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Die Box




31. Januar 2010
Robert Mießner
für satt.org
  floppy myriapoda #13

floppy myriapoda
Heft 13 mit Beiträgen von Michael Arenz, Seymur Baycan, Jürgen Born, Jörg Burkhard, Heike Emmrich-Willingham, Oskar Fahr, Dirk Fröhlich, Florian Günther, Eberhard Häfner, Andreas Hansen, Katrin Heinau, Johannes Jansen, Jochen Knoblauch, Stan Lafleur, Alexander Nitsche, Jes Petersen, Andreas Paul, Paradox Paul, Kai Pohl, Henning Rabe, Helko Reschitzki, Kade Schacht, Clemens Schittko, Monique Schramm, Tom Schulz, Anne Seeck, Christine Sohn, Julia Sohn-Nekrasov, Gerd Sonntag, HEL ToussainT, Urahne, Robert Weber, Johannes Witek und Michael Zoch.

Montag, 01. Februar 2010, 20 Uhr, BAIZ
Putz, Schlupf und Stunk

Das Subkommando für die freie Assoziation präsentiert die Januarausgabe des 5. Jahrgangs. Katrin Heinau, Clemens Schittko, Su und Ralf S. Werder fahren auf, die Redaktion räumt ab. »Sie kennen die Hölle, aber sie haben festgestellt, daß sie kalt ist. Deshalb gehen sie ohne zu klagen in den Bränden, die sich an ihnen entfachen.« (Christine Sohn)
BAIZ, Christinenstraße 1/Ecke Torstraße, 10119 Berlin, U2 Rosa-Luxemburg-Platz, U8 Rosenthaler Platz, Straßenbahn M8, Bus 240

Heft 4 der floppy myriapoda erschien einmalig als Teil des GEGNER, 1999 von Andreas Hansen, Bert Papenfuß, Stefan Ret und Hugo Velarde als Nachfolgeblatt der Zeitschriften Sklaven und Sklaven Aufstand (1994 - 1999) gegründet. Die monatsunabhängige Zeitschrift gegen Politik erscheint im Berliner BasisDruck Verlag und fühlt sich wie ihr Vorgänger Franz Jung verpflichtet.




Der entzündete Winter

Krankheit, Kunst und Tod oder umgekehrt Putz, Schlupf und Stunk: Das sind die Themen des Jubiläumshefts der Zeitschrift floppy myriapoda. Am Montag ist Präsentation in Berlin.

Wer meint, erhöhte Temperatur führe zwangsläufig zu wirren Gedanken und Sinnen, liegt falsch. Wie immer, geht es auch anders. Mit am Anfang des neuen Hefts der floppy myriapoda steht das »Fieber-Manifest« nach einem Text von Christine Sohn. Es braucht keinen Kommentar: »Nomaden werden angesiedelt, Regellosigkeit kommt in Regale, Wildnis ins Korsett.« Und: »Entdeckt werden heißt ausgestorben werden.« Seit nun genau fünf Jahren erscheint in Berlin die kulturpolitische Zeitschrift floppy myriapoda. Gegründet von Alexander Krohn und Kai Pohl, besteht die Redaktion mittlerweile aus Ann Cotten, Ralph Gabriel, Florian Günther, Andreas Hansen, Herbert Laschet, Bert Papenfuß, Kai Pohl, Helko Reschitzki und Karsten Wildanger. Das Periodikum erscheint im Berliner Distillery Verlag, der auch Stefan Döring und Jes Petersen verlegt. Erwerben kann man die floppy myriapoda (und vieles mehr) im Buchladen Straßenschaden in der Christinenstraße 3, gleich daneben in der Schankwirtschaft BAIZ und bei Schwarze Risse in der Kastanienallee. Links von letzterem befindet sich das Haus, an dessen Fassade »Kapitalismus normiert, zerstört, tötet« steht. Ganz klar geht es hier um Literatur, Kunst und Politik jenseits der Marktförmigkeit.

