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Die Box




25. Oktober 2008
Timo Berger
für satt.org

Knödel aus einem vergessenen Gedichtband

Mitte 2005 erzählte mir mein Freund Marc Degens von seinem Literaturstipendium in der Vila Decius in Krakau. Er schwärmte von einer Villa auf einer majestätischen Anhöhe, die über einer Parkanlage in englischem Stil thronte, wo sich in lauen Sommernächten polnische Liebespärchen ein Stelldichein geben. Ich muss ehrlich sagen, ich glaubte nicht, was er sagte, ich konnte mir Polen nicht im Sommer vorstellen. Polen war für mich ein Wintermärchen, der Anfang der ewigen Weiten der Tundra. Bisher kannte ich Polen nur von Besuchen bei einer lieben Freundin in Warschau, die mich einmal für ein verlängertes Wochenende einlud, ihre auf Deutsch abgefasste Magisterarbeit über Goethes Italienbild zu überarbeiten. Ich mochte Goethe damals überhaupt nicht, Italien schon, aber in Warschau regierte bereits die klirrende Dezemberkälte – und die Heizung im Plattenbau der Familie meiner Freundin ratterte kläglich, bis sie ihren Geist aufgab. Es war kalt in Polen, und ich hatte die Kälte nie verstanden, nicht bevor ich selbst für längere Zeit in dem Land jenseits der Oder lebte.

