projektes "Urban Electronic Poetry") veröffentlichte er seit seinem Debüt im Jahre 1993 ("Zappen im Kaltland-TV") in schönster Regelmäßigkeit Einzelbände, wechselweise Gedichte und Prosa.

Kersten Flenter aufgrund der Tatsache, dass ihm der kommerzielle Erfolg bislang nicht beschieden war, als Underground-Schriftsteller zu bezeichnen, erscheint mir fragwürdig. Und auch, ihn ob seiner beinahe 20 Jahre im Wort-Zirkus als Urgestein zu betiteln, ist vielleicht übertrieben: da gibt es ganz andere. Doch Fleiß hinterlässt nicht selten seine Spuren, und so hat er sich abseits der großen Verlage und Literaturpreise ein Stammpublikum erschrieben und auf der Bühne erarbeitet.

Flenters aktueller Gedichtband heißt "Glückselige Waisen der Verwirrung" und versammelt 14 zumeist längere Gedichte. Ohne in die Verlegenheit zu kommen, sich selbst kopieren zu müssen, arbeitet er sich noch immer an "seinen" zeitlosen und unerschöpflichen Themen ab - melancholisch, gespickt mit Doppeldeutigkeiten und einem eigenen Witz, sind Flenters Gedichte das, was sie schon immer waren: der in Wörter geflossene Blues – der Alltag von Annalena, der nüchtern nicht nur schwer zu ertragen, sondern vor allem von Hässlichkeit geprägt ist; lähmende Nächte, Liebesglück und – selbstverständlich – Liebesleid; Augenaufschlag in Moll, dazu der Soundtrack des ewigen Regens, der bis in die Herzen tropft; die verlorenen Spiele, die sich irgendwann im Tabellenstand niederschlagen, im Hintergrund The Köln Concert von Keith Jarrett.

Weil unser Krieg nicht mehr das Spiel ist, das er
Einmal war sondern tägliche Bitternis und
Keine rettende Turmuhr mehr zum Abendbrot ruft.
Jetzt sehen wir die Zeit im Spiegel unserer Pupillen.
Jetzt schauen wir nicht nur in das Gesicht der Geliebten,
Sondern schauen auch in das Gesicht der Geliebten
Und ordnen die Plattensammlung nach dem Alphabet

Flenter bewegt sich sicher und tut gut daran, Trends in der Lyrik zu ignorieren. Seine Texte entwickeln einen Sound, der sie von Zeile zu Zeile zieht. Viele One-Hit-Wonder werden auf der Strecke bleiben, aber diese Texte haben durch ihre Zeitlosigkeit gute Chancen, in der Chart Show 2028 aufzutauchen - ob die dann allerdings noch von Oliver Geissen moderiert wird, steht auf einem anderen Blatt.


Kersten Flenter:
Glückselige Waisen der Verwirrung

Gedichte. Ariel-Verlag, Riedstadt 2009
40 Seiten, 8,00 €
» Ariel Verlag