Gleich das erste Heft der floppy myriapoda (übersetzbar mit »digitaler Tausendfüßler«) brachte eine Einführung in das Denken Ernst Fuhrmanns, nach dem Ersten Weltkrieg Leiter der Verlage Folkwang, Auriga, Folkwang-Auriga und Beiträger für Franz Jungs und Harro-Schulze Boysens »Der Gegner«. Alexander Krohns Fazit über den radikalen Denker: »Im ausgestreckten Mittelfinger eines Außenseiters steckt [...] mehr brauchbares Wissen für eine Zukunft als im Kopf eines Politikers.« Eigentlich auch ein schönes Motto für die floppy myriapoda, die in der Folge Unveröffentlichtes von Fuhrmann selbst publizierte, sich dem kosmischen Schamanismus verschrieb und feststellte: »Der Tod ist ein Scheißtyp aus Dortmund« (Urahne, Heft 6, September 2007). Gebeten, einen Essay über den Staat zu verfassen, antwortete Florian Günther lapidar: »Der Staat stellt keine Quittungen aus. Nie. Deshalb ist er für mich nicht von Belang« (Heft 8, Mai 2008). Im Jubeljahr 2009 dann geglückte Fälschungen sowie Gedichte aus einem Konvolut Jochen Bergs (1948 - 2009), das der Dichter und Dramatiker 2007 zusammenstellte. Pünktlich zum Jubelherbst: »KEIN SCHUHPUTZZEUG IN DEN LÄDEN NEW YORKS GEFUNDEN / AUF DER FÄHRE NACH LONG ISLAND / FRAGTE MICH EIN SCHUHPUTZER WOHER ICH KOMME. / BERLIN. OST ODER WEST FRAGTE ER ZU MEINEM ERSTAUNEN. / OST SAGTE ICH. O GLÜCKLICHER MANN SAGTE ER. ENDLICH. / DIE ZEIGEN ENDLICH DER REGIERUNG WAS LOS IST. / WIR SCHAFFEN DAS SCHON LANGE NICHT MEHR. / O GLÜCKLICHER AMERIKANER DACHTE ICH. / GERN WÜSSTE ICH WENIGER VON EUROPA.« (UNTERSCHIEDLICHES GLÜCK 1989, Heft 12, September 2009).

Heft 13 knüpft sich die Themen Krankheit, Kunst und Tod oder umgekehrt Putz, Schlupf und Stunk vor. Nun ist die Vorstellung vom fertigen Künstler landläufig bekannt und wird gerne bedient. Aber es ist schon was daran. Kunst, wie jede Tätigkeit, die alles fordert, fördert nicht zwingend die Gesundheit. Das betrifft selbst Abstinenzler und Nichtraucher. Was sie aber auf jeden Fall fördert, das sind Einsichten, ob sie nun blitzartig wie im Fieber kommen oder sich langsam, aber deutlich aufdrängen. Katrin Heinau in »Die alte Sau«, ein Auszug aus ihrem Roman »Evakuierung« (Edition Erata, Leipzig 2006): »Deshalb gibt es Krieg, glaube ich, auf der ganzen Welt, damit die Frauen nicht die Regierung übernehmen. Man kann so tun, als bräuchten sie männlichen Schutz. Ziehen ganze Völker über den Erdball, dürfen Männer die Gruppe vor Angreifern schützen. Im Frieden aber regieren die Frauen.« Die Gegenwart: »Die Tiere sind erwacht – in ihren gelbbraunen / Augen glitzert das uralte mörderische Glück« (Michael Arenz, Uraltes Glück, Der Mongole wartet, Zenon Verlag, Düsseldorf 2008 / 2009). Dazu auch Kai Pohl: »Mit Münte in die Tinte, mit Günther in die Jauche. Besser verpissen ins Ungewisse, als in das Geseiche einzutauchen. Wenn ihr etwas braucht, dann laßt es mich wissen« (Koliken der Logik). Ein trostloses Heft ist das keineswegs. Es hat Alexander Nitsches »winterliebeslied für katharina« (Zirkular 24, Berlin, März 2009). Und Tom Schulz in »das Ende der Armut«: »der Winter beginnt / sich zu entzünden, wer sagt / der Winter brennt nicht, lügt.« Es ist auch kein ausschließliches Berlinheft: Seymur Baycan und Henning Rabe schickten Beiträge aus Aserbaidschan und Armenien. Im Übrigen: Der Rezensent war selber im Wortsinne angeknackst und wollte sich nach der Lektüre dann doch noch an den Schreibtisch setzen. Gute Literatur und Grafik können also eine ganze Menge.