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Ende 2005 erhielt ich einen Brief, der mir ein Stipendium in Kraków in Aussicht stellte, eine monatliche Apanage und die Abholung vom internationalen Flughafen Belice. Anfang Februar 2006 hielt eine polare Kälte mit bis 20 Grad minus Berlin fest im Griff. In meiner einsamen Wohnung fror ich trotz ständiger Befeuerung, weil mein Kohleofen die Temperatur kaum merklich über die Zehn-Grad-Marke pumpte. Ein paar Wochen später, in Berlin waren die ersten Krokusse durch die schmelzende Schneedecke geschossen, saß ich im Billigflieger nach Krakau. In der kleinen Abflug- und Ankunftshalle hielt eine resolut auftretende Frau mit kurzen roten Haaren ein Pappschild mit meinem Namen in die Höhe – eine Szene, wie ich sie bislang nur aus Filmen kannte. Das ist eigentlich die beste Idee, um sich erfolgreich zu treffen. Immer wieder vergesse ich bei Blinddates ein Erkennungsmerkmal zu vereinbaren und sitze dann stundenlang in irgendeinem Café und beobachte die Vorbeigehenden, die mich irritiert ansehen, oder komme selbst an einen Ort und spreche Hinz und Kunz an, wie neulich in der Metrostation Paraíso in São Paulo, wo ich einen Cordel-Dichter treffen sollte und keine Ahnung hatte, wie er eigentlich aussah. Ich hatte zu allem Überfluss auch mein ganzes Gepäck dabei und dachte die ganze Zeit, jeden Moment könnte mich einer der Straßenräuber überfallen, von denen es in Brasilien angeblich nur so wimmelt, mit einem gezielten Schlag von hinten in den Nacken würde ich das Gleichgewicht verlieren und mein schwerer Rucksack mich unter sich begraben. In Bruchteilen von Sekunden hätte mich der Gangster um mein gesamtes Hab und Gut erleichtert: Digitalspiegelreflexkamera, Bargeld, Kreditkarte, mein goldenes Taufkettchen. Doch wider Erwarten waren die Menschen, die wie ich an den Drehkreuzen zwischen den sich dort kreuzenden Metrolinien aufhielten – in Erwartung naher Familienangehöriger, Freunde oder der Übergabe von Waren – äußerst hilfsbereit. Ich sprach sie alle an, die Caipiras mit den löchrigen Hosen und Strohhüten, die Geschäftsmänner mit ihren Anzügen Ton-in-Ton, die vermuteten Intellektuellen mittleren Alters mit ihren Designerbrillen, doch niemand wollte der gesuchte Dichter sein. Die Zeit verstrich und mich überkam das Gefühl, ich hätte meinen Dichter verfehlt. Ein alter Mann, der auf seine Tochter wartete, sagte nur, wie verrückt, du wartest auf jemanden und weiß nicht einmal, wie er aussieht – wie soll das gehen? Renata Serednicka dagegen hielt ein sauber beschriftetes Kartonschild in die Höhe. Ich gab mich zu erkennen, und sie lud mich und mein Gepäck in ein kleines Auto, ich müsste lügen, wenn ich mich jetzt noch an die Marke erinnere, aber vom Gefühl müsste es ein Fiat oder ein Seat gewesen ein, ein kleines, feines Auto, wie man sie in Polen zu Tausenden bei den anständigen Menschen trifft. Kein vierradangetriebenes Statussymbol, denen ich später in der Umgebung der Villa Decius – die – was man uns im Vorhinein überhaupt nicht gesagt hatte – in der, wenn nicht besten, so doch zweitbesten Gegend der Stadt gelegen war. Prachtvolle Anwesen hinter hohen Mauern und Zäunen, bewacht von privaten Securitate-Einheiten wechselten in dem Viertel mit noch freien Flächen, Apfeläckern und Wiesen ab, auf denen sich bei Anbruch der Nacht brünftige Wildschweine balgten. Ein einziger Supermarkt überraschte weniger durch die Auswahl an polnischem Räucherkäse, Buttermilch und Fruchtsäfte der verschiedensten Sorten, sondern durch die Menge an Angestellten, die fast immer zahlreicher waren als die spärliche Kundschaft, die ein, zwei Waren in ihre rotes Plastikkörbchen schob. Diesem ständigen Missverhältnis zwischen Servicekräften und Kunden ist wahrscheinlich auch der permanente Eindruck von Beobachtetsein geschuldet, der in diesem Lokal herrschte. Kaum drehte man sich um, um vielleicht nach einer anderen Sorte Truthahnpâté zu greifen, schon stieß man gegen den beflissentlichen Oberarm einer Regalauffüllerin, die sich – in Ermangelung zu bestückender Lücken in der Auslage – der Kundenbetreuung verschrieben hatte, was sich allerdings weniger in Beratungsangeboten, als in der direkten Überwachung der Kunden niederschlug. Wir Deutschen können gut reden – sind doch in unseren Supermärkten Bedienkräfte Mangelware, dafür aber hinter Spiegeln und unsichtbaren Löchern an der Wand unzählige Videokameras installiert, die uns unvorteilhaft beim Reinigen der Nasenlöcher, bei gestressten Beziehungsrettungsküssen in der Schlange an der Fleischertheke oder beim Eintippen unserer Kreditkartenpins gnadenlos und für alle auf gehackten Internetseiten einsehbar verewigen. Da lob ich mir doch die polnische Tuchfühlung zwischen Käufer und Verkäufer!

Überhaupt Polen und Deutsche – manchmal denke ich, wir sind uns ähnlicher, als uns lieb ist. Klar ist Krakau nicht Poznan, wo sich in der Tat die einheimische Shoppingmeile mit ihren Rossmanns, Schleckers, Aldis, Lidls, H&Ms, Zaras, McDonald’s, Dönerbuden und Citybankfilialen wenig von den geklonten Nachkriegsinnenstädten Deutschlands unterscheidet. Krakau hat bis heute seinen touristischen Charme in den Unzeiten des „Easyjet“-Tourismus verteidigt – fern der mehrsprachig beschilderten Ecken gibt es immer noch viel zu entdecken. Du musst zu Polakowski gehen, hatte mir Lothar Quinkenstein – was für ein Name! – wie ich Stipendiat, schon am ersten Abend in der unter Tage liegenden Küche der Villa Decius inbrünstig entgegengeschmettert. Zu Palokawskis fabulösen Knoblauchsuppen gesellte sich bald Babczi Małina („Großmütterchen“), eine folkloristisch getunte Bar Mleczni („Milchbar“ – weil es keinen Ausschank gab) im Zentrum. In einen holzgetäfelten Speisesaal mit einem riesigen Aquarium rief das Küchenpersonal im Dirndl Nummern aus, und identifizieren so diejenigen, die nur Minuten vorher rustikale Arbeitermenüs geordert hatten. Das war meine zweite Chance Polnisch zu lernen, und ich muss leider gestehen, ich habe sie vertan. Denn statt zu versuchen, die Nummer zu lernen, spurtete ich immer erst los, wenn eine „Melodie“ mehrmals ausgerufen wurde, und ich mir sicher sein konnte, dass sie keinem der zahlreichen polnischen Studenten gehörte, die hier zu Mittag aßen. Doch mit der Zeit entdeckten unzählige „Lonely Planet“-geleitete Touristen das Lokal, und ich kam immer öfter mit einer Speise an meinen Platz zurück, die ich nie im Leben bestellt hätte. Als braver „Stummer“ vertilgte ich, ohne mit der Wimper zu zucken, was mir serviert wurde und verfolgte aus dem Augenwinkel das Ringen eines Texaners, der nie im Leben Blaubeer gefüllte Pirogen bestellt hatte, mit dem herablassend Personal an der Essensausgabe. Bevor sie sein englisches Kauderwelsch entschlüsselt hatte, hatte ich längst sein 300-Gramm schweres Schweinenackensteak auf Butterkartöffelchen verdrückt.

