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Die Box




25. Januar 2010
Kirsten Reimers
für satt.org
  Frank Witzel, Klaus Walter, Thomas Meinecke: Die Bundesrepublik DeutschlandFrank Witzel, Klaus Walter, Thomas Meinecke: Die Bundesrepublik Deutschland
Edition Nautilus 2009
kart., 192 Seiten, 16 Euro
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Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein

Jubeljahr 2009: 60 Jahre Bundesrepublik, 20 Jahre Mauerfall. Staatstragende Festlichkeiten und gravitätische Gedenkveranstaltungen allerorten. Eine etwas andere Erinnerung bietet das Buch von Frank Witzel (Schriftsteller, Musiker, Illustrator), Klaus Walter (Radiomoderator, DJ, Journalist) und Thomas Meinecke (Schriftsteller, Musiker, Radio-DJ). Nach ihrem Gesprächsband »Plattenspieler« aus dem Jahr 2005, in dem Pop die Weltdeutungsmatrix gab, ist es nun die Frage »Was bedeutet für uns BRD?«, die als Gegenstand der Unterhaltung der drei Männer Jahrgang ’55 dient.

FW: Ich möchte doch nur darüber reden. Obwohl du das alles durchschaut hast und ich nicht gerührt war, waren das trotzdem Punkte, die für die BRD von Bedeutung waren.
TM: Aber nicht für meine BRD. Wir machen doch kein Buch für irgendwelche Spießer da draußen, die sagen: Das war toll, als der endlich mal mit Turnschuhen da reinging [Joschka Fischers Vereidigung als erster grüner Minister einer hessischen Landesregierung 1985]. Das ist einfach nicht meine BRD.
FW: Thomas, Thomas, wir wollen doch über unsere BRD reden.
KW: Steile These wäre, dass dieser Turnschuhmoment schon das Ende der BRD war.
FW: Aber dann wär’s ja ein doller Moment.
KW: Ein Zeichen, hier mischt sich jetzt die Gesellschaft neu, und hier gibt es jetzt neue Allianzen.
TM: Das finde ich nicht. Das war einfach die Klimax des Zweitausendundeinshaften.
KW: Du meinst den Laden jetzt.
TM: Ausverkauf von Dingen, die einem eigentlich etwas bedeuten

Adenauer neben dem Rosenbusch, Nazis unter den Lehrern, Günter Grass und der beleidigte Gestus, Franz Josef Strauß, Beate Klarsfeld, Kiesinger, Adorno, die Grünen, der Katholizismus, natürlich die RAF, ’68, die Frage, wann Nacktheit von Befreiung zum Zwang mutierte, selbstverständlich Musik – die drei versuchen festzumachen, welche Bilder und Ereignisse, welche Erfahrungen und Gefühle sie mit der BRD verbinden. Im Vordergrund steht der politische Blick, Generationengeplapper wie der Austausch über Spielzeug oder Fernsehserien soll – so Klaus Walter im Vorwort – vermieden werden. Er räumt aber selbst ein, dass das nicht immer gelingt. Das macht aber nichts, denn es ist nicht strukturbestimmend, sondern tupft nur manchmal auf.

Es ist ein Blick aus der zweiten Reihe, wie die Autoren selbst sagen: geboren Mitte der fünfziger Jahre, zu jung für ’68, zu alt für Punk – immer darauf wartend, dass nun endlich ihre Ära kommt. Aus der beobachtenden Distanz entsteht so ein facettenreicheres Bild der BRD als bei den Jubelevents – was aber angesichts der Autoren auch kaum überrascht. Es ist ein privater und zugleich kollektiver Blick auf die politische Bewusstwerdung, die Konstruktion von Identität durch die Erinnerung.

Immer mitgedacht dabei: die Gesprächsituation als Produktionssituation. Die Versuchsanordnung ist dieselbe wie in »Plattenspieler«, erklärt Walter im Vorwort: »Die Gespräche werden aufgezeichnet, abgeschrieben, gedruckt. Keine redaktionelle Bearbeitung. Weglassen ist erlaubt, Verschönern nicht.« Neben Überlegungen zur Titelwahl und dem Ziel des Buches finden sich wiederholt Bemerkungen, dass das eben Gesagte ja wohl für die Buchrückseite gesprochen worden sei. Dadurch wird eine weitere Ebene, eine zusätzliche Reflexionsspur eingezogen; die ironische Distanz zum Gesprächsgegenstand wird vergrößert und das gesamte Projekt veruneigentlicht.

KW: Sollen wir das Buch nicht Sozusagen nennen?
TM: Sag ich das immer noch so oft?
KW: Nee, ich auch. Mir ist aufgefallen, dass ich permanent sozusagen sage.
TM: Ich habe das teilweise mal aufgelöst durch quasi.
KW: Sozusagen steht doch für eine abhanden gekommene Eigentlichkeit, dass man also nicht mehr über Deutschland reden kann, dass, wer Deutschland sagt in unserer Adoleszenz, eindeutig ein Apologet des Nazi-Deutschlands ist, und wer BRD sagt, ein Apologet der deutschen Teilung. Beides sind klare politische Positionierungen, und es gibt nicht mehr eine Naivität des Deutschland-Sagens.
TM: Prima Sache, eigentlich.
KW: Prima Sache, die aber von niemandem politisch adaptiert wurde. Oder gab es irgendwen, der diese Nicht-Identität für sich proklamiert hat? Handke oder whoever?
FW: Der war ja Österreicher. Der hatte ein ganz anders Problem.

»Die Bundesrepublik Deutschland« ist ein sehr eigener Blick zurück, eine tripelbiografische Rekonstruktion. Manchmal etwas verlabert, manchmal etwas lustlos, mitunter auch ein wenig gezwungen – aber meist witzig, aufschlussreich, mehrbödig. Eine gute Ergänzung zum üblichen unkritisch-verzuckerten Erinnerungskitsch.


Eine kürze Version dieser Besprechung ist bei Literaturkritik.de erschienen.