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Die Box




28. März 2010
Dominik Irtenkauf
für satt.org
 
Susanne Messmer: Chinageschichten
Susanne Messmer:
Chinageschichten

Verbrecher Verlag, Berlin 2009
310 S., 14 Euro
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Susanne Messmer:
Chinageschichten

China ist derzeit in aller Munde. Das Land der Mitte erregt längst nicht nur bei Fernost-Liebhabern Interesse, sondern die Politik sucht den Dialog mit der chinesischen Führung, die sich 1949 durch Mao Zedongs Kulturrevolution an die Macht setzte. Der Kommunismus dieser Jahre hat sich längst gewandelt – China befindet sich bereits seit Jahren in krassem Wandel. Wer wüßte das besser zu erzählen als Menschen, die in diesem Revolutionsjahr jung, sagen wir: zwanzig Jahre alt gewesen waren? Susanne Messmer hat bereits an mehreren Projekten zu China gearbeitet, unter anderem an einem Dokumentarfilm mit George Lindt: „Beijing Bubbles“, der die Punk- und Rockszene in der chinesischen Hauptstadt beleuchtet. Für ihre Recherchen lernte sie Chinesisch, hatte jedoch ihre Dolmetscherin Li Man dabei und stellte den Gesprächspartnern und –partnerinnen keine Fragen, sondern ermunterte sie lediglich, aus ihrem Leben zu erzählen. Das Buch strukturiert sich in einzelne Kapitel, in denen die Erzählungen der Senioren wiedergegeben werden. Nur ab und zu ergänzt Messmer die Gespräche um kleine Hintergrundinformationen. Es zeigt sich in der deutschen Wiedergabe der Erzählungen, wie die bewußte Konzentration auf Zeugen einer oral history Literatur im eigentlichen Sinne schafft. Wenn Literatur als die Reduktion auf das Wesentliche, das heißt das Lebensbewegende verstanden wird, so liefern die chinesischen alten Leute, die von Messmer zum Erzählen ihrer Lebensgeschichten eingeladen wurden, ein besonders eindrückliches Beispiel guter Literatur. Keine aufgepfropfte Poesie oder Verklärung durchlebter Erfahrungen, sondern eine Wiedergabe dessen, was einen über die Jahre bewegt hat und möglicherweise auch zu Umkehr oder zum Weitermachen animierte. Natürlich bleiben es durch mündlichen Vortrag entstandene Autobiographien. Die Damen und Herren aus Peking haben sicher nicht vor, mit ihren Vorträgen Literatur zu erschaffen, wenn auch mitunter Leute zu Wort kommen, die über eine literarische Bildung verfügen, wie zum Beispiel Niu Xinci, die eine berühmte Schauspiellehrerin ist oder Li Fuchun, der bis heute als Schauspieler und Sänger in der Pekingoper arbeitet.

Das große historische Ereignis, die kommunistische Machtübernahme und die Aktionen gegen ‚Feinde‘ der Volksrepublik übte auf die Menschen des Buches Chinageschichten unterschiedlichen Einfluß aus. Manche von Messmers Gesprächspartnern sahen in der kommunistischen Erhebung eine Chance, in der Provinz an einer besseren Welt im Sinne des Sozialismus zu arbeiten; andere gerieten in die Mühlen des Machtapparats, da ihre Eltern im Kampf gegen die ‚Sache‘ verstrickt waren und die Nationale Volkspartei Kuomintang unterstützt haben; persönliches wie familiäres Glück und Unglück wird in erstaunlich offener Weise geschildert.

„Mein Vater war ein kluger, gebildeter und aufgeklärter Mann. Ursprünglich war er nur Bauer gewesen, doch hat er es irgendwie geschafft, zu studieren. Drei Jahre lang war er der Klassenbeste. Er nahm westliches Wissen an. Und er legte großen Wert auf unsere Bildung. In dieser Hinsicht war er streng. Er lud einen Privatlehrer ein, der uns einfache Mathematik beibrachte und uns mit den Schriften von Konfuzius bekannt machte, noch bevor wir zur Schule gingen. Und mein ältester Bruder hasste das Lernen. Er lernte nicht genug. Mein Vater wurde böse auf ihn und schlug ihn. Mein Bruder konnte das nicht ertragen, folglich lief er eines Tages von zuhause weg und ist erst Jahre später wieder aufgetaucht.“

Ke Jingyuan (*1918) studiert später Bergbau und Englisch, wird Dolmetscher. 2008 und 2009 hat er die meisten Vokabeln der westlichen Fremdsprache vergessen. Messmer unterhält sich mit ihrer Dolmetscherin Man auf Chinesisch mit ihm. So erfahren sie, daß Jingyuan während der Kulturrevolution für seine Zusammenarbeit mit den Kuomintang streng bestraft wird und fünf Jahre ins Gefängnis muß.

12 Personen schildern ihre Glücksmomente und leidvollen Jahre. Keiner bleibt unbewegt. Auch andere Themen durchziehen beinahe jedes Gespräch, zum Beispiel die Frage nach der Liebesheirat und manches Schicksal schält sich aus den Monologen heraus. In den einzelnen Erzählungen treten vor allem Details persönlichen Lebensgeschichte in den Vordergrund – die eigene Meinung zum Kulturumbruch kommt jedoch in den einzelnen Kapiteln entweder versteckt oder geradezu offen durch. Oft dauert es einige Zeit, bis sich die interviewten Senioren der Ausländerin öffnen. Das Beharren der Autorin hat sich auf alle Fälle gelohnt. Nicht immer gelingt die Kontaktaufnahme zu den zunächst fremden Leuten. Messmer erzählt von einer Dame, die noch Kontakt zum Kaiserhof hatte, die sie gerne für ihr Buchprojekt gewonnen hätte, was jedoch trotz mehrerer Anläufe immer wieder von deren Tochter am Telefon vereitelt wird. In China kann der Kontakt zur älteren Bevölkerung meist nur im verwandtschaftlichen Rahmen hergestellt werden. Oder es müssen sich Bürgen für die Journalistin aus Deutschland einsetzen. Schließlich schafft es Messmer meist doch, das Vertrauen ihrer Gesprächspartner und –partnerinnen zu erlangen. Entstanden ist hierbei ein schönes Panorama; im Vorwort werden noch andere Bücher und Filme genannt, die sich mit den Umbrüchen im Reich der Mitte seit Ende des Zweiten Weltkriegs auseinandersetzen. Man darf in denChinageschichten jedoch nicht ein Sachinformationsbuch erwarten, denn Messmer beschränkt sich auf die Gespräche mit den älteren Menschen aus der Volksrepublik China. Eine Ergänzung mit stark persönlichem Charakter zu den ganzen Reiseführern und Monographien, die zu dem fernöstlichen Land erscheinen.