Meine erste große Chance, Polnisch zu lernen, verpasste ich bereits nach anderthalb Stunden in Polen. Renata hatte mich in ihrem Fiat zur Villa gedahren und im Büro der Stiftung über Gepflogenheiten und Regeln des nun beginnenden Kulturaustausches informiert, mir eine schicke Villa-Decius-Mappe mit Stadtplan, Briefpapier und Postkarten in die Hand gedrückt, und auf dem Weg nach unten, einer prächtigen Freitreppe, die vom Büro in eine brokatgeschmückte Vorhalle führte, entfuhr mir die Frage, ob es denn in der sicher umfangreichen Bibliothek der Villa auch Polnischlehrbücher gäbe: Renata schluckte kurz, blickte mich unverständnisvoll an und sagte mit einem jegliche Diskussion ausschließenden Ton: Du bist hier, um zu schreiben, nicht um die Sprache zu lernen.

Ich glaube, ein Grund, warum sich Polen und Deutsche bisweilen missverstehen, liegt darin, dass beide Völker sehr direkt sein können, aber dass es nicht dieselbe Direktheit ist, das Polen anders direkter als Deutsche sind, und Deutsche anders direkter als Polen, dass in der Direktheit der Polen immer noch ein Rest von Ironie mitschwingt, ein humorvoller Rettungsanker, denn die Deutschen jedoch überhören, nicht hören wollen, den Polen nicht zutrauen, während die Direktheit der Deutschen keinen Ausweg lässt, sie ist das, was sie ist, sie verspricht nicht mehr, als sie ohnehin schon nicht hält. Die Kommunikation zwischen Polen und Deutsch leidet daran, dass unsere Register von Ironie und Ernstes verschoben sind – so es denn überhaupt einen deutschen Humor geben sollte. Sprechen wir allerdings Englisch miteinander, haben wir überhaupt kein Problem, nur Deutsch sprechende Polen erscheinen uns Deutschen oft beleidigt, eingeschnappt, harsch – klar die kommen wieder mit ihren Minderwertigkeitskomplexen, der zu kurz gekommenen polnischen Nation – Polnisch sprechende Deutsche (male ich mir aus) erscheinen den Polen oft beleidigt, eingeschnappt und harsch – klar, die kommen wieder mit ihrem „Es muss doch mal gesagt werden dürfen“, ihrem „Was wollt Ihr eigentlich, in Deutschland funktioniert wenigstens alles“.  So etwas hatte ich zuvor schon bei meiner Freundin in Warschau erlebt, die mir manchmal so kategorisch widersprach, dass ich, völlig vor den Kopf gestoßen, nicht nur an meiner Kommunikationsfähigkeit zweifelte, sondern auch an meiner Intelligenz. Doch weder die Polen, noch die Deutschen meinen es wirklich so, das ganze Missverständnis beruht auf einer Phasenverschiebung, die Töne in beiden Sprachen, um unterschwellig den Modus des Gesagten zu markieren, sind anders gelagert: Was denen eine lieblich und zuvorkommend erscheint, klingt in den Ohren der anderen wie der Befehlston eines abgehalfterten polnischen Generals, eines preußischen KZ-Aufsehers.

Ich habe dennoch ein paar Worte Polnisch gelernt, piękne piesz („Bunter Hunde“) und Dym („Rauch“) und „twa piwae sprosham“ („Zwei Bier, bitte“) – auch wenn ich viel mehr Englisch gelernt habe in meiner Krakauer Zeit, ein wunderbares Englisch mit polnischem Zungenschlag in diesen Monate des Austauschs, von denen ich – zugegebenermaßen – mehr Zeit in den wunderbar eingerichteten Kneipen und Cafés verbrachte, als am Schreibtisch in der Villa, der zwar einladend über einem leistungsstarken Heizkörper stand – vergessen wir nicht, es war in Polen noch Winter, als ich in Krakau ankam zeigte das Thermometer noch minus 20 grad – doch mich zog es dennoch in die unzähligen Kaschemmen hinter dem Rynek, nach Kasimirz und später Podgórze, dem aufsteigenden Trendviertel der Stadt. Dort fotografierte ich Tilman Rammstedt, einen Stipendiaten, der eigentlich ein Freund war, den ich so schon sehr lange kannte und mit dem ich schon viele Lesungen organisiert hatte, dem ich paradoxerweise erst über dem nach polnisch-türkischer Art aufgegossenen Mokka in der Küche im Untergeschoss der Villa näher kam und der großzügig seine Woitecs und Jameks mit mir teilte, kampferfahrene Trinker, die im Vis-à-vis die Nacht zum Tag machten und einen Witz nach dem anderen erzählten. Denn eines unterscheidet uns wirklich voneinander, der Deutsche mag zwar in der Kneipe bisweilen zum Philosophieren neigen, der Polen an sich und für sich und überhaupt verpackt seine Gedanken in mitreißende Pointen, die Lacher unter dem allabendlichen Trompeten auf dem Rynek haben sich mir tief ins Gedächtnis gefräst. Ein Deutscher, ein Pole, ein Russe ... erzählten sich was ...

Nein, ich muss hier auch Gutes reden, von Renata, die mich nicht nur in den Alltag der Villa einwies, sondern mir auch einen treuen Begleiter zur Seite stellte: Primoz Cuznik. Ein slowenischer Dichter, Leiter des Verlags Sherpa und Übersetzer aus dem Polnischen in seine immer vom Aussterben bedrohte Balkansprache, die zwischen dem mächtigen Kroatisch-Bosnisch-Serbischen Dialektkontinuum und dem österreichisch gefärbten Deutsch vor sich hindarbte. Primoz bezog nur Stunden nach meiner Ankunft das auf dem Gang neben mir liegende Zimmer. Ich hatte mich beim Anblick der verschneiten Villa bereits auf mehrere Monate Solitude eingerichtet. Ich schlich durch die Gänge und vernahm kein einziges Geräusch, nur ab und zu drehte der Wachmann bewaffnet mit Taschenlampe, Schlagstock und Pornoheftsammlung im Rucksack seine Runde durch die polnische Polarnacht. Primoz klopfte, kaum dass er seine Koffer ausgepackt hatte, an meine Tür und fragte: „Bist du der Neue? Ich kenne mich ein bisschen aus in Krakau. Wenn du magst, komm doch heute mit, es gibt eine Party.“

Vor der Party gab es ein Treffen mit den Freunden von Primoz im Café des Bunker Stuky, Bohemians, die aber meine besten Freunden in Krakau werden sollten: Adam Wiedemann und sein damaliger Freund Tobiek und drei, vier andere aufstrebende oder schon wieder abstürzende Literaten, Künstler und Schauspieler, deren Namen ich leider schon wieder vergessen habe. Vom Bunker Stuky zogen wir weiter in ein Off-Theater in einer Straße in der Nähe der Wisła, ich erinnere mich nicht mehr, ob auf Kasimierzer Seite oder schon in Podgórze, das monologische Stück mit vielen Effekten aus der Windmaschinen und einem live gespielten präparierten Schlagzeug war nicht der Rede wert, die Party danach führte uns auf jeden Fall nach Podgórze, in einen jener verlorenen Plattenbauten, in denen sich ein Jungspunt in einer verfallenden Bruchbude eine eigene Bleibe eingerichtet hatte und unsere mitgebrachte, auf dem Weg bereits halb geleerte Flasche Zubróvka mit einer herablassenden Geste quittierte. Wir waren eine Flasche und sechs Personen. Er musterte uns auf der Schwelle von Kopf bis Fuß, keiner von uns hatte sich partytauglich in Schale geworfen, wir stanken nach Alkohol, Zigaretten und Schweiß, wir hatten Pickel im Gesicht und das erste was wir unternahmen, war seinen Kühlschrank zu plündern.

Er ließ sich dennoch nicht beirren, gekleidet in einen beigen Samtbademantel und weißen, spitz zulaufenden Schuhen, uns den ganzen Abend mit einer sehr reduzierten Musikauswahl zu terrorisieren, die in der Erinnerung aus einem einzigen Lied bestand: einem durch orientalische Samples aufgepeppten Track der Chemical Brothers, der damals in Krakau furchtbar in gewesen sein muss. Eine Gewohnheit der Krakauer wohl, denn ein Jahr später passierte ich abermals die ehemalige polnische Hauptstadt und hörte in allen Gassen nur den Durchschlagshit von Rihanna, „...umbrella ella ella eh eh eh ...“

Wir tranken Wodka mit Pampelmusensaft, Wodka mit Apfelsinensaft, Wodka mit Apfelsaft, Wodka mit Wodka. „Wodka auf Eis ist was für Weicheier“, sagte Adam. Primoz machte sich irgendwann an die Flasche bulgarischen Weins und sagte zu mir, er vertrage nicht so viel. Er trinke lieber Espresso. Und höchstens ein, zwei Bier am Abend.

Ich erinnere mich nicht, wie ich an diesem Abend aus Podgórze in die Villa Decius zurückgekommen bin. Im Nachhinein erscheint mir die Hypothese einer mit Primoz gemeinsam unternommenen Taxifahrt am wahrscheinlichsten. Am nächsten Tag schlief ich mich aus – doch Primoz, unverkatert wie er war, setzte sich frühmorgens schon an seine Übersetzungen und klopfte wieder an meine Tür, als ich kaum die Augen aufgeschlagen hatte. Er wollte ihn die Stadt, essen und einen Kaffee trinken – er argumentierte, er hätte sein Tagewerk bereits vollbracht, fünf Seiten polnischer Prosa ins Slowenische übertragen. Ich schluckte, wagte aber nicht das beginnende Pflänzchen einer Freundschaft auf Lebenszeit durch den pedantischen Einwand eines deutschen Beamten zu ersticken.

Wir saßen im Dym, ich fotografierte die Bar, Primoz bestellte Kawa. Wenn wir an anderen Tagen in Polakowski zu Mittag aßen, führte er mich in eine unmögliche Bar am Platz, die eingerichtet war wie eine Raumstation aus einem 80er-Jahre-Film und beharrte darauf, dass sie dort den besten Kaffee Polens servierten. Er hatte recht, wie er fast immer recht hatte, aber er war kein Rechthaber. Er war vielmehr – wie die meisten Slowenen eine höchst unsichere Person, aus einem kleinen Land, das fast so klein war, dass man es auf den meisten Landkarten überhaupt nicht erkennen konnte, ein Land, dessen Namen mit einer kleiner Fußnotenzahl irgendwo am Kartenrand verzeichnet werden musste, so wie Fidschi oder Tuvalu.

Das erste Mal, dass ich Adam Wiedemann besuchte, legte er Platten mit unbekannter polnischer Klassik auf, polnischem Freejazz und polnischem R’n’B. Adam arbeitete damals als Kollaborateur für eines der nach der Wende entstandenen Supplements einer Tageszeitung oder wahlweise für eine Fachzeitschrift für Musikologie. Er las uns seine Kritiken der uraufgeführten Symphoniekonzerte kasachischer Komponisten oder der Platten amerikanischer Elektroniker vor, und wir lauschten andächtig seinen Worten, dachten aber die ganze Zeit an Wodka. Diejenigen von uns, die nicht schwul waren, wie die Mehrzahl der Freunde von Adam, erfreuten sich an der Anwesenheit seiner Mitbewohnerinnen, allesamt junge polnische Mädchen, frech und katholisch, die zum ersten Mal von ihren Familien in der Provinz weggezogen waren und in Krakau nun Film-, Literatur-, wenn nicht Theaterwissenschaft oder Jura oder Marketing studierten. Alle konnten mindestens Französisch, Spanisch, Portugiesisch oder Schweizerdeutsch – überhaupt hat mich die junge Generation von Polen immer schon durch ihre Sprachgewandtheit überrascht. Russisch hingegen, schüttelten sie unisono den Kopf, könnten sie überhaupt nicht, hätten sie nie gehört, das wäre auch mit ihrer Sprache so wenig verwandt wie das Deutsche mit dem Japanischen ...

Nur Aldona, ein Gruftie mit lettischem Namen und schwarz umränderten Augen, ursprünglich aus Szeczin und höchstwahrscheinlich queer, fiel aus dem Raster. Sie erzählte mir von Fahrten nach Lwów, L’viv, Lemberg in der Westukraine, von Spaziergängen durch die Weiten der Tantra. Ich beschloss, nach Odesssa zu fahren. Eine Entscheidung, die ich erst ein Jahr später mit meiner lieben Freundin Sarah einlösen konnte.

Renata dagegen war kurz angebunden, als ich ihr meinen Wunsch, die ukrainische Stadt am schwarzen Meer kennen zu lernen, mitteilte. „Vielleicht ein anderes Mal“, sagte sie, „aber jetzt kommen die Homini Urbanae, und es wäre schön, wenn du ihnen ein wenig die Stadt zeigen könntest!“ Widerspruch zwecklos.

Die Homini Urbanae, gestandene Leute aus den Schreibwerkstätten und Kaderschmieden aus Hildesheim, Leipzig und Voralberg, aus den Universitäten von Minsk, Warszawa, Wilna und K’viv, waren so etwas wie die Stargäste der Villa, die die übrigen Stipendiaten in den Schatten stellten, weil sie von einer Außenministerkonferenz der betroffenen Staaten direkt vorgeschlagen worden waren oder zumindest von den persönlichen Referenten der Außenminister. Ehrlich gesagt waren sie zutiefst schüchterne und wankelmütige Menschen, die sich in ihren Zimmern versteckten, und wenn man ihnen zufällig auf dem Gang begegnete, dann streckten sie einem schnell die Hand hin und machten auf der Stelle kehrt, um wieder in ihren Zimmern zu verschwinden, und das Ohr solange an die Tür drückten, bis auf dem Flur kein Geräusch mehr zu vernehmen waren.

Oder Dorota Masłowska, die uns eines Abends in eine dreistöckige Disko entführte – eingentlich war es keine dreistöckige Disko, sondern ein Haus, auf dem auf drei Etagen und im Keller verschiedene Clubs funktionierten – mit völlig unterschiedlichen Musikangeboten – wir mochten das Kitsch – das war eigentlich einen Schwulendisko, aber ich glaube ich verrate nicht zuviel, wenn ich erzähle, dass ich hier meine besten Nächte mit Tilman und James, dem Expat, verbrachte, auf Tischen tanzend im Gleichklang mit einem Transvestiten im Leopardenfell ...

Dorota Masłowska und ihre blonde Freundin, eine Bassistin, luden uns in die zweite Etage ein, den Rockerclub, wo sie die übliche fransige Postrockscheiße in die Instrumente dengelten. Nicht übel, ehrlich gesagt. Aber vielleicht auch nur, weil Dorota und die Freundin umwerfend gut aussahen mit ihren schwarz-weiß-geringelten Stulpen und diesen nachlässigen Frisuren, die ständig ins Gesicht fielen. In der Pause wollten sie trotz unserer anfeuernder Rufe aus der erste Reihe nicht mit uns reden, taten so, als würden sie uns nicht kennen. Wir zogen Biere und stiegen hinauf ins Kitsch, da war die Stimmung garantiert besser.

Ach ja das Schreiben. In Polen habe ich auch geschrieben. In den letzten Wochen, als sich alles dem Ende neigte, und Primoz nach Kattowice fuhr, wegen einer Lesung, und ich ganz allein in der Villa war, da schrieb ich Gedichte, aber nicht über Polen, sondern über Buenos Aires, wo ich ein Jahr vorher einen Monat verbracht hatte. Vielleicht ist es bei mir immer so, ich schreibe mit einer Zeitverzögerung. Jetzt sitze ich in einer eiskalten Wohnung in Berlin Neukölln, der Winter ist unerwartet dieses Jahr schon im September hereingebrochen und der Vermieter hat die Zentralheizung noch nicht angestellt, und ich schreibe über Polen, obwohl Krakau schon zwei Jahre her ist.

Und Odessa: Es ist ein Sehnsuchtsort, man muss einmal dort gewesen sein – sonst kann man nicht sterben. Von Krakau fährt ein Zug direkt in den russisch überlaufenen Badeort in 26 Stunden. Auf der Fahrt schläft man irgendwie oder trinkt viel Wodka, wie die Polen, die sich Südfrankreich oder Mallorca nicht leisten können – aber das sind die wenigsten – die Polen, die noch das Abenteuer im Wilden Osten suchen, die sind uns auch begegnet, meiner Freundin Sarah und mir, als wir im Sommer 2007 über Krakau nach Odessa fuhren. Auf der Hinfahrt war in unserem Abteil ein polnisches Pärchen aus Łódz, er Keksfabrikant, sie Studentin. Very cute. Er war ständig stolz auf sie („She ist so intelligent, such a good girl!“) und sie wies seine Lobhudelei ständig zurück („He is not true. I am a lazy studend!“). Wir haben in Odessa einen Abend mit ihnen verbracht – irgendwo im Zentrum, eine dieser baumbestandenen Strassen, ein Café, es war Sonntag, es war schwierig, überhaupt noch irgendwo reinzukommen, schon alles geschlossen, nach dem uns die Schweizer aus ihrem Wareinike-Restaurant hinauskomplementiert hatten. So fanden wir nur diese Bar mit der obsessiven Kellnerin, die nicht davor zurückschreckte, selbst während wir tranken und Pistazien knackten, mit dem Handfeger über den Tisch zu kehren. Wir tranken uns durch die ganze Karte, weil die Flaschen in Odessa furchtbar klein sind, gefühlte 0,4 l. Wir bestellten moldawischen, mongolischen, kasachischen, usbekischen, turkmenischen Wein und Wein aus Wladiwostok.

Christopher, wie sich unser polnischer Freund nannte, und seine Freundin Anne verabschiedeten uns an der Kreuzung Richtung Moldawanka. Ich dachte kurz an Krakau, an Renata, Primoz, Adam und an Nazar Honchar, den großen Lemberger Dichter und Performer der Orangenen Revolution, mit dem wir ein Jahr zuvor in den weitläufigen Kellern der Villa Decius Bücher gekocht haben ... Aber das ist eigentlich eine andere Geschichte. Ich sage nur soviel: Wir trafen uns eines Nachmittags und jeder brachte ein Buch mit, das ihm sehr am Herzen lag, oder das er für die Menüfolge am Geignesten erachtete, und dann siedeten wir die Bücher in heißem Wasser und unter geduldigem Rühren entstand ein dankbares Porrege. Gewürzt mit Suppengrün, Tabasco und Sojasoße – ganz wie Sie wünschen. Tobiek hatte die wahnwitzige Idee ein grob zerteiltes Anatomiebuch als Wiener Schnitzel zu braten. Nazar Honchar formte Knödel aus einem vergessenen Gedichtband von Andrujovich und alle hatten ihren Spaß. Gombrowicz stand auf der Schwelle der Villa und feuerte uns an. Renata kam am nächsten Tag mit den Bildern der Überwachungskamera und wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.